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Wolfsburg

AM ENDE KEIMT DIE HOFFNUNG AUF

„Frozen Songs“ von Ina Christel Johannessen in Wolfsburg



Die norwegische Zero Visibility Corp. zeigt bei Movimentos eine düstere Vision vom finalen Kampf um das Überleben


  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Matthias Leitzke
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Matthias Leitzke
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Ina Christel Johannessen
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Ina Christel Johannessen
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  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Ina Christel Johannessen
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Matthias Leitzke
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Matthias Leitzke
  • "Frozen Songs" von Ina Christel Johannessen Foto © Matthias Leitzke

Es ist kein leicht verdaulicher, vergnüglicher Tanzabend, den die Zero Visibility Corp. aus Norwegen beim Movimentos-Festival bietet. „Frozen Songs“ ist schwere Kost: eine getanzte Apokalypse, der Kampf um das nackte Überleben. Dabei stellt die Choreografie von Ina Christel Johannessen weniger einen martialischen Krieg um die letzten Ressourcen dar, als vielmehr eine düstere Kapitulation vor einer feindlichen Natur, die der Mensch erst zerstört hat und die sich nun gegen ihn selbst richtet.

Alles beginnt in einer trostlosen Eiswüste. Zwei Tänzer schleppen sich über die in kaltes Licht getauchte Bühne. Verängstigt, gequält und ermattet taumeln sie durch eine lebensfeindliche Umgebung, die erstarrt und abweisend wirkt. Und schon in dieser ersten Szene wird gewahr, wie fantastisch das Zusammenspiel von Licht und Bühnendekoration gelungen ist. Was sich nämlich auf den ersten Blick als Eiswand tarnt, ist in Wahrheit ein mit ordinären Plastiktüten bestückter Vorhang, der sich erst mithilfe der entsprechenden Beleuchtung vom Müllhaufen zu einer bizarr glitzernden Grenzfläche wandelt. Überhaupt ist der Tanz nur ein Teil der Inszenierung und ergibt erst gemeinsam mit dem Lichtdesign, den zumeist auf die Bühnenrückseite gespielten Videoarbeiten, der gesprochenen Sprache, Gesang und den elektronischen Klängen des belgischen Duos „Stray Dogs“ die durchdachte Gesamtkomposition.

Die politische Botschaft indes ist ganz konkret und hat einen sehr realen Bezug. In ihren „Frozen Songs“ nimmt die Choreografin und künstlerische Leiterin der Kompanie den Zuschauer mit auf die Reise ins Nordpolarmeer, wo auf der Inselgruppe Spitzbergen der „Svalbard Global Seed Vault“ liegt. Dieser tatsächlich existierende, weltweit größte Saatgutspeicher, wird seit 2008 von den Vereinten Nationen betrieben und soll dereinst Samenproben von 4,5 Millionen Pflanzen beherbergen. Dieser Tresor, so fest gebaut, dass er selbst bei eintretender Katastrophe als Archiv für das Überleben zumindest der pflanzlichen Schöpfung bestehen bleibt, hat Johannessen zu ihrer Weltuntergangsvision inspiriert.

Die depressive Stimmung wird getragen von der multimedialen Darbietung. Bilder von rauchenden Schornsteinen wechseln sich ab mit zuckenden Blitzen, auf wogendes Grasland folgt graue Hochhausfassadentristesse. Donnergrollen und harte, dröhnende Percussion Schläge lassen den Zuschauerraum vibrieren, Wolfsgeheul und Wehklagen erhöhen die gespenstische Stimmung des videoprojizierten Schneegestöbers. Dazu die sperrigen Bewegungsmuster, das sich wiederholende Zucken, Erstarren, Rudern und Flattern und Armschlenkern, das die Choreografie mitunter wie eine Aneinanderreihung willkürlicher, hilfloser Aktionen wirken lässt.

Dabei quillt vor allem den beiden Frauen des siebenköpfigen Ensembles das tänzerische Können geradezu aus allen Poren. Und es ist fast bedauerlich, dass die spröde, bisweilen monotone Tanzsprache zwar die Aussage der Hoffnungslosigkeit unterstreicht, gleichzeitig aber das Potenzial der Kompanie zu wenig ausschöpft und das 90-minütige Spektakel dadurch etwas zu langatmig geraten lässt. Gleichwohl ist dank der Videos, der Sprech- und Gesangseinlagen und der ständig wechselnden Ausleuchtung von strahlend hell bis mystisch dunkel viel Abwechslung auf der Bühne. Auch die schwarze Wand aus flexiblem, gewelltem Pappmaschee bietet vielfältige Einsatzmöglichkeiten. Mal bedrängt sie die Tänzer und verschluckt sie wie ein gefräßiges Tier. Mal rollt sie sich zusammen zu einer kreisförmigen Höhle, die letztlich aber doch keinen Schutz vor der Kälte bietet.

Diese pessimistische, verstörende Utopie vom möglichen Ende der Menschheit ist einigen im Publikum dann doch zu viel. Die ersten verlassen ihre Plätze bereits nach der Hälfte der Vorstellung. Die meisten Zuschauer jedoch bleiben bis zum Schluss und werden mit einem tröstlichen Ende belohnt: Im Saatgutspeicher regnet es Samen auf die Verlorenen, eine Quelle des Lebens, Botschaft eines möglichen Neuanfangs. Und so kommt auch die Bewegung zurück in die Tänzer, wird zu mitreißendem Schlagzeugsound aus der nahezu erstarrten Gruppe eine vitale Formation. Zu ihren Füßen keimt der reale Samenteppich auf dem Bühnenboden dank Videotechnik virtuell auf – und mit ihm die Hoffnung.

Veröffentlicht am 04.05.2018, von Kirsten Poetzke in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

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