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Nürnberg

IN DER GRUPPE ÜBERLEBEN KÖNNEN

„Powerhouse“ am Staatstheater Nürnberg mit Werken von Ekmann, Shechter und Montero zeichnet seismografisch den Zustand der Welt auf.



In dem Wort „Powerhouse“ liegt viel von der Kraft und Energie, mit der Montero sein Haus in den vergangenen Jahren zum Erfolg geführt hat.


  • “Disappearing Act” von Hofesh Shechter Foto © Jesús Vallinas
  • “Disappearing Act” von Hofesh Shechter Foto © Jesús Vallinas
  • “Imponderable” von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas
  • “Imponderable” von Goyo Montero Foto © Jesús Vallinas

„Powerhouse“, das Wort klingt hart. Wie eine neu auf den Markt gekommene Serie, die vom Willen zur Macht berichtet; von der Konstruktion eines Erfolg versprechenden Netzwerks, in dem die einen entscheiden und die anderen zurecht kommen müssen. Ansonsten verlieren sie. Wer Goyo Montero kennt, kann zu dem Schluss kommen, dass es nicht seine Art ist, sich in der Ballettwelt à la „Bad Banks“ oder „House of Cards“ zu bewegen. Und doch passt der Titel: In dem Wort „Powerhouse“ liegt viel von der Kraft und Energie, mit der Montero sein Haus in den vergangenen Jahren zum Erfolg geführt hat: Am 22. September wird sein Staatstheater Nürnberg Ballett für seine herausragende technische, stilistische und ästhetische Entwicklung mit dem Deutschen Tanzpreis Aktuell geehrt werden.

„Powerhouse“ ist auch ein Wort des Kurators Montero. Abermals zeichnet er mit der Auswahl der Werke für seinen neuen dreiteiligen Abend unter diesem Titel seismografisch den Zustand der Welt auf. Kunst ist bei Montero, sei es als Choreograf, Dramaturg, Kurator oder Direktor, nie nur „l´art pour l´art“. Vielmehr: errungener Ausdruck komplexen Selbst- und Welterlebens. Eindringlich machen seine eigene neueste Kreation „Imponderable“ sowie Hofesh Shechters „Disappearing Act“ aus dem Jahr 2015, nun für das Nürnberger Ensemble gewonnen, Zustände, Lebensgefühle und Emotionen von Menschen in Ländern spürbar, in denen sich ideologische und materielle Überlebenskämpfe tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben.

Greift Montero biografisch auf seine Erlebnisse Anfang der 1990er in Kuba zurück, ist bei Shechter, unter anderem Schüler und Tänzer bei Gaga-Star Ohad Naharin, Israel intensiv zu spüren. Poems und Lieder des kubanischen Liedermachers Silvio Rodriguez, die der Kanadier Owen Belton zu einem stark rhythmischen, auch mal peitschend klingenden Klangraum verarbeitet hat, dienen Montero hierbei als hilfreiches Narrem. Shechter, der auch als begnadeter Komponist, Pianist und Perkussionist unterwegs ist, lieferte hingegen seine eigene Komposition – eine gewaltig anschwellende, Trance auslösende Soundlandschaft, in die seine Tänzer mit durch den ganzen Körper fließenden Bewegungen eintauchen.

Für die resignative Erfahrung, ohne Kontrolle und Einflussmöglichkeiten Systemen und Politiken ausgesetzt zu sein, trotz großer Vereinzelung nur zusammen etwas aushalten und Unwägbares annehmen zu müssen, bis hin zum existenziellen Kontrollverlust durch Überwachung, Flucht oder Mord, findet Montero dunklere und wuchtigere Bilder als Shechter. Scharfe, durch Lichtwechsel ermöglichte Schnitte in der dennoch sehr abstrakt gehaltenen Bilderfolge zeigen, dass in Freude gelebtes Leben neben dem Bedrohlichen gelebt wird. Die Bühne wird bei Montero zur Arena. An den Rändern nehmen grelle Scheinwerfer die Menschengruppe ins Visier, die sich, in Nebel und Dämmerlicht getaucht, gemeinsam, vereinzelt und gleichzeitig in Bewegung setzt und alles miteinander durchlebt. Zwar existiert noch die für Montero typische, kanonisch organisierte, faszinierende Makrobewegung, die in einer Geste oder einer Position ausläuft. Jedoch sind immer häufiger gegenläufige Einzelbewegungen erkennbar, die das Fließmuster in seinen inneren Richtungsänderungen neu und unübersichtlicher ausdifferenzieren – eine interessante Weiterentwicklung.

Das faszinierendste Moment bei dieser Neukreation aber ist der Umgang Monteros mit Zeit. Ohne es erklären zu können, verliert man in „Imponderable“ das Gefühl für Anfang und Ende eines Stückes. Es ist, als ob das, was es zeigt, immer ist, immer gleichzeitig zu allem innerhalb und außerhalb des Theaters, und nur die Zeit der Aufführung des Stückes macht dieses immer ‚Jetzt’ real Ablaufende eindringlich und auch schonungslos sichtbar.

Dieses Phänomen taucht in der Erfahrung von Shechters beeindruckendem Stück nicht auf, obwohl dessen Inszenierung von Bewegung und Raum eigentlich dafür prädestiniert zu sein scheint, Grenzen von Raum und Zeit aufzuheben. Denn Shechters Bewegungssprache ist noch verbundener als Monteros, im Zugriff aber diskreter und letzten Endes, man staunt, narrativ. Shechters Bewegungsflüsse lassen sich in Worte fassen. Denn seine Menschen gehen in der Welt, in der sie leben, gebückt. Sie knien. Das Haupt ist gesunken oder wird zum Himmel gereckt. Die Hände sind bittend erhoben. Eingebunden zwischen Himmel und Erde hält so eine kleine Gruppe an Menschen in Zeiten der Bedrohung zusammen, wo sie ansonsten auseinander fällt. In diesem Satz ließe sich der Inhalt seines „Disappearing Act“ zusammenfassen. „Imponderable“ lässt einen hingegen wortlos, aber voller Emotionen zurück.

Alexander Ekmanns „Tulplet“ fällt dabei ganz und gar nicht aus dem Rahmen. Seine die Lachmuskeln strapazierende, grandiose Schöpfung aus dem Jahr 2012 zum Thema Rhythmus und die dabei einhergehende Dekonstruktion von Tanz als Abfolge vereinbarter Bewegungsentscheidungen und von Bewegung als eine aus Wort und Geräusch initiierte Erscheinung spiegeln nicht zuletzt große Spiel- und Lebensfreude am Zusammenstellen und Übereinanderlegen verschiedenster Resonanzräume – sei es des wippenden, schnalzenden oder schnippenden, zum Instrument werdenden Körpers; seien es Momente des Zusammenseins von Menschen im Geist des Jazz irgendwo in den 1940er oder 1950er Jahren, die als Videostill eingespielt werden. Die Lichtdramaturgie ähnelt Itzik Galilis Stil, mit scharf ausgeleuchteten Quadraten zu arbeiten, in denen die Tänzer stehen. Begeisternden Zwischenapplaus gab es für Hirkoki Ichinoses Solo. In starkem Gegenlicht zeichnet nur seine Silhouette ein grandioses Solo zu jenen Lauten, die ein Choreograf im Studio ohne Sound, Klang oder Musik von sich gibt, wenn er eine Bewegungsfolge intoniert: Dada im Tanz. Herrlich, wo wir doch sonst in dunklen Zeiten leben.

Veröffentlicht am 25.04.2018, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2017/2018

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