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Wuppertal

EIN TRAUERSPIEL

"Neues Stück II" von Alan Lucien Øyen am Tanztheater Wuppertal enttäuscht



Die Versuche das Erbe einer schon zu Lebzeiten als Legende gefeierten Künstlerin zu verwalten und zu erhalten, gehen mit der zweiten Premiere dieser Saison beim Wuppertaler Tanztheater in die nächste Runde.


  • "Neues Stück II" von Alan Lucien Øyen Foto © Ursula Kaufmann
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  • "Neues Stück II" von Alan Lucien Øyen Foto © Ursula Kaufmann

Es ist ja nicht getan mit der Trauer und Reminiszenz. Auch für das Wuppertaler Tanztheater muss gelten, was Richard Wagner von seinen Jüngern forderte: "Kinder, schafft Neues!" Aber der Weg zu neuen Ufern ist - zumal in den langen Jahren der Trauer - brutal steinig. Auch in Wuppertal ist er mit den tiefen Spuren eines Genies und etlichen Memorabilia, bis hin zu den MitstreiterInnen auf der Bühne gepflastert.

Der Grieche Dimitris Papaioannou hatte vor einigen Wochen im Opernhaus Wuppertal in seiner Bausch-Hommage "Seit sie...." gerade die richtige Balance zwischen originellen Bildern aus dem Geist von Bauschs Kunst und Zitaten aus ihren Stücken gefunden. Doch "Neues Stück II" des Norwegers Alan Lucien Øyen erschöpft sich im dreieinhalb-stündigen, düsteren Lamento eines Epigonen aus einem ganz anderen Geist als dem der menschlichen Weltbürgerin Pina Bausch.

Hier müffelt der kleinkarierte Kleinbürgermief von der Lindenstraße herüber, da kreiseln Bruchstücke einer puppigen Wohnstube mit pastellfarbenen Blümchentapeten und pergament-beschirmten Wandlämpchen eines prosaischen Bestatterbüros und eines chaotischen Filmstudios mit unbeschwerten Teenies (bis 60), die ihre unwissende Lebenslust oder wissende Wut in ziemlich uniformen, zackigen Soli vertanzen, um die Wette.

Für diese Tanztheatertragödie bemüht der Choreograf fast die Hälfte der derzeitig 38 Mitglieder des weltberühmten "Tanztheaters Wuppertal Pina Bausch." Ein Dutzend von ihnen tanzte noch bei Bausch-Uraufführungen. Während Papaioannou der ersten und zweiten Generation der Bausch-TänzerInnen Reverenz erwies mit vornehm diskreten Auftritten von Julie Anne Stanzak im eleganten, bodenlangen, schwarzen Etuikleid, bedient sich Øyen einfach des jetzigen Personals und zwängt sie in Plisseeröcke und enge Jeansjacken, umgedrehte Baseballcaps und Blümchenkleider. Die Ausstattung (Bühne: Axel Eales, Kostüme: Stine Sjøgren) ist eine Ohrfeige für Peter Pabst und Marion Cito.

So wird für manche ZuschauerInnen der Premierenabend zum Trauerspiel. Düster dümpeln die nur sporadisch verständlichen Dialoge dahin. Mut ist das einzig positive Attribut, das diese Produktion verdient. Aber auch das ist bitter im Nachgeschmack angesichts alternder Diven und Galane früherer Bausch-Zeiten: eine allzu brave Nazareth Panadero als properes Matrönchen, eine schüchterne Helena Pikon als um den Tod des Bruders Trauernde beim Bestatter, Diva Julie Shanahan ist trotz brennendem Streichholz ohne Feuer (im Filmstudio und von Bewunderern umgeben, aber auch mal im eng auf der Taille sitzenden Faltenrock mit weißer Bluse), die rassige Regina Advento als Zigarettenverkäuferin im Kino, Aida Vainieri wie eine brave Immigrantin - bar ihrer unvergleichlich lasziven Verführungskünste - und Andrey Berezin als Bestatter und Zeremonienmeister geschäftsmännisch säuerlich lächelnd. Rainer Behr stellt sich einmal mehr als drahtiger Wirbelwind zur Verfügung - aber wie wütend! Nett sind 'die Neuen', vor allem Emma Barrowman und Stephanie Troyak.

Vielleicht ist die Zeit einfach noch nicht reif für ein "Tanztheater Wuppertal ohne Pina Bausch". Vielleicht sollte sich die Tanzwelt mit "Bausch-Festspielen Wuppertal" begnügen - so wie die Kleinstadt Bayreuth und die Familie Wagner sich beharrlich auf das musiktheatralische Hauptwerk Richard Wagners konzentrieren. Natürlich sind Oper oder Musikdramen nicht eins zu eins vergleichbar mit dem Tanztheater und Richard Wagner schon gar nicht mit Pina Bausch.

Vielleicht hat Hermann Hesse ja doch recht mit seiner Ermunterung: "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne". Vielleicht kann es zum Beispiel nach der Eröffnung des Pina Bausch Zentrums in Wuppertal mit einem Bausch-Festival als Biennale beginnen - angelehnt an das von Bausch kuratierte Internationale Tanzfestival NRW von 2008 in bescheidenerem Umfang. Vielleicht müssen Stadt, Land, Bund und die vielen ideellen und finanziell potenten 'Freunde des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch' (angeführt von Adolphe Binder) jetzt erst mal all ihr Geld und ihren Grips zusammenlegen und ins bayerische Bayreuth pilgern, um Festival-Chefin Katharina Wagner zu befragen, wie die Familie Wagner das denn geschafft hat mit dem Gedenken an den Vorvater - um Ähnliches zu planen in den grünen Hügeln des Bergischen Lands.

Veröffentlicht am 03.06.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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