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München

KLEINE IRRITATIONEN UND GROßE HÖHEPUNKTE

Repertoire und Finale der BallettFestwoche am Bayerischen Staatsballett



Die Rollendebuts von Elvina Ibraimova, Emilio Pavan, Alexey Popov und Henry Grey in „Ein Sommernachtstraum“ und die beeindruckende Ksenia Ryzhkova in „Anna Karenina“ von Christian Spuck.


  • Ksenia Ryzhkova in "Ein Sommernachtstraum" Foto © Wilfried Hösl
  • Ksenia Ryzhkova in "Ein Sommernachtstraum" Foto © Wilfried Hösl
  • Kristina Lind in "Ein Sommernachtstraum" Foto © Wilfried Hösl
  • Die Handwerker in "Ein Sommernachtstraum" Foto © Wilfried Hösl
  • Ksenia Ryzhkova in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • Ksenia Ryzhkova und Erik Murzagaliyev in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • Ksenia Ryzhkova und Matthew Golding in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • Ksenia Ryzhkova, Matthew Golding und Erik Murzagaliyev in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • Ivy Amista und Tigran Mikayelyan in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • Laurretta Summerscales und Jonah Cook in "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl
  • "Anna Karenina" Foto © Wilfried Hösl

Vier Rollendebuts waren in John Neumeiers „Ein Sommernachtstraum“ bei der BallettFestwoche zu sehen. Unter Michael Schmidtsdorffs Leitung trieb das Bayerische Staatsorchester das vielschichtige Geschehen sehr flott voran, und bereits im Prolog, der mit dem Vorabend der Hochzeit von Hippolyta und Theseus einsetzt, ließ die gerade neu engagierte Solistin Elvina Ibraimova in der Rolle der Helena keine Gelegenheit aus, sich spielfreudig als komischer Faktor zu profilieren. Ksenia Ryzhkova verkörperte eine junge Prinzessin voller Erwartung, doch weil Emilio Pavan bei seinem Debut als Theseus allzu unauffällig auftrat und der ebenfalls debütierende Alexey Popov als Zeremonienmeister Philostrat zur Klarheit zunächst wenig beitrug, war das komplexe Geschehen relativ schwer zu verfolgen. Irgendwie hatte Hippolyta dann aber den Brief Lysanders an Hermia in der Hand, und Ksenia Ryzhkova stellte beim Einschlafen Hippolytas überzeugend dar, dass sie für sich eine gleichartige Liebe ersehnt.

Damit begann im nach wie vor faszinierenden Bühnenbild Jürgen Roses ihr Traum, in dem die Elfen mit hoher tänzerischer Perfektion durch den Zauberwald tanzten. Während Alexey Popov als Puck mit fliegender Leichtigkeit die phantastische Sphäre nun rollengerecht dirigierte, gab Emilio Pavan seiner Partnerin nicht die nötige Sicherheit, so dass die vertrackten Hebungen des Oberon mit Titania ihre starke Bildhaftigkeit früherer Vorstellungen einbüßten. Kristina Lind als Hermia und Jonah Cook als Lysander schafften es, mit fußschnellem Duett brillant ihre Liebe ausdrückend, trotz aller Schnelligkeit für erzählerische Ruhe zu sorgen. Henry Grey verkörperte bei seinem Rollendebut den Offizier Demetrios in seiner Eckigkeit sehr amüsant, und als Helena ihn weiterhin vergeblich anhimmelte, bewies Elvina Ibraimova erneut ihr komisches Talent und steigerte das in ihrem Solo mit verlorener Brille. Die trägt jetzt bekanntlich der übermütige Puck, weshalb er mit seiner Zauberblume ständig die Falschen mit Liebesverlangen bestäubt. Als sich im zweiten Akt die Richtigen wieder fanden, tanzte die langgliedrige Kristina Lind als Hermia exquisit, und Elvina Ibraimova verstand es, ihr Gefühl des endlich mit Demetrius gefundenen Glücks im Tanz auf die Zuschauer zu übertragen. Als Theseus die schlafende Hippolyta weckte, fand sie die bedeutsame Rose, und dann fanden beide im Pas de deux in sich steigernder Dynamik zusammen. Dabei gewann Emilio Pavan das seiner Rolle entsprechende Format, und nach den befreundeten Paaren – Elvina Ibraimova und Henry Grey in ihrem höfischen Temperament mit getragener Eleganz und als gute Ergänzung dazu Kristina Lind und Jonah Cook mit fröhlichem – tanzte er eine auch technisch überzeugende Variation. Den folgenden Pas de deux gestalteten Ksenia Ryzhkova und er harmonisch mit sichtbarer Emotion zu einem seiner Bedeutung würdigen Finale. Dies präsentierte Alexey Popov als Philostrat nun mit guter Präsenz. Natürlich gefiel auch die Gruppe der mit ihrem Theaterstück alles falsch machenden Handwerker wieder. Unter ihnen verdiente Dustin Klein für seine exaltierte Theatralik als Thisbe besonderes Lob. Die Vertrautheit mit John Neumeiers Sprache und seiner Erzählung muss in Igor Zelenskys weitgehend neuer Kompanie zwar noch wachsen, aber insgesamt war die Vorstellung vor allem tänzerisch auf hohem Niveau.

Christian Spucks „Anna Karenina“ nach Lev Tolstois umfangreichem Meister-Roman ist ein faszinierendes Handlungsballett in ganz groß angelegter, gleichwohl erstaunlich komprimierter Dimension. Es überzeugt dadurch, dass sich sein Choreograf auf das konzentrierte, was ihn selber berührte: die Gestalt Anna Kareninas. Und weil er die tragische Konstellation ihres Lebens durch den Blick auf zwei weitere Paare sichtbar macht, reiht sich eine Vielzahl virtuoser Pas de deux aneinander. Die aktuelle Vorstellung am Sonntagabend legte im Vergleich zur Münchner Premiere im vorigen November an Durchgängigkeit des tänzerischen Schwungs und Spannung der Erzählung noch deutlich zu und bildete deshalb ein glänzendes Finale dieser BallettFestwoche.

Sie war auch sehr gut besetzt. Als Stiwa, der wie seine Schwester Anna veranlagt ist und seine Ehefrau notorisch betrügt, stritten Javier Amo und Ivy Amista als Dolly in ihren präzisen Tänzen authentisch. Als Lewin warb Jonah Cook ausdrucksvoll um Dollys Schwester, die von Laurretta Summerscales temperamentvoll verkörperte Kitty, die sich anfangs an Graf Wronski verlor. Auf Levins Landgut aber, wo er im Einklang mit sich, der Natur und seinen Feldarbeitern ist, entwickelten beide in harmonischem Tanz feinfühlig und nachvollziehbar ihre Liebe. Szenenwechsel zwischen den eleganten St. Petersburger oder Moskauer Salons und dem Land, der Pferderennbahn oder dem Bahnsteig gehören zu den Reizen des Stücks. In dessen Zentrum stand Ksenia Ryzhkova, die den Zwiespalt der Titelheldin zwischen dem Pflichtbewusstsein gegenüber ihrem Gatten und der Leidenschaft zu Graf Wronski mit höchster Intensität in Tanz und Darstellung anschaulich machte. Matthew Golding, in Wronskis Rolle ständiger Gast aus London, bewies sich wieder als starker Tänzer und attraktiver Geliebter, und Erik Murzagaliyev traf Karenins Charakter als korrekter Gatte und hoher Beamter genau. Zu den zahlreichen Höhepunkten der Aufführung gehörte, wie innerlich zerrissen er seiner Frau nach der Geburt des Kindes von Wronski in ihrer zerbrechlichen Schwachheit verzieh und wie eindringlich nach dem Eintreffen des Geliebten dieses Trio miterleben ließ, dass das Thema „eine Frau zwischen zwei Männern“ an die Existenz ging.

Annas Liebesglück in Italien, die Brutalität, mit der sie von Söhnchen Serjoscha getrennt wird, ihre Isoliertheit in der Gesellschaft, in der sich der Geliebte weiterhin frei bewegt, ihre Eifersucht, ihre Einsamkeit und deren Betäubung mit Opium, zuletzt auch ihre Unfähigkeit, an Wronskis ungebrochene Liebe zu ihr zu glauben – bei all dem war der Tanz von Ksenia Ryzhkova im Ausdruck fast so reich wie ein paar hundert Seiten des großen Romans. So stand sie als neuer Star des Bayerischen Staatsballetts am Ende der diesjährigen BallettFestwoche noch einmal beeindruckend im Zentrum. Diese Choreografie ist es wert, sie mindestens alle paar Jahre wieder zu sehen, und deshalb gehört sie noch vor „Portrait Wayne McGregor“ und „Spartacus“ zu den wichtigen Premieren unter der künstlerischen Leitung Igor Zelenskys.

Veröffentlicht am 27.04.2018, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Kleine Irritationen und große Höhepunkte"



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