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Neubrandenburg

„MOJA, SHELI, MEINE – HEIMAT“

Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz mit drei Uraufführungen



„*11:23“ von Lars Scheibner, „Perfect Tragic Place“ von Julia Maria Koch und eine Neufassung von „One charming night“ von Sagi Gross beleuchten den facettenreichen Begriff der ‚Heimat’.


  • "Perfect Tragic Place" von Julia Maria Koch Foto © Oliver Hohlfeld
  • "Perfect Tragic Place" von Julia Maria Koch Foto © Oliver Hohlfeld
  • "*11:23" von Lars Scheibner Foto © Oliver Hohlfeld
  • "*11:23" von Lars Scheibner Foto © Oliver Hohlfeld
  • "One charming night" von Sagi Gross Foto © Mikel Larrabeiti
  • "One charming night" von Sagi Gross Foto © Oliver Hohlfeld

Am Vorabend des diesjährigen Internationalen Tag des Tanzes (29. April) lud die Deutsche Tanzkompanie in ihrer Spielstätte Schauspielhaus Neubrandenburg zu einem bemerkenswerten dreiteiligen Tanzabend.

„Drei Choreografen – Drei Bekenntnisse“ offeriert drei Uraufführungen, die den positiven wie negativen Konnotationen des Heimatbegriffes nachspüren. In der zyklischen Zusammenschau wird eine Auseinandersetzung zum Verhältnis von Individuum und Gruppe aus unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht, die Zuschauer zum assoziativen Koproduzieren einlädt. Verschiedene Lesarten lassen sich in den dunklen, nebeldurchwehten Tanzstücken finden.

Seit drei Jahren wirkt Lars Scheibner als produktiver Künstlerischer Leiter der Deutschen Tanzkompanie. Als Sohn eines deutschen Vaters und einer russischen Mutter ist er zweisprachig aufgewachsen und verortet Heimat nicht ortsgenau. Der Titel seiner Neukreation „*11:23“ markiert die fiktive Geburtsstunde eines Menschen. Ein nackter Männerkörper senkt sich in das Dunkel des Bühnenraumes. Das Schnarren von Geigerzählern grundiert die Aktionen von acht schwarzen Gestalten, die den Mann mit grellen Taschenlampen abtasten. Der muskulöse Körper windet sich zu voller Größe auf einer Platte, wird gescannt, erinnert an eckige klassische Posen, fällt, erhebt sich, Schattenwesen belauern ihn. Péter Copeks intensive Körperlichkeit moduliert mit jeder Bewegung gegen den Tod an. Eine ‚Skulptur’, die langsam tastend an den Rändern einer treibenden Eisscholle driftet, mehrfach über wogende Wände balanciert, unter der Wucht der auf ihm stehenden Gruppe im wölfischen Schnauben zerdrückt wird. Er gerät zwischen die Marschierenden, die den Raum diagonal durchschneiden. Sein Körper flirrt und wird zur Projektionsfläche. Der Druck der Gruppe ist so existenzbedrohend, dass sich nacheinander sein Ich auflöst, indem sich immer neue Avatare vom realen Menschen abspalten. Weiße Hüllen, gesichtslos, bewegen sich ins Ungewisse. Dieser Opfertanz gewinnt durch die Sinnfälligkeit der interaktiven Körperprojektionen (PMD-Art Lichtchoreografie: Marcus Doering) eine beklemmende Intensität, die auf den Verlust von Menschsein zentriert. Ultimativ wird der Mann zum Tragen der jedes Quäntchen Haut verhüllenden Ganzkörperkluft genötigt. Gesichtslos fahndet er als Teil der Gruppe mit den grellen Lampen nach Lebenden. Lars Scheibner gelingt mit „*11:23“ eine zwischen Leben und Tod kraftvoll changierende Tanz-Dystopie.

Auch die Gruppenchoreografie „Perfect Tragic Place“ der in Berlin lebenden Tänzerin und Choreografin Julia Maria Koch zielt auf einen labyrinthischen Ort voller Ängste, Schuld und Dunkelheit. Sie exponiert aus einer humorvollen Probensituation zunächst diagonal Sitzende, deren Bewegungsimpulse gleichgeschaltet zu Domino-Effekten führen. Die zwölf Akteure agieren reflexartig, trippeln in weißen Ringelsocken, bilden Pulks und große Flügel. Stilisierte Schläge oder ein plötzliches aggressives Anschreien stören den unheimlichen Gleichklang. Vergeblich scheren Einzelne aus; unheilvoll treten Andere auf die Rücken der Kriechenden, fallen Menschentürme ineinander zusammen, bilden sich Riesenarme oder krallen sich Hände unisono in die Luft. Frauen hängen über Männern, Paare wie Dubletten. Masse Mensch. Täter und Opfer. Das Individuum hat kein Eigenleben. Doch die tänzerischen Codes, die Musikcollage und die schwarze Kostümgestaltung bleiben bis in die anschwellende Parzival-Apotheose, wo die Protagonisten weihevoll langsam mit indifferenten Gesten transhaft wieder und wieder auf das Publikum zu marschieren, vage, konstruiert und im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne nebulös.

Weitaus mehr choreografisch-inszenatorische Konkretheit gelingt dem in Amsterdam wirkenden Israeli Sagi Gross mit „One charming night“ (Original choreografiert für die GrossDanceCompany Amsterdam 2009). Wie im Zoom eines Fernglases erscheint der Videomond mit Raketeneinschlägen über dem Horizont. Davor eine Gruppe junger Leute in angstvoll geduckten Bewegungssequenzen. Gedrosselte Power im Rückwärtsgang. Barfuß in bunten Röcken oder Shorts geben sie einander Bewegungsimpulse. Selbstaktivierung in Soli, Trios, Gruppen zum a cappella Gesang. Der Zuschauer hört die Schritte der gebeugt im Kreis Marschierenden. Ins Artilleriefeuer mischen sich märchenhafte Stimmen von Henry Purcell und ein Paar beginnt zu schweben. Deren Kraft überträgt sich auf jeden, sie wagen raumgreifend größere Bewegungen mit langen Armen. Eine Gemeinschaft im Uhrzeigersinn vorwärtsstrebend wider die körperliche Verkrüppelung. Voller Bewegungswitz finden sich Philipp Repmann und Péter Copek in der utopischen Feuerpause dieser ‚charmanten Nacht’ (ohne Projektion und Musik) in einem akrobatischen Duett selbstvergessener Kampfhähne. Der Zoom zieht weit auf, Granatfeuer quer über den Raum. Doch unter den Detonationen stehen acht junge Leute aufrecht zusammen. Sagi Gross thematisiert seine eigene Heimatzerrissenheit angesichts des ungelösten Nahostkonflikts seit dem Gaza-Krieg 2008. Wie lebt man unter der Bedrohung, der latenten Angst vor Angriffen, dem permanenten Stress? Sagi Gross zeigt uns eine märchenhafte Nacht der menschlichen Selbstveränderung und der sozialen Zusammengehörigkeit.

Drei zeitgenössische Tanzuraufführungen, die „Moja, Sheli, Meine - Heimat“ als Diskurs über Unbehaustheit, Gefährdung und Stärke menschlichen Seins mit kritischem Blick in die Zukunft (Scheibner), Vergangenheit (Koch) und Gegenwart (Gross) und als Plädoyer für den aufrechten Gang. Lang anhaltender, verdienter Beifall für eine intensive Ensembleleistung.

Anmerkung: Nach langer Ungewissheit fließt der Deutschen Tanzkompanie bis 2025 ein Zuschuss von vier Millionen Euro vom Land Mecklenburg-Vorpommern zu. Zum neuen Finanzkonzept leisten die Städte Neustrelitz, Neubrandenburg und der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte finanzielle Beiträge. Nach langen von Künstlern und Bürgern geführten Protesten gibt es damit für das Ensemble mit Tänzerinnen und Tänzern aus zehn Ländern Planungssicherheit. „Tradition und Zukunft des Tanzes haben bei uns eine Heimat“, so das hoffnungsvolle Statement im Programmheft.

4. Mai 2018, 19.30 Uhr Schauspielhaus Neubrandenburg
26. Mai 2018, 19.30 Uhr Landestheater Neustrelitz

Veröffentlicht am 02.05.2018, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "„Moja, Sheli, Meine – Heimat“"



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