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Mannheim

IM BANN DUNKLER MÄCHTE

Zum neuen zweiteiligen Mannheimer Tanzabend „Verräterisches Herz“



Stephan Thoss hat ein Faible für Geheimnisse, Rätsel und doppelbödige Überraschungen. In „Verräterisches Herz“ zeichnet er mit Motiven von Edgar Ellen Poe mit Schmackes den Weg eines Mörders in den Wahnsinn nach.


  • Stefan Thoss' „Verräterisches Herz“ am Nationaltheater Mannheim Foto © Hans-Jörg Michel
  • Stefan Thoss' „Verräterisches Herz“ am Nationaltheater Mannheim Foto © Hans-Jörg Michel
  • Jirí Pokornýs "Nous" am Nationaltheater Mannheim Foto © Hans-Jörg Michel
  • Jirí Pokornýs "Nous" am Nationaltheater Mannheim Foto © Hans-Jörg Michel

Der Mannheimer Tanzchef Stephan Thoss hat ein Faible für Geheimnisse, Rätsel und doppelbödige Überraschungen. Klar, dass er bei Edgar Ellen Poe bestens fündig wurde – gilt der amerikanische Schriftsteller doch als Urvater von Kriminalroman, Science-Fiction und Mystery-Literatur. Für den Tanzabend „Verräterisches Herz“ und sein gleichnamiges Stück hat Thoss Motive von Poe als Grundlage für ein Libretto gewählt, das mit Schmackes den Weg eines Mörders in den Wahnsinn nachzeichnet. Dafür hat der Choreograf (auch verantwortlich für Bühne und Kostüme) ein klaustrophobisches Zimmer aus dem vor-vorigen Jahrhundert gebaut. Das Stück setzt direkt nach dem Mord eines Mannes (Joris Bermans) an seiner Geliebten ein und verfolgt, wie der Mörder vergeblich versucht, die Tat zu vertuschen, zu verdrängen, zu vergessen.

Für seinen allmählichen Weg in den Irrsinn (sprich Schizophrenie) kostet Stephan Thoss eine knappe Stunde lang genüsslich die Tricks der Bühnentechnik und optischen Illusionen aus. Da verschwindet die Leiche gänzlich unterm Teppich, dafür tun sich in Schränken, hinter Türen und Bilderrahmen umso bedrohlichere Abgründe auf. Alles und jeder – von den Versatzstücken des unseligen Candlelight-Dinners bis zur aufdringlichen Nachbarin – scheint mit den Schattenmächten im Bund, die den Täter wieder und wieder an seine Tat erinnern. Vor allem Alexandra Chloe Samion als „Schwarze Seele“ umgarnt den Gehetzten permanent und lässt kein Entkommen aus dem psychischen Alptraum zu.

Für diese Reise in das Herz der psychischen Finsternis hat Stephan Thoss eine höchst ehrgeizige musikalische Collage zusammengestellt. Danny Elfmans Orchesterwerk „Serenada Schizophrana“ steht im Zentrum, ergänzt durch Stücke von Ólafur Arnalds, Alfred Schnittke, Giya Kanacheli, Nils Frahm und Ramin Djawadi. In diesen akustisch hoch aufgeheizten Stimmungsraum ließ Thoss sein dreizehnköpfiges Ensemble in wechselnden Rollen los mit dem Ziel, den Untergang einer überreizten Psyche zu beschwören. Für den Erfolgs-Choreografen, der als einer der wenigen Ensemblechefs hierzulande nicht vom Ballett, sondern von der Ausdruckstanz-Tradition herkommt, bot diese Thematik genau die passende Herausforderung. Wo es ums Überreizen geht, ist natürlich viel Bewegungs-Pathos im Spiel, das von den TänzerInnen glänzend gemeistert und vom Publikum weitaus mehr amüsiert als schockiert aufgenommen wurde. Denn leidtun wollte einem der Mörder bei aller Zerrüttung dann doch nicht.

Was Stephan Thoss mit derselben Energie vorantreibt wie das eigene Choreografieren, ist die Präsentation von jungen choreografischen Talenten. Da hat er bislang schon ein sensationell gutes Händchen bewiesen – und wieder bei der Wahl von Jiří Pokorný, der die zweite Uraufführung des Abends beisteuerte. Der Ex-Tänzer bei Nederlands Dans Theater hat zwar schon durch eigene Arbeiten auf sich aufmerksam gemacht, aber noch nie zuvor in Deutschland choreografiert. Das könnte, sollte sich nach dem Mannheimer Debut ändern. Mit „Nous“ lieferte er ein 30-Minuten-Kabinettstücken ab, das einen attraktiven Kontrast zum Eingangsstück bot: abstrakt auf leerer Bühne, mit zurückhaltendem Bewegungs-Vokabular, mit nur sieben TänzerInnen und doch erstaunlichen Berührungspunkten. So krächzt in diesem Stück auch mal ein Rabe vom Band – und lässt an Edgar Ellen Poes Ballade „The Raven“ und dessen raunendes „Nimmermehr“ denken.

Schicksalhaften Umbrüchen im Leben ist auch Jiří Pokorný auf der Spur und hat sich dafür einen phantastischen Soundtrack von Davidson Jaconello komponieren lassen. Der Ex-Tänzer aus dem Mannheimer Kevin-O’Day-Ensemble blies akustisch zum Sturm, wenn das Schicksal hohe Wellen schlug, und baute zur Besänftigung ein Stück von Keith Jarrett ein – alles wie aus einem Guss. So wirkte auch die Choreografie, die wie im Zeitraffer die verschiedenen Versuchsanordnungen und Stadien des Miteinanders – einschließlich heftiger Brüche – beschwört. Das ist, von der erste bis zur letzten Szene, feinstes Tanz-Kino.

Veröffentlicht am 04.06.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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