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Zwickau

SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.



Die Einen sollen sich kriegen, die Anderen wollen sich kriegen in der Zwickauer Lukaskirche. Gebannt von der besonderen Raumwirkung ist Annett Göhres Choreografie ein Spiel der Irrungen, in dem Musik und Raum ineinander übergehen.


  • Annett Göhres "Sommernachtstraum" in der Zwickauer Lukaskirche Foto © Ida Zenna
  • Annett Göhres "Sommernachtstraum" in der Zwickauer Lukaskirche Foto © Ida Zenna
  • Annett Göhres "Sommernachtstraum" in der Zwickauer Lukaskirche Foto © Ida Zenna
  • Annett Göhres "Sommernachtstraum" in der Zwickauer Lukaskirche Foto © Ida Zenna
  • Annett Göhres "Sommernachtstraum" in der Zwickauer Lukaskirche Foto © Ida Zenna

Die Einen sollen sich kriegen, die Anderen wollen sich kriegen. Ein Paar ist zerstritten, zwei Männer lieben dieselbe Frau und die liebt den der anderen, ein Handwerker irrt mit der Maske eines Esels durch den Wald. An alle verteilt Puck, der faunische Droll, seinen Wundersaft. Die Säfte steigen, das Fleisch wird willig, und alle, die in diesem Sommernachtstraum zusammenkommen, genießen es in vollen Zügen, denn sie verfallen beim Erwachen aus Pucks sommernächtlichen Träumen hoffnungslos dem Wesen, das ihnen zuerst begegnet. Das kann eben auch ein Esel sein.

Wer könnte besser als Shakespeare das Komische traurig und das Ernste komisch machen und der Gewalt des anarchischen Eros Tribut zollen. Für Alfred Polgar ist seine Komödie „Ein Sommernachtstraum“, „die Dichtung, die die Erde tanzen macht“. Für den Shakespeareforscher Jan Kott ist hier die Plötzlichkeit der Liebe immer überwältigend. Den „Sommernachtstraum“ hält er für das erotischste Stück des Meisters. Die Liebenden sind auswechselbar. Die Personen reduzieren sich auf Liebespartner. Alles wie geschaffen für den Tanz. Und so gibt es zur Schauspielmusik von Felix Mendelssohn Bartholdy etliche Choreografien.

Jetzt auch in Zwickau: und das dazu in der neogotischen Lukaskirche. Da stellt sich natürlich die Frage, wie das gehen soll, wie ein Ort, der ja selbst schon von so besonderer Wirkung ist, zum Raum für den Tanz, noch dazu für eben einen „Sommernachtstraum“, werden kann. Man ist vom ersten Moment an gebannt. Die Faszination wird stärker in den folgenden 75 Minuten, was viel mit der besonderen Raumwirkung zu tun hat, denn diese wird miteinbezogen in die Inszenierung und Choreografie von Annett Göhre (Ausstattung von Mireia Vila Soriano, Licht von Enrico Burek). Zunächst ist es noch hell. Der Raum mit den großen Kirchenfenstern entfaltet seine Wirkung. Langsam dunkelt es, die Sommernacht beginnt zunächst mit sanften, romantischen Klängen, die Lichter an den Pulten des Orchesters geben ihren Zauber.

Der Tanz kommt aus der Musik, wenn die Tänzerin Yun Yeh als Oberons Waldgeist Puck auftritt und das Spiel der Irrungen und Wirrungen beginnt: Puck zunächst, dann auch die anderen Tänzerinnen und Tänzer, bewegen transparente Vorhänge mit männlichen und weiblichen Bildmotiven, die sich im Licht immer wieder verändern. So gibt es Gassen und Räume, Menschen können sich verirren, verstecken, so dass Musik und Raum ineinander übergehen, dazu die Bewegungen des Tanzes, eben ein Sommernachtstraum.

Mendelssohn Bartholdys Musik ist geprägt vom sanften Klang der Romantik, vom nächtlichen Elfenzauber, von den Sehnsüchten der Menschen, die zueinander kommen möchten. Aber wenn die ersten Konflikte kommen, wenn Titania und Oberon streiten, dann zu kontrastierender Musik des 20. Jahrhunderts von Albert Roussel. Wenn es zu den Verirrungen im nächtlichen Wald kommt, dann erklingt Igor Strawinskys rhythmisches Oktett für Holzbläser und ein toller Einfall ist es, wenn Titania mit Adrián Ros Serrano als in den Esel verwandelten Handwerker Zettel einen Tango zu Strawinsky tanzt. Und wenn am Ende die Handwerker zu den drei Hochzeiten die Tragödie von Pyramus und Thisbe aufführen, wenn sie so wunderbar tragikomisch, pantomimisch-tänzerisch aus den Rollen fallen und wieder hinein stolpern, dann improvisiert dazu Paul Gertitschke am Klavier, da geht dann einfach mal der Mond auf. Und wenn sich dann die Menschen fragen, ob das alles nur ein Traum war, wer sie denn überhaupt sind und warum sie solche Träume haben, dann legen die zwölf Tänzerinnen und Tänzer die Kostüme ab zum nachdenklichen Streicherklang des 2. Satzes aus Roussels Sinfonietta.

Außer Yun Yeh als Puck wechseln in den 17 Szenen dieser Aufführung alle ihre Rollen, das machen sie grandios, als Elfen bewegen Judith Bohlen, Nicole Stroh, Lara Kleinrensink, Kirill Kalashnikov und Nilmar F. dos Santos blitzschnell die flatternden Hände auf ihren Rücken. Im nächsten Moment sind sie wieder Handwerker, oder auch adlige Athenerinnen und Athener, Judith Bohlen und Vincenco Vitanza als Hermia und Lysander, Nicole Stroh und Elliot Bourke als Helena und Demetrius. Und zu den wunderbaren Traumtänzerinnen und Traumtänzern der gut aufgestellten Kompanie von Annett Göhre gehören auch Federico Politano und Miyuko Fukagawa als Herzog Theseus von Athen und Amazonenkönigin Hippolyta, die aber auch das zerstrittene Elfenkönigspaar Oberon und Titania sind. Das macht aber alles Sinn, denn in Göhres Choreografie sind Menschen auf der Suche nach sich selbst.

So kommen auch unterschiedliche Stile des Tanzes und des Balletts zusammen. Das geht von neoklassischen Zitaten schönster Hebefiguren im Pas de deux ganz schnell über in zeitgenössischere Varianten des Balletts. Die Tänzerinnen und Tänzer sind immer authentisch, individuell und glaubwürdig, als sei es für sie lebensnotwendig, immer wieder durch Parallelwelten zu tanzen, und dies in wunderbarer Musikalität, als hätten sie diese Klänge in sich und staunten darüber, dass sie sie hören können, dass sie sich danach bewegen in diesem „Sommernachtstraum“. Natürlich gehen entscheidende Klangimpulse aus vom Spiel des Philharmonischen Orchesters Plauen-Zwickau unter der Leitung von Vladimir Yaskorski. Da spannt sich ein Bogen vom zarten Streicherklang des flirrenden Beginns über die Dynamik der musikalisch gestalteten Irrungen und Wirrungen bis zum wiederum sehr zarten Ausklang, wenn die Paare vorerst glücklich abgehen, wenn das Herrscherpaar versöhnt ist, wenn die Handwerker heimkehren, aber Puck allein bleibt. Sein Weg führt zurück in die Musik und so endet diese Choreografie der Shakespeareschen Tragikomödie, die die Menschen in der Lukaskirche glücklich macht.

Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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Kommentare zu "Sommernachtsträume in der Kirche?"



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