HOMEPAGE



Gera

GLITZERCHOREOGRAFIE

"Liberace" am Thüringer Staatsballett



Die gefeierte Balletturaufführung "Liberace - Glitzer, Schampus und Chopin" von Silvana Schröder am Thüringer Staatsballett in Gera.


  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok
  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok
  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok
  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok
  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok
  • "Liberace" von Silvana Schröder Foto © Ronny Ristok

Liberace: amerikanischer Pianist und Entertainer. Keiner spielte Chopin so schnell wie er. Er verband klassische Musik in glitzernden Shows mit Pop- und Broadwaymusik, seine Fernsehauftritte in den USA brachten millionenfache Einschaltquoten. Seine Gagen waren traumhaft, Ende der 1970er Jahre überschritt sein Vermögen die 100-Millionen-Dollar-Grenze. Der Paradiesvogel zeigte seinen Reichtum in Kostümen und Ausstattungen seiner Shows. Das Publikum, besonders die Frauen, lagen ihm zu Füßen. Missverständnis. Liberace war homosexuell, eigentlich nicht zu übersehen, aber was nicht wahr sein sollte war auch nicht wahr, und er klagte erfolgreich gegen JournalistInnen und Presse, die darüber berichteten. Als er am 4. Februar 1987 im Alter von 67 Jahren in Palm Springs an den Folgen einer HIV-Infektion starb war zunächst die Rede von einem Herzinfarkt.

Selbst Regisseur Steven Soderbergh hatte 2013 noch Schwierigkeiten seinen Film "Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll" mit Michael Dpuglas und Matt Damon in Hollywood zu finanzieren und produzierende Studios zu finden. Zu schwul für Hollywood. Nach der Uraufführung bei den Filmfestspielen in Cannes lief er in den USA zunächst nur im Fernsehen. Durch den Film, in dem es um die Liebesgeschichte Liberaces mit dem jungen Scott Thorson geht, wurde Liberace auch in Deutschland bekannt. Jetzt hat Ballettdirektorin Silvana Schröder mit dem Staatsballett Thüringen Liberace erstmals als Ballett auf die Bühne gebracht, mit Glitzer, Schampus und Chopin.

Und das gelingt mit Bravour! Es glitzert, es flimmert, die Bühnentechnik kommt voll zum Einsatz in der großartigen Ausstattung von Verena Hemmerlein. Sie fährt auf, was möglich ist. Die Drehbühne wandelt die Szene in einem Augenblick vom Konzertsaal mit euphorisiertem Publikum zum Club mit Stars and Stripes, mit Loverboys und Adonissen, Showgirls und männlichen Models. Die Tänzerinnen und Tänzer wechseln ihre Rollen im Nu. Das ist atemberaubend. Vor der Bühne ein Wasserbecken für erotische Badevergnügen. Fünf Tänzerinnen tanzen als weiße Pudel exzellent auf der Spitze. Liberace liebte Hunde, er soll wohl über 50 gehabt haben. Hier inszeniert Silvana Schröder groteske Szenen in denen man sieht, dass er die schönen und jungen Männer eigentlich nur liebt, wenn sie so gehorsam nach seiner Pfeife tanzten wie die Hunde.

In Gera gibt es drei Liberaces. Da ist der alte, vom Verfall gezeichnete, gebrechliche Mann: Werner Ranke, 65 Jahre alt, Tänzer und Choreograf, Silvana Schröders Vorgänger in Gera. So etwas sieht man wohl selten. In einem Monolog macht sich der alte Mann nackt und schutzlos, die teure Robe soll nicht zuletzt die körperliche und seelische Einsamkeit verbergen. Da ist der Pianist Olav Kröger. Er spielt live, im Wechsel mit Zuspielungen originaler Aufnahmen von Liberace, immer am Flügel anwesend, musikalischer Ausdruck. Er ist das Kontinuum, über Worte hinaus, mit den so unterschiedlichen Stilen und Facetten. Und da ist Jon Beitia Fernandez als junger Liberace, immer wieder im tänzerischen Dialog mit seinem Alten Ich, in seiner Lebens-, Liebes- und Anerkennungssucht auf der Flucht vor diesem Abbild, dabei in der Tragik gefangen, dass es ihm immer nur um sich geht. Leider auch in der Beziehung zu dem jungen Scott Thorson, um die es im Wesentlichen in diesem Ballett mit biografischen Stationen geht.

Silvana Schröder inszeniert und choreografiert unverstellt eine homosexuelle Liebesgeschichte. Sie geht sehr weit. Das kann sie auch, denn in der Rolle des Scott, Adoptivkind aus einfachen Verhältnissen, der zunächst dem Glitzer und dem Reichtum erliegt, vielleicht sogar in Liberace eine Vaterfigur sieht, kann Filip Kvačák tänzerisch und darstellerisch bestens überzeugen. Zunächst übersieht er, wie sein Vorgänger entsorgt wird. In blindem Gehorsam wird er sich einer plastischen Operation unterziehen um Liberace ähnlich zu sehen, dass der ihm Vater, Bruder, Lover und Freund sein wolle möchte er selbst gerne glauben, so ist es aber nicht. Auch er wird entsorgt, ein jüngerer, ein schönerer Typ ist zur Stelle. Da gelingt Silvana Schröder eine zutiefst berührende Szene: Liberace im Duett mit dem neuen Geliebten, Filip Kvačák daneben, eine Schattenfigur, die Bewegungen ihres Nachfolgers aufnimmt. So abgrundtiefe Einsamkeit gelingt selten auf der Bühne. Der Tanz macht das möglich, auch in der wunderbaren Musikalität, die ebenso für die ganze Kompanie gilt.

Die homosexuellen Liebesbeziehungen zwischen Männern werden ganz normal getanzt. Es sind Menschen, in besonderen Momenten zwei, die traditionelle Form ist der Pas de deux, hier lassen Männer in den Hebefiguren Männer schweben. Silvana Schröder widmet sich gerade diesen Szenen mit sensibler Zuneigung. Sie gestattet ein Höchstmaß an Emotionen, vor allem, wenn Alina Dogodina als Mutter Liberaces stirbt und ein regelrechtes Totentanzsolo eine Zäsur setzt. Da bekommt diese Glitzerchoreografie, die vor dem Kitsch als Kunstform nicht ausweicht, eine harte Grundierung, um im nächsten Moment die Beine zu schwingen, die Show geht weiter. Bis in die Einsamkeit, wenn das Liebesbett zum Totenbett wird, und Liberace, um für sich versöhnt zu sterben, nach Scott ruft. Und es geht ihm wieder nur um sich, Scott muss damit weiterleben. Für Liberace gibt es eine Himmelfahrtsrevue, als hätte er auch diese für sich selbst inszeniert.

Am Ende große Begeisterung für dieses Ballett von Silvana Schröder, in so stimmiger wie dynamischer Dramaturgie, bei bemerkenswert konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Dramaturgen Daniel Siekhaus. Ganz der Thematik angemessen, Tanz in so vielen Facetten, große Show und großer Kitsch. Im Grunde aber entsetzliche Einsamkeit, und viel Glitzer, Schampus und Chopin.

Veröffentlicht am 13.05.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 1181 mal angesehen.



Kommentare zu "Glitzerchoreografie"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    KINDER BRAUCHEN MÄRCHEN, ERWACHSENE ERST RECHT

    Silvana Schröders „Der Joker“ als schrilles Märchen in Altenburg

    Im November 2013 in Gera uraufgeführt, feierte das Stück mit dem Thüringer Staatsballett in Zusammenarbeit mit dem Puppentheater am Landestheater in Altenburg seine Premiere.

    Veröffentlicht am 25.01.2015, von Boris Michael Gruhl


    LECHZEN NACH DEM BAD IM GLÜCK

    In Gera lässt Silvana Schröder Keimzeit zu „KeimZeit“ singen

    Die Ballettchefin hat sich einen Jugendtraum erfüllt: einen gemeinsamen Abend mit der Band Keimzeit zu inszenieren. Sein Titel „KeimZeit“ bleibt nah am Bandnamen und demonstriert doch zwei volle Stunden lang choreografischen Eigenwert.

    Veröffentlicht am 18.11.2014, von Volkmar Draeger


    VOR DEM FLIEGEN KOMMT DAS WARTEN

    „Waiting Room“ von Silvana Schröder und Tom Hodge mit dem Thüringer Staatsballett in Gera

    Silvana Schröder ist ein bemerkenswerter Ausflug in die Gefilde der tänzerischen Freiheit gelungen.

    Veröffentlicht am 11.06.2014, von Boris Michael Gruhl


    WIE MAN EIN BALLETT KOMPONIERT: TEIL 2

    Ein Blog über eine Komposition für das Ballett Thüringen

    Die erste Orchesterprobe meiner Ballettkomposition “Waiting Room” hat vor wenigen Tagen stattgefunden. Ein Orchester live zu erleben ist immer ganz besonders – in diesem Falle sind es 50 Musiker in einem wunderschönen Konzertsaal, die alle zusammen kommen, um unter der Leitung ihres Dirigenten Musik zu kreieren.

    Veröffentlicht am 04.06.2014, von Gastbeitrag


    WIE MAN EIN BALLETT KOMPONIERT: TEIL 1

    Ein Blog über eine Komposition für das Ballett Thüringen

    Die allererste Herausforderung war, dass das Ballett 80 Minuten lang werden sollte. In unserer aufregenden Zeit, wo 180 Gramm schwere Schallplatten wieder aufleben, käme diese Länge zwei vollen Alben gleich.

    Veröffentlicht am 10.04.2014, von Gastbeitrag


    SCHWARZER SCHWAN UND HELLE FREUDE

    Silvana Schröders Sicht auf einen Klassiker mit dem Staatsballett Thüringen

    Silvana Schröder hat in Gera den Ballettklassiker neu in Szene gesetzt.

    Veröffentlicht am 08.06.2013, von Boris Michael Gruhl


    EINSAME MENSCHEN UND IHRE LIEBESTRÄUME

    Das Leipziger Ballett ehrt Richard Wagner

    Das Leipziger Ballett ehrt Richard Wagner und Gustav Mahler mit "Ein Liebestraum“ von Silvana und Mario Schröder.

    Veröffentlicht am 13.04.2013, von Boris Michael Gruhl


    EIN KÄFIG VOLLER „FREAKS“

    Eine Uraufführung von Silvana Schröder beim Thüringenballett in Gera

    Veröffentlicht am 07.11.2011, von Boris Michael Gruhl


     

    LEUTE AKTUELL


    PETER APPEL WIRD 85

    Sabrina Sadowska und tanznetz.de gratulieren herzlich!
    Veröffentlicht am 06.09.2018, von Gastbeitrag


    IST ÜBERALL

    Marco Goecke zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart
    Veröffentlicht am 03.09.2018, von Alexandra Karabelas


    TANZ ÜBERALL

    Der Fonds TANZLAND fördert den Tanzaustausch abseits bekannter Großstädte
    Veröffentlicht am 21.07.2018, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ BEWEGT KINDER

    TANZEN BEWEGEN RHYTHMISIEREN

    Berufsbegleitende Ausbildung zur musikpädagogischen Fachkraft in „Kindertanz“ an der Akademie für Musikpädagogische Ausbildung Baden-Württemberg.

    Veröffentlicht am 11.08.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    TANZ 28: NEW WAVES

    «Tanz Luzerner Theater» eröffnet die Spielzeit 18/19 am Samstag 13. Oktober um 19.30 Uhr mit dem Triple-Bill-Abend «New Waves».

    Veröffentlicht am 28.08.2018, von Anzeige


    IST ÜBERALL

    Marco Goecke zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart

    Veröffentlicht am 03.09.2018, von Alexandra Karabelas


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    ZUR TRENNUNG VON ADOLPHE BINDER

    Statement des Wuppertaler Stadtdirektors Dr. Johannes Slawig

    Veröffentlicht am 30.08.2018, von tanznetz.de Redaktion


    HURRA!

    "Unstern" von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

    Veröffentlicht am 14.09.2018, von Natalie Broschat



    BEI UNS IM SHOP