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Dresden

ZUM ABSCHLUSS EIN FEST

Das Tanzfestival „Me, Myself and I“ bewegt mit kleinen Formen große Themen



Mit einem zweimonatigen Abschlussfest verabschiedet sich Dieter Jaenicke, Intendant der Hellerau, von Dresden und seinem Publikum. Beim gelungenen Anfang erfährt der Begriff des Tanzes ungewöhnliche Erweiterungen.


  • Alleyne Dance mit "A Night's Game" Foto © Irven Lewis
  • Alleyne Dance mit "A Night's Game" Foto © Driftnote
  • Christina Moura mit "Like an Idiot" Foto © PR
  • Christina Moura mit "Like an Idiot" Foto © PR
  • Meryem Jazouli mit "Folkah!" Foto © Yoriyas
  • Meryem Jazouli mit "Folkah!" Foto © Yoriyas
  • Enrico Sutter mit "BODY BODY" Foto © PR
  • Enrico Sutter mit "BODY BODY" Foto © PR

In Hellerau, dem Europäischen Zentrum der Künste in Dresden, hat das „rauschende Abschlussfest“ begonnen, so Dieter Jaenicke in der letzten Programmvorschau für die Monate Mai und Juni seiner zu Ende gehenden, stark vom Tanz geprägten Intendanz. „Wir haben in Hellerau ein Weltfenster geöffnet“, sagt er im Rückblick. Jaenicke sagt auch, dass er sich einer gewissen Demut nicht verwehren könne ob des Privilegs, in diesem Festspielhaus zu arbeiten. Diesem kirchenähnlichen Theaterbau, dieser „Kathedrale der Moderne“, wo es ihm darauf ankam, kein Programm für ein exklusives Szenepublikum zu machen, sondern ein breites Publikum anzusprechen und zu begeistern.

Zum Start dieses zweimonatigen Abschlusses gibt es ein Festival, das in seiner Konzeption noch einmal etwas Neues bringt: Unter dem Motto „Me, Myself and I“ vereint es insgesamt 13 Soli und Duos. „Beliebig schöne Tanzexerzitien“, so Jaenicke, sollen es nicht sein, sondern höchst persönliche Geschichten und ungewöhnliche, performative Begegnungen aus Afrika, Asien, Alaska, Lateinamerika und Europa.

Zur Eröffnung gab es das Solo der brasilianischen Tänzerin und Choreografin Cristina Moura mit dem Titel „Like an Idiot“, das sie als ein „Duo mit sich selbst“ beschreibt. Eine Tänzerin allein auf der Bühne des großen Saals, eine knappe Stunde, eine enorme Herausforderung, die sie mit Bravour besteht. Da ist zunächst die gewinnende Ausstrahlung dieser Frau, zerbrechlich und kraftvoll zugleich. Das Solo ist autobiografisch geprägt, Anlass ist ihre Rückkehr nach Brasilien aus Europa. Erinnerungen und Erfahrungen mischen sich auf der Suche nach sich selbst. So zieht sie zu Beginn ihr „europäisches“ T-Shirt aus und formt es zu einer Kopfbedeckung ihrer brasilianischen Tradition. Mit sensiblen, poetischen Bewegungen der Hände zitiert sie auch die für sie immer stärker werdende Rückbindung an die brasilianische Heimat. Aber immer wieder harte Brüche, sie nimmt andere Rollen an, wird zum brutalen Vergewaltiger, sie lässt Momente grausamer, erniedrigender Erinnerungen als schwarze Brasilianerin lebendig werden. Sie erinnert sich, fügt aus Papierfetzen das Bild eines Kindes zusammen, ein Bild dafür, wie sie nun die Fetzen des Lebens ordnen muss. Sie muss mehrfach am Abgrund gestanden haben. Aus einem Kassettenrecorder erklingt Musik aus Mozarts unvollendetem Requiem, ein Abschluss, ein Neubeginn mit alten und neuen Wunden am Körper und auf der Seele. Wenn ihr zum Heulen ist, kämpft sie dagegen an, wenn die Stimmen aus dem Off übermächtig werden, dann setzt sie die ihre dagegen: Ich werde nicht weinen! I´m strong! „No Woman no cry“ - der Song aus dem Kassettenrecorder kommt ihr zu Hilfe. Sie blickt ins Publikum; „Du, Du, oder Du,“ sagt sie, "wir könnten jetzt etwas Schönes zusammen machen". Licht aus, Schluss!

Drei Produktionen am zweiten Tag des Festivals, ein langer Abend, Langeweile? Fehlanzeige. Zu Beginn Alleyne Dance aus Großbritannien mit der Choreografie „A Night´s Game“ mit Kristina und Sadé Alleyne, Zwillingsschwestern, die von der Leichtathletik zum Tanz gekommen sind. An Power fehlt es nicht, an athletischen und sportiven Momenten auch nicht, aber darum geht es im Gunde nicht. Da ist zunächst eine Tänzerin im existenziellen Kampf mit sich selbst, als müsse sie etwas zurückhalten, was in ihr an Erinnerungen oder Träumen aufsteigt, als gelte es etwas zu bändigen. Dabei wird ihr Körper, den sie schlägt, zum Instrument. Wenn ihre Schwester dazu kommt erlebt man Szenen von tänzerischer Kraft, große Nähe, große Ferne, auch Konkurrenzen. Sie heben sich auf, sie lassen sich fallen, sie finden in tänzerischer Symmetrie zusammen und können offensichtlich doch keine Antwort auf die Frage finden, was zwischen ihnen steht; wie unüberwindbare Mauern, die auch in Momenten innigster Zuneigung nicht gänzlich überwunden werden können. Ein starkes Stück, zwei starke Frauen.

Dem Duo „Folkah!“ mit der Tänzerin Meryem Jazouli und der Sängerin Malika Zarra, aus Marokko, mangelt es dann aber doch ein wenig an Kraft, vor allem tänzerischer Präsenz, wenn die Performerinnen zunächst Zitate traditioneller Tänze ihrer Heimat bringen, die sie dann dekonstruieren. Ein Duett in atonal anmutenden wilden Tonsprüngen über den Rauch auf der Bühne verfliegt rasch. Ein Soulgesang mit hysterischen, kreischenden Brechungen bleibt ein Gag. In der Ankündigung war von hypnotischer Wirkung des Stücks die Rede, die sich wohl nicht eingestellt hat.

Zum Abschluss des zweiten Tages eine Uraufführung von Enrico Sutter, eigentlich bekannt als Maler, von dem auch in Hellerau derzeit eine Ausstellung zu sehen ist. Seine Choreografie für den Tänzer David Voigt heißt „BODY BODY“ und verknüpft Tanz und bildende Kunst. Und das ist ein grandioser Abschluss eines langen Festivalabends. Nur zwanzig Minuten, aber die hatten es in sich. Eine Videoistallation von Enrico Sutter: Sächsische Landschaft zum Schwärmen und darin eine mythische Figur, ein Schamane, ein Verirrter, plötzlich wird die Landschaft surreal. Davor, auf einer eng begrenzten, spiegelnden Fläche, der Tänzer David Voigt, in einem ebenfalls surreal anmutenden Dialog unglaublicher Bewegungen und Körperhaltungen mit seinem eigenen Spiegelbild. Als könne er seinen Körper verknoten verblüfft Voigt mit Haltungen, die auch so etwas wie Spurenelemente des Breakdance enthalten. Und immer wieder diese Landschaft mit der mythischen Figur, und der Tänzer, ganz ohne Schminke, Schmuck und schöne Kleidung, ganz in sich versunken, wie selbstverständlich bei seiner Auflösung der Grenzen körperlicher Möglichkeiten. Gelungener Start für dieses Festival, bei dem der Begriff des Tanzes noch einmal ungewöhnliche Erweiterungen erfährt.

Veröffentlicht am 05.05.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018

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