KRITIKEN 2017/18



Wolfsburg

BEGEGNUNGEN WIE STROMSCHLÄGE

Die Sydney Dance Company setzt bei Movimentos das Autostadt-Kraftwerk unter Hochspannung



Mit "Frame of Mind" und "Lux Tenebris" von Rafael Bonachela sowie Gabrielle Nankivells "Wildebeest" präsentiert die Kompanie ein energiegeladenes Programm.


Na die haben Power. Unermüdlich tummeln sich die Tänzer der Sydney Dance Company in drei bassgetriebenen Tanzstücken über die Wolfsburger Movimentos-Bühne im Kraftwerk. Als jagten sie die Turbinen des Industriepalasts, als erzeugten sie selbst im Sirren des Soundtracks unter den Blitzen der sonst diffus schimmernden Lichtquellen den Strom. Das Ganze in athletischer Körperästhetik, die in Atem hält, eine Kompanie, wie gemacht fürs Kraftwerk.

Leiter Rafael Bonachela hat für sein erstes Stück, „Frame of mind“, einen fleckstockigen Salon auf die Bühne bauen lassen, beleuchtet von einem hohen Sprossenfenster, das wirkt wie das bürgerliche Pendant zu den gekachelten Kraftwerkwänden. Es erinnert auch an stilvolle Ballettsäle, in denen die Kompanie denn auch oft zu synchronen Exerzitien findet.
Zu schneller Minimal Music hetzen die Tänzer mit Streckbeinen und sperrigen Ausfallschritten durch den von oben erleuchteten Raum, während in dunklen Momenten nur Licht durch das Fenster fällt und sich in diesem Strahl zu ruhigerer Musik ein Paar zunehmend aggressiv zusammen- und wieder auseinanderrauft. Im männlichen Solo mit der Hand wiederholt am Genital werden Sehnsucht und Einsamkeit spürbar, doch immer wieder saugt die Gruppe die Bilder auf, setzt den Druck der Gesellschaft, ihre hier oft auch technorhythmisierte Konformität dem individuellen Suchen entgegen. Sie bleiben auch als Beobachter des Paares im Raum, Intimität ist kaum mehr zu erzielen, zuletzt verteilt an den Wänden sind sie als Rahmen des individuellen Mühens immer noch im Blick.

Kollegin Gabrielle Nankivell setzt bei ihren gruppendynamischen Untersuchungen in „Wildebeest“ bei der Schöpfung an. Ihr Solotänzer entfaltet zunächst im Nebel unter Gewitterdröhnen überhaupt erst seine Glieder und Fähigkeiten, ein faszinierendes Erweckungssolo, changierend zwischen Tier und Mensch, mit mal froschgleich geknickten Schenkeln, mal wie Bockspitzen ausgestreckten Fingern an langem Arm, mal einem wie selbstständig agierenden Fuß. Die Gruppe muss rennen und hüpfen, sich anspringen und dann im Gleichtakt ticken, dreht den Körper wie eine Spindel, später fällt der Armhammer, zwei Tänzerinnen greifen rhythmisiert ineinander wie eine Maschine, das Ganze mit Tempo und Soundcrescendo, das auf die zuletzt wieder existenziell allein sich regende Tänzerin niedergeht. Wer ist da wohl das ‚Wildebeest’, die Maschinenwesen oder der Urmensch?

Noch mal richtig technoid wird's in Bonachelas „Lux Tenebris“, Hell-dunkel-Studien unter Elektrosirren und Blitzlichtern. Da recken sich Tänzer dem Licht zu. Wenn im Dunkel eine Szene kurz aufleuchtet, ahnt man Schlimmeres für die Aktionen im Schatten. Wir erleben Gequälte, Gejagte in Lichtkegeln, die springen, abrollen, drehen in flüchtigen Begegnungen, nur selten mal eine Weichheit zu aufkommender Klaviermelodie, auch der Pas de deux ist eher ein eidechsiges Aufeinanderkrabbeln. Das Stück ist voller Energie, doch letztlich zu lang, die ständigen Hell-dunkel-Wechsel, die ständige Athletik ergeben keine Dramaturgie, irgendwann ist der Zuschauer überreizt, die Idee und ihr Bewegungsrepertoire auserzählt.

Trotzdem ist der Grundeindruck stark. Letztlich hätte auch ein ruhigeres Stück dem Programm gutgetan. Zweieinhalb Stunden Hochspannung muss man erst einmal verkraften.
Rasender Applaus.

Mit freundlicher Genehmigung des Braunschweiger Zeitungs-Verlages.

Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger in Kritiken 2017/18

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