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Heidelberg

SMOOTHIE FÜR DEN SOFTIE

Edan Gorlickis Solo-Choreografie „Sexless Babe“ in Heidelberg



Gibt es die tänzerische Möglichkeit, sich in einer Zeit höchst flexibler Identitäten nicht eindeutig oder gar überhaupt nicht geschlechtlich zu definieren, eben ein „Sexless Babe“ zu sein?


  • "Sexless Babe" von Edan Gorlicki; Lorenzo Ponteprimo Foto © Eyal Pinkas
  • "Sexless Babe" von Edan Gorlicki; Lorenzo Ponteprimo Foto © Eyal Pinkas
  • "Sexless Babe" von Edan Gorlicki; Lorenzo Ponteprimo Foto © Eyal Pinkas

Die Genderdebatte könnte in der Tanzcommunity erfunden worden sein. Geschlechterrollen haben den klassischen Tanz geprägt und gehören zum zeitlosen Impulsgeber für choreografische Kreationen. Selbstverständlich provoziert die Zuschreibung von Bewegungen zu Männlein oder Weiblein auch das Gegenteil: die betonte Gleichschaltung der Geschlechter einerseits, die Verkehrung von entsprechenden Klischees ins Gegenteil andererseits. Das gilt nicht nur für den sogenannten modernen Tanz, sondern sogar für zeitgenössische Weiterentwicklungen des klassischen Balletts. Unisex-Kostüme und Unisono-Bewegungsabläufe einerseits, spannungsgeladene homoerotische Szenen und ein gekonntes Flirren zwischen geschlechtsspezifischen Zuschreibungen andererseits sind längst keine Ausnahme mehr.

Wenn es um Bühnentanz geht, liegt die Genderfrage im Auge des Betrachters. Was männlich und was weiblich ist, entscheiden die Zuschauer mit ihren Vorerfahrungen und Seherwartungen. Das hat sich auch der in Israel geborene und in Heidelberg ansässige Choreograf Edan Gorlicki gedacht und sein Projekt „Sexless Babe“ mit viel Input von außen entwickelt. In luxuriösen sechs Wochen Probenzeit – ermöglicht durch 17 000 Euro Förderung im Rahmen des Programms „KulturLabHD“ – entwickelte er ein Programm zur Einbindung der potenziellen Blicke von außen in seine Arbeit. Auf www.inter-actions.de lässt sich die Umsetzung dieses Konzepts in die Praxis verfolgen: Offene Bewegungsworkshops, öffentliche Proben und die Einbeziehung von Fachleuten sind die Eckpfeiler. Die theoretische und praktische Versuchsanordnung lautete: Gibt es die tänzerische Möglichkeit, sich in einer Zeit höchst flexibler Identitäten nicht eindeutig oder gar überhaupt nicht geschlechtlich zu definieren, eben ein „Sexless Babe“ zu sein? Allein der Titel formuliert dabei schon einen Widerspruch per se, ist doch „Babe“ geradezu das Klischee aller weiblichen Kosenamen.

Was die um ein quadratisches Tanzpodest herumstehenden Besucher in dem einstündigen Solo bei der Premiere (anlässlich des Queer-Festivals im Heidelberger Karlstorbahnhof) zu sehen bekamen, bot allerdings keine überraschenden Neueinsichten in die Genderfrage. Tänzer Lorenzo Ponteprimo kann als Wunschbesetzung für einen Christus-Film durchgehen, mit langem, schmalen, schönen Gesicht, einer langen Wuschelmähne und ein paar (weiblichen?) Rundungen versucht er es erst mal uneindeutig: Auf dem Bauch liegend, das Gesicht von der Wuschelmähne verborgen, und entlang der Entwicklung eines Kleinkindes vom Rollen bis zum aufrechten Gang den Bewegungsabläufen folgend, die geschlechtsunabhängig genetisch vorgegeben sind. Aber das Kostüm kennzeichnet den ehemaligen Tänzer in Nanine Linnings Kompanie eben doch als Frau, und also solche kommt er tänzerisch zum wummernden Elektrobeat in Fahrt, bis es ihn beutelt und er in einer zum Programm gehörigen Pause öffentlich zum Mann mutiert, jedenfalls kostümtechnisch. Da durften die Zuschauer auch Zeugen der Zubereitung eines stärkenden Smoothies werden und dem minutenlangen Styling eines modischen Top-Buns folgen – aha.

Überhaupt, die Haare… Das anfängliche Verbergen des Gesichts erfordert endlos viele artifizielle Handbewegungen, und das affektierte Haare-aus-dem-Gesicht-Streichen kommt auch später gefühlt pausenlos vor. Ansonsten darf Lorenzo Ponteprimo am Ende doch zeigen, was er richtig gut kann, nämlich Clubdance im Hochgeschwindigkeitsrausch. Da wippten Männlein und Weiblein im Zuschauerraum gleichermaßen wissend und durchaus zustimmend mit.

Veröffentlicht am 17.05.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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