HOMEPAGE



Venedig

EIN HAUCH VON EWIGKEIT

Meg Stuart erhält in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk



Das Eröffnungsstück der Tanzbiennale Venedig ist das unverwüstliche "Built to Last" von Meg Stuart.


  • Meg Stuart erhält den Goldenen Löwen in Venedig Foto © on
  • Meg Stuart erhält den Goldenen Löwen in Venedig Foto © on
  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Eva Würdinger
  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Chris van der Burght
  • "Built to Last" von Meg Stuart Foto © Julian Röder

Bei der Übergabe des Goldenen Löwen im Venezianischen Teatro alle Tese am 22. Juni witzelt Meg Stuart, dass sie mit vergleichsweise jungen 53 Jahren für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird. Dennoch gesteht die wegweisende Choreografin, sie sei von der Ehre nachdenklich berührt.

Inhaltlich stimmig folgt auf die Zeremonie die Wiederaufnahme von "Built to Last". Wie der Titel verrät, fragt Stuart darin, wie wir uns der Ewigkeit versichern. Fünf Jahre nach der Uraufführung in den Münchner Kammerspielen wirkt das Stück bedrückend aktuell. Drängen nicht autoritär-politische Eliten vermehrt in die Geschichtsbücher?

Dem ernsten Thema zum Trotz entwickelt Stuart die Performance erstaunlich humorvoll. Eine mobileartige Konstruktion des Universums hängt von der Decke, ein zerlegbares Dinosaurierskelett aus Pappe steht auf der Bühne. Dragana Bulut, Davis Freeman, Anja Müller, Maria F. Scaroni und Kristof Van Boven agieren darin in einer Bandbreite von freudvoll-energiegeladen bis apathisch-erschöpft, ohne eine durchgehende Handlung zu erzählen. Einige Ensemblemitglieder sind übrigens Dauergäste bei Meg Stuart. Ihr mittleres Alter und die vom Leben gezeichneten Körper erhalten im Licht des Goldenen Löwen eine zusätzliche Aussagekraft.

Methodisch stellt "Built to Last" eine Zäsur in Stuarts Schaffen dar. Erstmals konfrontiert sich die gebürtige Amerikanerin und Wahleuropäerin mit bedeutenden Kompositionen, etwa von Karlheinz Stockhausen, Ludwig van Beethoven, Anton Bruckner, György Ligeti und Arnold Schönberg. Eindrucksvoll lässt sich das herausragende Ensemble auf die dramatischen Musikfragmente ein, verliert in orgiastischen Ausbrüchen scheinbar die Kontrolle und zeigt die schambesetze Leere, welche den Ausbrüchen folgt. Dabei offenbart sich der ambivalente Sog von symphonischen Werken, sein manipulatives Potential und ebenso seine glitzernde Schönheit. Stuarts Bewegungsvokabular erinnert mit einer präzisen Signalorientiertheit an die Zeichen des Bodenpersonals am Flugfeld. Wie Ellbogen blitzartig knicken, Finger schnippen, Hände zittern oder Gelenke schwingen, das ist hochkomplex und polyphon in Szene gesetzt. Zu den vergnüglichsten Szenen des Abends zählen das maskierte Ensemble als Volkskundeobjekte sowie die Siegesposen von Anja Müller auf einem Container, bei welchem sie den Kopf immer wieder einziehen muss, damit er nicht von den kreisenden Planeten des Deckenmobiles getroffen wird.

Zu wünschen bleibt, dass für Meg Stuart ein Diamantener Löwe ins Leben gerufen wird, den sich die Ausnahmekünstlerin in 30 Jahren für ihr Alterswerk einheimst.

Veröffentlicht am 24.06.2018, von Ingrid Türk-Chlapek in Homepage, Gallery, Leute, News 2017/2018

Dieser Artikel wurde 813 mal angesehen.



Kommentare zu "Ein Hauch von Ewigkeit"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    "HUNTER" AN DEN KAMMERSPIELEN

    Meg Stuart mit ihrem ersten abendfüllenden Solo in München

    „Wie kann ich die vielen Einflüsse und Spuren verarbeiten, die mich als Person und als Künstlerin geprägt haben? Wie kann mein Körper möglichst viele Genealogien und noch unverwirklichte Geschichten entfalten?“

    Veröffentlicht am 03.03.2015, von Pressetext


    1000 ANFÄNGE

    Meg Stuart mit dem prozesshaften „Sketches/Notebook“ an den Münchner Kammerspielen

    Entwickelt am HAU Berlin ist „Sketches/Notebook“ im Kollektiv und der Disziplinen übergreifenden Verschränkung von Tanz, bildender Kunst und Musik entstanden.

    Veröffentlicht am 10.05.2014, von Miriam Althammer


    IM MITEINANDER DURCH DIE WELT DES TANZES

    Ein Blog zur Tanzplattform 2014

    Carolin Jüngst, Absolventin der Theaterwissenschaft an der LMU München, ist für uns bei der Tanzplattform 2014 auf Kampnagel Hamburg und wirft einen Blick auf die eingeladenen Produktionen.

    Veröffentlicht am 01.03.2014, von Gastbeitrag


    JURY WÄHLTE ZWÖLF HERAUSRAGENDE PRODUKTIONEN FÜR TANZPLATTFORM 2014

    Vom 27. Februar bis 2. März 2014 findet auf Kampnagel die Tanzplattform Deutschland statt.

    Gezeigt werden aktuelle Arbeiten von The Forsythe Company, Tino Sehgal, Raimund Hoghe, VA Wölfl, Meg Stuart, Laurent Chétouane, Antonia Baehr, Richard Siegal, Sebastian Matthias, Isabelle Schad, Zufit Simon und Swoosh Lieu.

    Veröffentlicht am 25.10.2013, von Pressetext


    BRUCHLINIEN ZWISCHEN ZWEI KÖRPERN

    Tanz, Performance und Installation bei der Ruhrtriennale auf Pact Zollverein

    In "the fault lines" verschmilzt der Tanz von Meg Stuart und Philipp Gehmacher mit der Videokunst von Vladimir Miller. Mensch und Technik umarmen sich zum anrührenden Kunstwerk aus Performance und Installation.

    Veröffentlicht am 21.09.2013, von Marieluise Jeitschko


    RADIKALITÄT IHRER KÖRPERFORSCHUNGEN UND IMPULSE FÜR DIE DARSTELLENDE KUNST

    Konrad-Wolf-Preis 2012 an Meg Stuart

    Veröffentlicht am 15.11.2012, von Pressetext


    KONRAD-WOLF-PREIS FÜR MEG STUART

    Preis der Akademie der Künste geht an die Tänzerin und Choreografin Meg Stuart

    Veröffentlicht am 06.10.2012, von Pressetext


    KNICK IN DER OPTIK

    Meg Stuart, Philipp Gehmacher und Vladimir Miller in „the fault lines“ auf der Sommerszene Salzburg

    Veröffentlicht am 11.07.2012, von Anke Hellmann


    ES BLEIBEN FRAGEZEICHEN

    „Built to last" von Meg Stuart an den Münchner Kammerspielen

    Veröffentlicht am 02.05.2012, von Malve Gradinger


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    UNERWARTETE MAGIE

    „Die Solisten“ tanzten in der Heidelberger Hebelhalle
    Veröffentlicht am 25.09.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    GROßSTADTSOUNDS

    Ein Orchester-Education-Project am Stadttheater Gießen
    Veröffentlicht am 25.09.2018, von Dagmar Klein


    VERLEIHUNG DES DEUTSCHEN TANZPREISES

    Große Gala im Essener Aalto Theater
    Veröffentlicht am 23.09.2018, von Anja K. Arend



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ BEWEGT KINDER

    TANZEN BEWEGEN RHYTHMISIEREN

    Berufsbegleitende Ausbildung zur musikpädagogischen Fachkraft in „Kindertanz“ an der Akademie für Musikpädagogische Ausbildung Baden-Württemberg.

    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    TANZ 28: NEW WAVES

    «Tanz Luzerner Theater» eröffnet die Spielzeit 18/19 am Samstag 13. Oktober um 19.30 Uhr mit dem Triple-Bill-Abend «New Waves».

    Veröffentlicht am 28.08.2018, von Anzeige


    IST ÜBERALL

    Marco Goecke zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart

    Veröffentlicht am 03.09.2018, von Alexandra Karabelas


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ZUR TRENNUNG VON ADOLPHE BINDER

    Statement des Wuppertaler Stadtdirektors Dr. Johannes Slawig

    Veröffentlicht am 30.08.2018, von tanznetz.de Redaktion


    HURRA!

    "Unstern" von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Veröffentlicht am 14.09.2018, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP