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Leipzig

SELBSTFINDUNGSPARABEL

Mario Schröder stellt in Leipzig die „Schwanensee“-Welt auf den Kopf



Die im goldenen Käfig gefangene Prinzessin steht im Mittelpunkt von Mario Schröders choreografischer Uraufführung für das Leipziger Ballett.


  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Ensemble Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Urania Lobo Garcia Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Anna Jo und Urania Lobo Garcia Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Urania Lobo Garcia Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Urania Lobo Garcia und Lou Thabart Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Anna Jo und Ensemble Foto © Ida Zenna
  • "Schwanensee" von Mario Schröder; Urania Lobo Garcia und Laura Costa Chaud Foto © Ida Zenna

Hier hat einer alles umgekrempelt. Das kommt einem schon beim Betreten des Zuschauerraums in den Sinn. Vom überbauten Portalrahmen des Leipziger Opernhauses hängt – sichtbar nach hinten geneigt – die auf einem Transparentvorhang angebrachte Abbildung einer opulent verzierten Saalwand herab. Vorlage war wohl der prächtige Rokokofestsaal aus dem Augsburger Schaezlerpalais. Nur, dass sich in den beiden Gemälderahmen kein bunt-exotisches Federvieh tummelt, sondern zwei tote Schwäne zu sehen sind. Auf dem Programm steht Tschaikowskys „Schwanensee“ – Inbegriff europäischer Ballettklassik. Doch als die Musik anhebt - das Gewandhausorchester im Graben wird phänomenal präzise und einfühlsam von der jungen Litauerin Giedrė Šlekytė dirigiert - und die Türen am Prospekt (Bühne und Videos: Paul Zoller) erste Sichtachsen auf die Bühne freigeben, passiert erst mal wenig.

Bis man eine junge Frau in Faltenrock und grauen Strümpfen kauernd auf einem von zwei Sofas entdeckt: Urania Lobo Garcia. Die grazil-biegsame, in Schröders moderner Bewegungssprache hinreißend versierte Solistin ist der Star des Abends. Einen wie auch immer psychisch auffälligen Prinzen gibt es nicht. Das wird in Mario Schröders choreografischer Uraufführung für das Leipziger Ballett recht schnell deutlich. Niemand anders als die im goldenen Käfig aus Prunk und gesellschaftlichen Zwängen gefangene Prinzessin steht im Mittelpunkt. Musste deshalb noch vor der Pause gebuht werden?!

Das Konzept des Leipziger Ballettchefs ist ebenso simpel wie schlüssig: Erwartungshaltungen unterlaufen und ironisch brechen. Darauf kann man sich ruhig einlassen – selbst wenn anstelle des Auftritts der vier legendären kleinen Schwäne unter einem gigantischen Spiegel ein kaleidoskopisches Vexierspiel aus zahlreichen scherengespreizten Beinen und ornamental gegenausgerichteten Oberkörpern bzw. Armen abgespult wird. Schröder hat in den einfallsreichen Bewegungsduktus seines tollen, geschlechtergemischten Schwanencorps mancherlei Ballettzitate eingebaut.
Sein größter Coup in den sogenannten beiden weißen Akten aber besteht dank des mobilen Spiegels in der multiplen Perspektivität. So kann man die ungewöhnlichen neuen Formationsbilder, die sich aus Reihungen, originellen Linienführungen oder dem Kreisen der Gruppentänzer rund um bzw. unter den in die Lüfte emporgehobenen Solisten zugleich von vorn und von oben verfolgen. Das Resultat: ein Plus an ästhetischem Hochgenuss!

Das gesamte Arsenal der menschlichen Figuren dagegen wurde von Grund auf modifiziert. Die Hofgesellschaft tanzt schematisiert, uniform und gestisch codiert. Über einige Passagen hinweg behindern Plateauschuhe (Kostüme: Aleksandar Noshpal) absichtlich die Schrittmöglichkeiten der Frauen. Das Tanzen auf Spitze bleibt Anna Jo als filigranem Weißen Schwan und Laura Costa Chaud als nicht minder sympathischem Schwarzen Schwan vorbehalten. Beide Tänzerinnen verkörpern Traumwesen, die der Fantasie der Prinzessin Flügel verleihen und ihrer Seele Glück bringen. Einzige Crux: einige Facetten der Prinzessin, die in ihrem Eröffnungssolo all den Frust auf die sie beengende Welt rauslässt, gemahnen an die trotzige Clara aus „Nussknacker“. Beim Elternpaar (bestens aufeinander eingespielt: Fang-Yi Liu und Marcos Vinicius da Silva) ist, wenn man es darauf anlegt, eine Umkehrung der Cinderella-Konstellation zu finden. Im strengen Stiefvater, der die Prinzessin auch begehrt, stecken zugleich Züge von Rotbart. Mit der Zauberkraft mentaler Kreativität wurde Benno (Lou Thabart) ausgestattet. In Schröders konsequenter Selbstfindungsparabel ist die Figur Mentor und Lehrer der unglücklichen künftigen Thronfolgerin. Bennos Weg, die Niedergeschlagene aufzumuntern, ist, ihr neue Horizonte und den Zugang in ein Schwanenreich der Freiheit, Gleichheit und gegenseitigen Liebe zu unterbreiten. Ideen, die weder der Stiefvater noch die Mutter oder die Ballgäste gutheißen.

Denn die Prinzessin soll auf Teufel komm’ raus unter die Haube gebracht werden. Daher buhlen nach der Pause Bewerber aus Russland, Spanien und Italien mit jeweiliger Entourage um das eigensinnige Fräulein. Eine regelrechte Machoparade. Lacher im Publikum gibt‘s, als auch noch der letzte Freier vor der gelangweilten Prinzessin seine Oberarmmuskulatur entblößt – völlig desinteressiert an deren Persönlichkeitsprofil. Urania Lobo Garcia reißt sich mit einem Ruck das Brautkleid vom Leib. Mit der realen Welt hat sie abgeschlossen. Bei so viel selbstverliebter Ignoranz hilft nur Weltflucht. Sie gelingt im unterschwellig homoerotischen Duett mit dem Schwarzen Schwan.

Zwei Stunden und fünfzehn Minuten dauert Schröders moderne „Schwanensee“-Version. Am Ende verliert der eifersüchtige Kontrollfreak Rotbart. Dass die Prinzessin ihre Wünsche und Sehnsüchte frei ausleben will, mag er nicht dulden und vernichtet den Schwan. Ihre eigene und Bennos Imaginationskraft helfen der Prinzessin jedoch, das Erlebte zu verarbeiten. Der Vorhang fällt, als Urania Lobo Garcia beginnt, auf ihr eigenes Spiegelbild zuzuschreiten. Am Ende einhelliger Applaus für die hervorragenden Interpreten und das gesamte künstlerische Team. Zu Recht, wenn eine alte Geschichte so gut neu aufgerollt wird.

Veröffentlicht am 09.05.2018, von Vesna Mlakar in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Selbstfindungsparabel"



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