HOMEPAGE



Wolfsburg

MELANCHOLISCHER BLICK AUF DIE WELT

Das neue Stück des Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan feiert bei den Movimentos-Festwochen Europapremiere



„Über die Insel Formosa“ ist eine melancholische Metapher für den Zustand unserer Welt, die ihrem Zerfall entgegenschlingert.


  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Liu Chen-hsiang
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © LIU Chen-hsiang
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Liu Chen-hsiang
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Thomas Ammerpohl
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Matthias Leitzke
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Matthias Leitzke
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Thomas Ammerpohl
  • "Über die Insel Formosa" des Cloud Gate Dance Theatre Foto © Matthias Leitzke

„Würde“ heißt das diesjährige Motto der 16. Movimentos-Festwochen und wohl kaum eine Kompanie verkörpert diesen Begriff so selbstverständlich wie das Cloud Gate Dance Theatre aus Taiwan. Zum fünften Mal ist das Ensemble zu Gast in der Autostadt Wolfsburg und entführt die ZuschauerInnen in seinen ganz eigenen, unverwechselbaren Bewegungskosmos aus traditionellem fernöstlichen Tanz und klassisch-modernen Elementen der westlichen Tanzkultur. „Über die Insel Formosa“ heißt das Werk des künstlerischen Leiters Lin Hwai-min. Doch nicht die Schönheit seiner Heimat Taiwan, die portugiesische Seefahrer einst „Ilha Formosa“ — „die schöne Insel“ - nannten, steht im Vordergrund. „Formosa“ ist eine melancholische Metapher für den Zustand unserer Welt, die ihrem Zerfall entgegenschlingert.

Alles beginnt im gleißenden Nichts. Wie eine aufgeklappte Karte heben sich Bühnenboden und -wand strahlend weiß vom Schwarz der beiden Seiten ab. TänzerInnen bewegen sich langsam über die Bühne, im Hintergrund erscheinen kalligrafische Schriftzeichen, steigen schräg nach oben auf und bringen zusätzliche Bewegung in das Gesamtbild. Statt Musik erklingen taiwanesische Worte. Deren Übersetzung wird rechts und links der Bühne dezent eingeblendet. Von der Natur erzählt die Stimme, vom Himmel, den Flüssen, den Jahreszeiten. Analog zu diesen kurzen Schilderungen bewegt sich die Tänzerschar wie ein wogendes Reisfeld. Doch die Harmonie bricht.
Immer bizarrer werden die kalligrafischen Projektionen, nehmen vom ganzen Bühnenraum Besitz, verdichten sich zu schattenhafter Schwärze und vergrößern sich zu abstrakten, geschwungenen Linien. Auch der Rhythmus, der die Bewegung der TänzerInnen vorgibt, verändert sich. Mal sind die gesprochenen Worte der Taktgeber, dann wieder ist es die Klangkomposition aus zeitgenössischer Musik von Gérard Grisey, Kaija Saariaho und Liang Chun-mei. Meist entwickelt sich die Choreografie jedoch zum tonangebenden, klagenden Gesang des taiwanesischen Sängers Sanpuy. Mitunter bleibt den TänzerInnen nur der unhörbare Rhythmus im eigenen Körper, wenn sie sich in absoluter Stille bewegen und formieren, als seien sie in Trance, geführt von derselben lautlosen, inneren Musik.

Alles ist im Fluss, nichts bleibt, wie es ist. Auf harmonische Formationen und ein zartes Pas de deux folgen stampfende, schwere Bewegungen wie Ausdruck harter, körperlicher Arbeit. Dabei ist unverkennbar, dass die TänzerInnen allesamt nicht nur in Ballett, Modern Dance und verschiedenen rituellen und höfischen asiatischen Tänzen ausgebildet sind, sondern auch bei einem Qigong- und einem Kampfkunstmeister trainieren. Eindrucksvoll getanzte Konflikte vermitteln eine Atmosphäre von Aggression und Angriffslust. Zwei feindliche Gruppen stehen sich gegenüber, umkreisen sich lauernd. Einzelne brechen immer wieder unvermittelt aus der Ordnung aus, fixieren ihren Gegner, rennen gegeneinander und kämpfen so wild und erbarmungslos, dass der Eindruck einer echten kriegerischen Auseinandersetzung entsteht.

Doch nicht nur in den Szenen überbordender Aktion strahlt die enorme Ausdruckskraft des Ensembles. Gerade auch in den Momenten der kontrollierten Langsamkeit bis hin zur absoluten Bewegungslosigkeit nimmt die Ausstrahlung der TänzerInnen das Publikum gefangen und verlangt höchste Konzentration, um die winzigen Schwingungen der zeitlupenartigen Veränderungen wahrzunehmen. Immer tiefer wird der Sog der Gefühle, immer düsterer die vermittelten Emotionen, bis aus Sehnsucht und Hoffnung Trauer und Verzweiflung werden und zu wilden Percussion-Klängen die Szenerie zum Chaos gerät. Die Schriftzeichen stürzen herab zu einem Trümmerhaufen, die Sprache ist gescheitert, ein wirbelnder Ozean löst die Ordnung ab. Die TänzerInnen taumeln, fallen und bleiben reglos am Boden liegen. Es wird dunkel.

Doch dies ist nicht das Ende, auch wenn einige das offenbar so interpretieren und zögerlich applaudieren. Lin Hwai-min ist eben ein Vertreter der fernöstlichen zeitgenössischen Tanzkunst und seine „Formosa“-Choreografie weist deutliche buddhistische Bezüge auf. Alle Form ist Leere, alle Dinge sind Illusionen. Und so beginnen im Dunkeln allmählich Sterne zu leuchten, entwickeln sich zu kleinen Schriftzeichen, die wie Himmelslaternen entschweben. Die TänzerInnen erheben sich langsam zu sphärischen Klängen und nehmen sich an den Händen, bis sie eine Kette der Einheit bilden. Der Nachthimmel wird zum Meer.
Auch dieses Bild der Hoffnung ist trügerisch und nur eine Illusion. An den Bühnenseiten erleuchten die Worte „Liebe“ und „Auf ewig“ und zerfallen wieder, bis kein Buchstabe mehr übrig ist. Und auch die Menschengruppe löst sich auf, bis ein einzelner Tänzer allein im grellen Weiß zurückbleibt. Das Leben ist ein Kreis: am Ende – wie am Anfang – steht das Nichts. Erst als der Vorhang fällt, löst sich die Spannung der ZuschauerInnen in lang anhaltenden Applaus auf. Diese rund einstündige Choreographie könnte Lins letzte sein. Der vielfach ausgezeichnete Choreograf hat für das Jahr 2019 seinen Abschied als künstlerischer Leiter des Cloud Gate Dance Theatres angekündigt. Es ist ein Abschied voll Wehmut.

Veröffentlicht am 27.04.2018, von Kirsten Poetzke in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 381 mal angesehen.



Kommentare zu "Melancholischer Blick auf die Welt"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    DIE MAGIE DER ERINNERUNG

    "Small Places" von Guy Weizmann und Rony Haver für tanzmainz
    Veröffentlicht am 28.05.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    VOLLER LEBENDIGKEIT

    Die Wiederaufnahme von „Raymonda“ an der Bayerischen Staatsoper
    Veröffentlicht am 25.05.2018, von Karl-Peter Fürst


    WARUM IN DIE FERNE SCHWEIFEN ...

    ... wo die Guten sind so nah: Gastauftritte von Bolschoi-Solisten und Rollendebuts bei der „Kameliendame“ in Hamburg
    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Annette Bopp



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DRESSING IN DISGUISE

    Die Tanzproduktion von Unita Gay Galiluyo und NETZWERK AKS feiert am 04.05.18 im ART SPACE stift millstatt Premiere.

    ‚dressing in disguise’ geht der Frage nach, wie viel Risiko und Provokation nötig ist, um die Fassade der Schutz bietenden Codes bröckeln zu lassen und das Zusammenleben in unserer Gesellschaft auf zeitgemäße Füße zu stellen.

    Veröffentlicht am 02.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    POLITIK KÖNNTE (MAN) TANZEN

    Reflektionen über die diesjährige Tanzplattform im PACT Zollverein in Essen
    Veröffentlicht am 18.03.2018, von Anna Wieczorek

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    SEHNSUCHTSVOLLER HERZSCHMERZ

    "True Romance" von Hans Henning Paar und Daniel Soulié am Theater Münster

    Veröffentlicht am 19.05.2018, von Marieluise Jeitschko


    GALA WIEDER EIN RAUSCHENDES TANZFEST

    TanzArt ostwest in Gießen

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Dagmar Klein


    WUNDERVOLLES JETZT

    "After Trio A" von Andrea Božić und “The Dry Piece” von Keren Levi

    Veröffentlicht am 17.05.2018, von Natalie Broschat


    KINSUN CHAN WIRD TANZCHEF IN ST. GALLEN

    Der Schweiz-Kanadier übernimmt auf die Spielzeit 2019/2020 die Nachfolge von Beate Vollack

    Veröffentlicht am 24.05.2018, von Pressetext


    SOMMERNACHTSTRÄUME IN DER KIRCHE?

    Mit dem Ballett der Theater Plauen-Zwickau geht das wunderbar.

    Veröffentlicht am 22.05.2018, von Boris Michael Gruhl



    BEI UNS IM SHOP