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"After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi



Zwei spannende und tiefgründige Tanzstücke bei „depARTures – New choreographic strategies in Dutch Dance“. Joint Adventures aus München zeigt im Rahmen von Access to Dance eine Woche lang neue Arbeiten aus den Niederlanden.


  • "The Dry Piece" von Keren Levi Foto © Anna van Kooij
  • "The Dry Piece" von Keren Levi Foto © Anna van Kooij
  • "The Dry Piece" von Keren Levi Foto © Anna van Kooij
  • "After Trio A" von Andrea Božić Foto © Anna van Kooij
  • "After Trio A" von Andrea Božić Foto © Andrea Božić

So wirklich niederländisch ist auf den ersten Blick allerdings nichts gewesen. Die avantgardistisch-postmoderne Arbeit „Trio A“ der Amerikanerin Yvonne Rainer ist Ausgangslage für die kroatische Choreografin Andrea Božić. Die zweite Arbeit während dieser Gastwoche, „The Dry Piece“, kommt von der israelischen Choreografin Keren Levi. Der Link zu den Niederlanden: Andrea Božić wurde in Amsterdam ausgebildet (School for New Dance Development und Theater School Amsterdam) und Keren Levi lebt seit über 20 Jahren dort. Wie fast überall ist die zeitgenössische Tanzszene auch in den Niederlanden international.

Božić zeigt in der Reithalle ihre ganz eigene Herangehensweise an „Trio A“, nämlich „After Trio A“ (2010). Was passiert nun nach dieser weltberühmten Choreografie? Zuerst gibt es eine Info: Auf einem der zwei Bildschirmen auf der Bühne steht, dass die beiden Tänzerinnen die Choreografie noch nie getanzt haben und diese jetzt mithilfe eines Videos immer und immer wieder nachahmend erlernen werden. Die Tänzerin Daphna Horenczyk beginnt, blickt auf den Monitor vor ihr, auf den das Publikum nicht sehen kann, und sieht dort die Choreografie „Trio A“. Diese entstand 1966 und wurde 1978 von Yvonne Rainer selbst vor der Kamera performt. So konnte das Stück konserviert werden, um es festzuhalten und weiterzugeben. Daphna präsentiert den Zuschauern Tanzstückchen, Elemente, Bewegungen, die noch nicht zusammenpassen wollen. „Trio A“ dauert knapp elf Minuten, hier wird ungefähr die Hälfte davon eingeübt. Bald schon geht es in die zweite Runde, diesmal wird die Tänzerin zusätzlich auf einen der beiden Bildschirme hinter ihr projiziert und somit eine weitere Ebene des Tanzes und der Choreografie eröffnet. Man ist mit dem Prozess des Erlernens, der Abbildung und auch mit der Übertragung konfrontiert.

Die Übertragung wird wörtlich genommen und nochmals erweitert, als die zweite Tänzerin, Jasmine Ellis, die Bühne betritt und die Choreografie einstudiert, in dem sie Daphnas Bewegungen imitiert. Der spannende Punkt von Erlernen und Weitergabe choreografischer Arbeiten wird offensichtlich. Daphna macht Fehler, die Jasmine sogleich übernimmt. Woher wir das wissen? Das Video von 1978 wird auf einem der Bildschirme gezeigt. Original und Nachahmung treten in einen Dialog und das Publikum kann genau mitverfolgen, was wie abzulaufen hat; wo war der Fuß nicht hoch genug, der Arm an der falschen Stelle, die Drehung links statt rechts herum. Eine spannende Situation, die nur durch die jonglierende Julia Willms im Hintergrund gestört wird. Parallel wird Rainers „No Manifesto“ (1965), das sich gegen den Glamour des Tanzes richtet, von Božić ins ‚Ja’ übersetzt und aus einem „No to spectacle“ wird ein „Yes to mistakes“.

Als nach circa 45 Minuten Übungsphase die beiden Tänzerinnen mit der Choreografie allein gelassen werden, haben sie nur sich und ihre Erinnerung. Sie stocken, stolpern und schauen fragend zur Kollegin. Die Tänzerin muss geistig vollkommen anwesend sein, um die alltäglich wirkenden Bewegungen zu verinnerlichen, denn „Trio A“ ist eine schwierige Arbeit, Postmoderne eben. Und Yvonne Rainer war Vorreiterin des amerikanischen Postmodern Dance und von Anfang an beim Judson Dance Theater dabei. Ihr Bewegungsvokabular war ein neues und abstraktes; eigentlich ganz leicht wirkt „Trio A“, doch ist es ohne offensichtlich erkennbares Narrativ und somit schwer nachvollziehbar. Vielmehr werden die Inbegriffe der Performance darin deutlich: Reduktion, Abstraktion und Wiederholung. Andrea Božić fügt diesem Meilenstein der Tanzgeschichte ein ‚Danach’ hinzu, obwohl es genau genommen ein ‚Davor’ ist. Und das ergibt ein wundervolles ‚Jetzt’.

Eine ebenso tolle Arbeit hat Keren Levi mitgebracht. Sie lässt ihre vier Tänzerinnen in „The Dry Piece“ (2012) vollkommen nackt und mit Glitzer bestäubt auf der Bühne des HochX tanzen. Ein wenig geschützt sind sie durch eine Leinwand, doch der dazugehörigen Kamera, die von oben auf sie nieder blickt, können sie nicht entkommen. Nach einer choreografischen Positionsrotation zu Beginn, formatieren sie sich bald in der Mitte und treiben zur Musik von Tom Parkinson die synchronen, ornamentalen und geometrischen Formationsbewegungen von Busby Berkeley auf die Spitze. Dieser hat sensationelle Choreografien mit etlichen Frauen für Filme konzipiert; am bekanntesten ist wohl „Dames – Beautiful Girls“ von 1934. Doch so schön und hypnotisierend diese menschlichen Muster auch sein mögen, so problematisch sind sie auch. Es tanzten immer nur Frauen, die sich alle ähnlich waren – blond, schmale Statur und hübsch. So wurde das Ideal einer Frau konstruiert, das sich noch lange im Filmbusiness hielt, ausgebaut wurde und Ikonen wie Marilyn Monroe und Brigitte Bardot modellieren konnte. Doch in unserer heutigen Zeit, in der #metoo erstarkenden Wind in eine Geschlechterdebatte gebracht hat, gilt es dieses anzufechten.

In „The Dry Piece“ offenbaren die vier Tänzerinnen Madelyn Bullard, Karin Frankel, Eva Susova und Alicia Verdú Macián durch das Nacktsein ihre Individualität und ihre ganz unterschiedlichen Körper. Sie führen zwar uniforme Bewegungen aus, doch sind sie nicht uniformiert, denn jede trägt ihren eigenen Körper. Und mit diesem agieren sie so durchdacht, dass die Performance nie pornografisch ist. Obwohl es überall glitzert und schmatzt und Körperteile aufblitzen. Die Kamera kann mit ihrem Blick von oben zwar einen Bauch in Nahaufnahme einfangen und als erotisch verkaufen, doch sieht das Publikum zugleich eine Frau auf dem kalten Bühnenboden liegen. Die bewusste Lenkung und Beeinflussung durch das Auge der Kamera wird deutlich. Wie unschön allerdings diese Welt auf der Bühne sein kann, zeigt uns Keren Levi ebenfalls. Dann zittert die Bühne vor durchdringenden Beats und die Körper wirken im hektischen Licht bedrohlich. Dabei sollten Frauen doch immer ästhetisch sein. Und das sind sie, ganz besonders in „The Dry Piece“ und gerade weil es am Ende laut wird, wie überall auf der Welt.

Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2017/2018

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