Meg Stuart erhält den Goldenen Löwen in Venedig
Meg Stuart erhält den Goldenen Löwen in Venedig

Ein Hauch von Ewigkeit

Meg Stuart erhält in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk

Das Eröffnungsstück der Tanzbiennale Venedig ist das unverwüstliche „Built to Last“ von Meg Stuart.

Venedig, 24/06/2018

Bei der Übergabe des Goldenen Löwen im Venezianischen Teatro alle Tese am 22. Juni witzelt Meg Stuart, dass sie mit vergleichsweise jungen 53 Jahren für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. Dennoch gesteht die wegweisende Choreografin, sie sei von der Ehre nachdenklich berührt.

Inhaltlich stimmig folgt auf die Zeremonie die Wiederaufnahme von „Built to Last“. Wie der Titel verrät, fragt Stuart darin, wie wir uns der Ewigkeit versichern. Fünf Jahre nach der Uraufführung in den Münchner Kammerspielen wirkt das Stück bedrückend aktuell. Drängen nicht autoritär-politische Eliten vermehrt in die Geschichtsbücher?

Dem ernsten Thema zum Trotz entwickelt Stuart die Performance erstaunlich humorvoll. Eine mobileartige Konstruktion des Universums hängt von der Decke, ein zerlegbares Dinosaurierskelett aus Pappe steht auf der Bühne. Dragana Bulut, Davis Freeman, Anja Müller, Maria F. Scaroni und Kristof Van Boven agieren darin in einer Bandbreite von freudvoll-energiegeladen bis apathisch-erschöpft, ohne eine durchgehende Handlung zu erzählen. Einige Ensemblemitglieder sind übrigens Dauergäste bei Meg Stuart. Ihr mittleres Alter und die vom Leben gezeichneten Körper erhalten im Licht des Goldenen Löwen eine zusätzliche Aussagekraft.

Methodisch stellt „Built to Last“ eine Zäsur in Stuarts Schaffen dar. Erstmals konfrontiert sich die gebürtige Amerikanerin und Wahleuropäerin mit bedeutenden Kompositionen, etwa von Karlheinz Stockhausen, Ludwig van Beethoven, Anton Bruckner, György Ligeti und Arnold Schönberg. Eindrucksvoll lässt sich das herausragende Ensemble auf die dramatischen Musikfragmente ein, verliert in orgiastischen Ausbrüchen scheinbar die Kontrolle und zeigt die schambesetze Leere, welche den Ausbrüchen folgt. Dabei offenbart sich der ambivalente Sog von symphonischen Werken, sein manipulatives Potential und ebenso seine glitzernde Schönheit. Stuarts Bewegungsvokabular erinnert mit einer präzisen Signalorientiertheit an die Zeichen des Bodenpersonals am Flugfeld. Wie Ellbogen blitzartig knicken, Finger schnippen, Hände zittern oder Gelenke schwingen, das ist hochkomplex und polyphon in Szene gesetzt. Zu den vergnüglichsten Szenen des Abends zählen das maskierte Ensemble als Volkskundeobjekte sowie die Siegesposen von Anja Müller auf einem Container, bei welchem sie den Kopf immer wieder einziehen muss, damit er nicht von den kreisenden Planeten des Deckenmobiles getroffen wird.

Zu wünschen bleibt, dass für Meg Stuart ein Diamantener Löwe ins Leben gerufen wird, den sich die Ausnahmekünstlerin in 30 Jahren für ihr Alterswerk einheimst.

 

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