TANZMEDIEN



Paris

MODERNER TANZ IN DEN HEILIGEN HALLEN

ARTE Concert zeigt den zeitgenössischen Tanzabend aus der Pariser Oper



Mit vier ganz unterschiedlichen Uraufführungen von James Thierrée, Hofesh Shechter, Iván Pérez und Crystal Pite.


Nur aus den größten, international hoch gehandelten, sozusagen allerheiligsten Hallen des Balletts werden Aufführungen regelmäßig live ins Kino übertragen – und sind anschließend in der Videothek von ARTE zugänglich. In der Regel steht bei der Pariser Oper das beliebte klassische Repertoire auf dem Programm, Zeitgenössisches eher selten. Wenn einem aktuellen Tanzabend mit vier verschiedenen Uraufführungen diese spezielle Ehre zuteilwird ist die Erwartungshaltung hoch. Aber die neue Ballettdirektorin Aurélie Dupont weiß sehr wohl, dass auch einer so traditionswuchtigen Institution wie der Pariser Oper etwas mehr Zeitgenossenschaft dringend nottut. Die Ex-Tänzerin choreografiert nicht selbst – so hatte sie die Qual der Einladungswahl. Mit Hofesh Shechter und Crystal Pite hat sie sozusagen zwei internationale Superstars auf der Liste; dass auch István Pérez darauf steht ist ein besonderer Ritterschlag für den designierten Heidelberger Tanzdirektor.

Dem Vierten im Bunde, James Thiérrée, Enkel von Charlie Chaplin, fällt als ausgewiesenem Unterhaltungskünstler die Aufgabe zu, eingangs Foyer und Treppenhaus des Prachtbaus zu bespielen. Für "Frôlons" beschäftigt er rund die Hälfte der 120 TänzerInnen und die gesamte Kostümnäherei. So viel Gold und Glitzer, so viel angekündigte Geheimnisse machen neugierig und passen so gar nicht zum Rest des Abends. Denn bei Superstar Hofesh Shechter, der mit neun Tänzerinnen eine neue Version seines Stücks "The Art of Not Looking Back" erarbeitet, ist gleich Schluss mit jeder Art von lustig. Er erzählt davon, dass ihn seine Mutter im Alter von zwei Jahren verlassen hat – und welche Hypothek an mangelndem Vertrauen gegenüber Frauen so jemand mit sich herumschleppen kann. Freilich verlangt solch ein Stück, das mit viel Erdenschwere und israelischem Volkstanzvokabular aufgeladen ist, eher Powerfrauen als die zarten, auf Eleganz getrimmten Pariser Tänzerinnen.

István Pérez hat somit – den Regeln der Programmgestaltung folgend – ein Stück für Männer zu machen. "The Male Dancer" ist eine ziemlich kunterbunte Reflexion über das Tanzen im Jahr 2018 mit, wen wundert’s, zu viel oder zu wenig Ergebnissen – wie man’s nimmt. Vielleicht ist es nicht die allerbeste Idee gewesen, den blutjungen Fashiondesigner Alejandro Palomo für die Kostüme verantwortlich zu machen. Der flirtet in seinen Modekollektionen gern mit dem weiblichen Kleiderschrank und hat eine große Vorliebe für bombastischen Trash. So sehen die zehn Tänzer in Pérez‘ Stück aus, als hätte Palomo den Damen-Kostümfundus für ein ironisches Schaulaufen geplündert. Eingehüllt in einen spirituellen Klangraum von Arvo Pärth, scheint den Tänzern im Bewegungsvokabular zwar ihre Männlichkeit abhandengekommen zu sein, aber eine Alternative gerät nicht in Sicht.

Die Kanadierin Crystal Pite schließlich ist die Einzige, die sich auf das besondere Pariser Ensemble einlässt. Für "The Season’s Canon" stellt sie sich selbst in den Kanon der vielen tänzerischen Interpretationen von Vivaldis "Vier Jahreszeiten". Freilich wählt sie die Re-Komposition von Max Richter. Und klug, wie die ehemalige Haus-Choreografin am Frankfurter Mousonturm nun einmal ist, legt sie das Motiv des Kanons auch dem Tanz zugrunde und lässt über 50 Männlein und Weiblein Stars, aufgehende Sterne und Corps de Ballet höchst attraktiv zu einem tanzenden Ganzen verschmelzen. So lässig kann man festgefahrene Hierarchien aushebeln.

Veröffentlicht am 28.05.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Tanzmedien, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 377 mal angesehen.



Kommentare zu "Moderner Tanz in den Heiligen Hallen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    JUGENDLICHE LEIDENSCHAFT IN „ONEGIN“

    Neubesetzungen in John Crankos Ballett an der Pariser Oper

    „Onegin“ vereinte fünf Rollendebüts der „Millepied-Generation“, also Tänzer, die vom letzten Ballettdirektor Benjamin Millepied entdeckt und gefördert wurden. Selten sah man einen so jungendlichen, verzweifelt-leidenschaftlichen Onegin wie den gerade 24jährigen Hugo Marchand.

    Veröffentlicht am 26.02.2018, von Julia Bührle


    DREIMAL RAVEL

    Choreographien von Balanchine, Robbins und Cherkaoui/Jalet an der Pariser Oper

    Ein über musikalische, thematische und choreographische Parallelen zusammengestellter Abend – doch handelt es sich bei allen drei Werken nicht um die größten Meisterwerke ihrer Schöpfer.

    Veröffentlicht am 24.05.2017, von Julia Bührle


    HANDWERK DES CHOREOGRAFIERENS

    William Forsythe wird 'associate choreographer' an der Pariser Oper

    Der amerikanische Choreograf wird nun eng mit dem seit 2013 amtierenden Ballettdirektor Benjamin Millepied kooperieren, der sich als Gründer und Leiter des LA Dance Projects bereits mit Forsythes Werk auseinandersetzte.

    Veröffentlicht am 05.02.2015, von tanznetz.de Redaktion


    GENERATIONENWECHSEL AN DER PARISER OPER

    Rudolf Nurejews „Nussknacker“ in neuen Besetzungen

    „Nussknacker“ ist seit jeher ein problematisches Werk aus der Sicht des Ballettliebhabers. Die Kritiker der Uraufführung beklagten die langwierige Pantomime im ersten Akt, die wenigen Tanzpassagen, das Fehlen interessanter Solistenrollen.

    Veröffentlicht am 13.12.2014, von Julia Bührle


    ZWEI PIONIERINNEN DES HANDLUNGSBALLETTS

    „Fräulein Julie“ und „Fall River Legend“ von Birgit Cullberg und Agnes De Mille an der Pariser Oper

    Für einen der letzten Ballettabende unter ihrer Direktion wählte Brigitte Lefèvre zwei höchst dramatische Werke der Nachkriegszeit.

    Veröffentlicht am 03.03.2014, von Julia Bührle


    DOPPELTES ROLLENDEBÜT IN „ONEGIN“

    John Crankos Meisterwerk neu besetzt an der Pariser Oper

    Im prunkvollen Palais Garnier ist das Werk bereits in der dritten Aufführungsserie zu sehen. Einige Interpreten – beispielsweise Hervé Moreau, derzeit der beste Onegin der Kompanie – haben sich schon in ihre Rollen eingearbeitet.

    Veröffentlicht am 25.02.2014, von Julia Bührle


    SPANISCHES TEMPERAMENT IN DER OPÉRA BASTILLE

    Rudolf Nurejews „Don Quichotte“ in neuen Besetzungen

    Veröffentlicht am 10.12.2012, von Julia Bührle


    DIE EWIGE JUGEND VON JEROME ROBBINS UND MATS EK

    “Dances at a gathering” und “Appartement” im Palais Garnier

    Veröffentlicht am 26.03.2012, von Julia Bührle


    VON PAPAGEIEN UND ELEFANTEN

    Rudolf Nurejews „La Bayadère“ an der Pariser Oper

    Veröffentlicht am 10.03.2012, von Julia Bührle


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE GENERATION DER LOSER

    Zur Choreografie "Cementary" von Patricia Apergi in Ludwigshafen
    Veröffentlicht am 18.10.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    WESTERNHELDEN UND STEPP-ROMANTIK

    "Cowboys" mit der Sebastian Weber Dance Company am LOFFT in Leipzig
    Veröffentlicht am 17.10.2018, von Boris Michael Gruhl


    VERY BRITISH BALLET

    "Mayerling" von Kenneth McMillan als Liveübertragung
    Veröffentlicht am 16.10.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    CLAIRE CUNNINGHAM & JESS CURTIS

    The Way You Look (at me) Tonight

    How do we look at each other? How do we allow ourselves to be seen? How do our bodies shape the ways we perceive the world around us? Can we change how we see others?

    Veröffentlicht am 09.10.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    FAIR? FESTIVAL!

    Die internationale tanzmesse nrw 2018 in Düsseldorf - Ein Rückblick
    Veröffentlicht am 05.09.2018, von Natalie Broschat

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    PHILIP LANSDALE GESTORBEN

    Am 10.10. verstarb der ehemalige Bielefelder Ballettdirektor

    Veröffentlicht am 11.10.2018, von Pressetext


    VERLEIHUNG DES DEUTSCHEN TANZPREISES

    Große Gala im Essener Aalto Theater

    Veröffentlicht am 23.09.2018, von Anja K. Arend


    AUSEINANDERSETZUNG MIT DEM VERSCHWINDEN

    Katja Büchtemanns „Bachläufe“ beim Bachfest 2018 in Tübingen

    Veröffentlicht am 09.10.2018, von Katharina de Andrade Ruiz



    BEI UNS IM SHOP