HOMEPAGE



Braunschweig

DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“



Die Einfachheit des steten Links-rechts-Querens im Laufen, Krabbeln, Rollen oder Purzelbaumschlagen ist unerbittlich und hat das Zeug zum Kult.


  • "Sideways Rain" von Guilherme Botelho Foto © Ursula Kaufmann
  • "Sideways Rain" von Guilherme Botelho Foto © Ursula Kaufmann
  • "Sideways Rain" von Guilherme Botelho Foto © Ursula Kaufmann
  • "Sideways Rain" von Guilherme Botelho Foto © Ursula Kaufmann

Am besten, man stellt seine Sinne auf Trance. Dann sieht man im diffusen Licht erst einen, dann immer mehr Tänzer auf allen Vieren über die Bühne krabbeln, immer von links nach rechts, immer schneller, dann wieder langsamer, gefühlte Ewigkeiten lang. Irgendwann sieht man nicht mehr die einzelnen Tänzer, sondern die Bewegung selber, das Vorwärtstreiben, den Fluss.

Guilherme Botelhos Tanzstück „Sideways Rain“, das jetzt im Großen Haus des Staatstheaters Braunschweig mit den sechzehn Tänzern der hiesigen Tanzkompanie und fünf Gästen aus Botelhos Kompanie „Cie Alias“ in einer erweiterten Fassung Premiere hatte, macht Philosophie sinnlich. Heraklits ‚alles fließt’, die Erkenntnis des Geworfenseins in einen unablässigen Lebenslauf, über dessen grundsätzliche Eigenschaften Geburt, Altern und Tod wir nicht bestimmen können, wird hier so schlicht wie deutlich und faszinierend eingefangen.

Sie laufen wirklich um ihr Leben. Nach dem Krabbeln kommen leichte Drehungen dazu, die Fortbewegung wechselt zu Vorwärtsschieben auf dem Po, letztlich dem Schreiten des aufrecht gehenden Menschen, denn der Lebenslauf des Menschen korreliert mit der Entwicklung des Menschengeschlechts. Gelegentlich gibt es evolutionäre Verschiebungen, einige krabbeln noch, andere schreiten schon. Während einige auf allen Vieren sich drehend horrend schnell die Bühne queren, kugeln sich andere langsam über den Boden.

Zuweilen zieht das Tempo an, dann verlangsamt es sich wieder. Zwischen den Tänzern herrscht nie der gleiche Abstand, aber vorwärts müssen sie alle. Umkehr oder Richtungswechsel gibt es nicht. Allenfalls darf mal einer zurückschauen. Aber das Vergangene ist unabänderlich. Eine Zeit lang schauen alle rückwärts, bewegen sich aber weiter in Laufrichtung, müssen also rückwärtsgehen. Stolpern, Fallen, Weitergehen ist auch im Programm.

Und nur ganz selten bleibt einer, zwei, drei stehen. Dann sieht es im trancehaften Bild der vorwärtsschreitenden Kollegen so aus, als bewegten sie sich rückwärts. Einer streckt den Arm aus, um eine der Vorüberziehenden festzuhalten. Einen anderen streichelt er kurz über den Kopf. Einem hilft er vom Boden auf. Kurze, rührende, in ihrer Kürze erschütternde Momente zwischenmenschlicher Annäherung, des Innehaltens und Durchatmens. Doch das Leben treibt weiter, es fließt einem davon. Bald werden sie wieder aufgesogen vom ewigen Lauf.

Botelhos Blick ist streng, Liebe und Spiel als wesentliche Elemente des Menschseins bekommen kaum Raum, auch hier waltet bei ihm der Druck der fortschreitenden Zeit und des dröhnenden Grundakkords, der am Ende wieder dominiert.

Da spannen die Tänzer im Laufen Fäden über die Bühne, Lebensfäden wie die der Parzen, Lebenslinien, die sie wie Streifen der Bewegungsunschärfe auf Fotos hinterlassen, sonst nichts. Nackt sind sie nun, wieder Kreaturen, laufen in den Tod und die Transzendenz, keine Greise, sondern Seelen, die man gern als nackte Kinder zeigte. Und einer beginnt wieder zu krabbeln. Der Fluss ist ewig.

Wer sich auf die Trance dieses Fließens einlassen kann, erlebt ein einstündiges Stück von suggestiver, weltvergessener Kraft. Als solches wurde es vom Premierenpublikum begeistert gefeiert. Ein Buh gab es auch, die Einfachheit des steten Links-rechts-Querens im Laufen, Krabbeln, Rollen oder Purzelbaumschlagen ist unerbittlich. Aber umso mehr ist die um fünf Gäste erweiterte Braunschweiger Kompanie zu bewundern, die in unermüdlicher Ausdauer diesen athletischen Kraftakt meistert. Das Stück hat das Zeug zum Kult. Dringend mal ausprobieren!

Wieder am 12., 13., 21., 25. Mai, 2. Juni. Karten: (0531) 1234567.

Mit freundlicher Genehmigung des Braunschweiger Zeitungs-Verlages.

Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 659 mal angesehen.



Kommentare zu "Das Leben als Dauerlauf"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.
    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    NEUE STÜCKE DES TANZTHEATER WUPPERTAL PINA BAUSCH

    Die Proben haben begonnen - SAVE THE DATES!

    12. Mai Uraufführung Neues Stück I Kreation von Dimitris Papaioannou und 02. Juni Uraufführung Neues Stück II Kreation von Alan Lucien Øyen

    Veröffentlicht am 03.03.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DAS LEBEN ALS DAUERLAUF

    Die Tanzkompanie des Staatstheaters Braunschweig zeigt Guilherme Botelhos atemberaubendes Tanzstück „Sideways Rain“

    Veröffentlicht am 10.05.2018, von Andreas Berger


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    ÄSTHETISCHE WELLEN

    Der Tanzabend "Waves" von Tarek Assam am Stadttheater Gießen

    Veröffentlicht am 18.05.2018, von Dagmar Klein


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein



    BEI UNS IM SHOP