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München

KREATIVE ERFAHRUNGEN FÜR DEN NACHWUCHS

Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung im Münchner Nationaltheater



Integriert in die BallettFestwoche des Bayerischen Staatsballetts überzeugte die diesjährige Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung mit einem künstlerisch vielseitigen Programm.


  • Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung: "Equality" von Diego Ferreira Foto © Charles Tandy
  • Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung: "Evanesce" von Lotte James Foto © Charles Tandy
  • Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung: "Blues in A Minor" von Norbert Graf Foto © Charles Tandy
  • Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung: "Petite Corde" von Marek Svobodnik Foto © Charles Tandy
  • Matinee der Heinz-Bosl-Stiftung: "Nonett" von Aszure Barton Foto © Charles Tandy

Zwölf Mädchen von der Ballett-Akademie der Hochschule für Musik und Theater München tanzten die Kindermazurka aus "Raymonda", die seit der Uraufführung dieses Klassikers im Jahr 1898 verschollen war, aber im Zuge der von Konstanze Vernon und Ivan Liška initiierten Petipa-Rekonstruktionen am Bayerischen Staatsballett bereits 2001 von Ray Barra neu choreografiert wurde. In ihrer Ausführung sauber, synchron, homogen, musikalisch und mit sicherer Aufteilung im Raum zeigten sich die etwa 12-Jährigen gut darauf vorbereitet, in den bald anstehenden Vorstellungen des Staatsballetts jenes Werkes ihre Funktion bei Raymondas Hochzeitsfest zu erfüllen. Ivan Liška, der als künstlerischer Leiter der Heinz-Bosl-Stiftung die Matinee moderierte, wollte mit dieser Eröffnung zeigen, wie ein Tänzer-Leben beginnt: mit Freude an Form und Rhythmus sowie dem Gemeinschaftsgefühl für gemeinsame Arbeit als Voraussetzung für stetige Leistungssteigerung. Er dankte dem Staatsballett für die Auftrittsmöglichkeit im Nationaltheater ebenso wie für die Unterstützung von Stipendiaten des Bayerischen Jugendballetts München (BJBM), das aus dem vor acht Jahren als Juniorkompanie gegründeten Staatsballett 2 hervorging.

Eloise Sacilotto und Florimon Poisson vom BJBM tanzten "Blues in A-Minor", das Norbert Graf im Frühling anlässlich der Paul-Klee-Ausstellung für die Rotunde der Glyptothek der Moderne choreografiert hatte. Inspiriert von den Handpuppen des Künstlers für seine Kinder fertigte ihm Susanne Stehle an Oskar Schlemmers Figuren aus dem Triadischen Ballett erinnernde Kostüme und Kopfaufsätze. Graf ließ die beiden lebensgroßen Puppen mit geometrischen Armbewegungen Kontakt miteinander aufnehmen, ehe sie sich zur Musik des Modern Jazz Quartet mit moderner Biegung der Wirbelsäulen und Beibehaltung der gestischen Armbewegungen gegenseitig zur Annahme ihrer Identität animierten.

Es folgte "Berdintasunerantz", das Diego Urdangarin Ferreira als Teil seiner Abschlussprüfung für den Bachelor of Arts in Tanz an der Ballettakademie vorgelegt hatte. Sein Stück, dessen Titel Gleichheit bedeutet, machte die Gleichheit zwischen den Geschlechtern zum Thema. Links von zwei Stellwänden trat Olivia Swintek, rechts davon Arnau Redorta Ortiz auf. Nach zwei analogen Sequenzen brachten sie die Trennwände zum Verschwinden und tanzten ein schmiegsames und formal schlüssiges Duett in fließenden Bewegungen miteinander.
Für die gleiche Prüfung hatte Lotte James die Depressionsproblematik, die sie eine Zeitlang begleitete, in Kunst übersetzt, was Ivan Liška begrüßte. Damit verriet er, wie wichtig ihm und der Akademie auch die seelisch-menschliche Entwicklung der Auszubildenden ist. In ihrem Stück "Evanescence" tanzte Lotte James selbst in weißem Trikot mit dem Choreografen des vorigen Stücks, der einen dunklen Dress trug, und ihre Bewegungen spiegelten Befangenheit in ihren Körpern. Dynamisch führte er sie durch schnelle Drehungen und ausdrucksvolle Hebungen, während sie wiederholt in Resignation fiel. Aber der Support und das tänzerische Können waren da, und die Ambivalenz der Support-Abhängigkeit war frei vom Me-Too-Trend intelligent interpretiert.

Nach diesen kürzeren Stücken präsentierte Marek Svobodnik von den Dekkadancers Prag eine mit 14 TänzerInnen des BJBM besetzte, verschmitzte Hommage an Jiri Kylián, Ivan Liškas großen Landsmann, dessen Stücke für das Bayerische Staatsballett – man denke nur an Highlights wie "Zugvögel" oder "Gods and Dogs" – unvergessen bleiben. Svobodniks "Petite Corde" war inspiriert von Kyliáns "Petite Mort" aus dem Jahr 1991, das von vielen Kompanien übernommen und so stilbildend wurde. Das magische Unisono, die pointierte Demonstration des Umgangs mit Requisiten und deren Wandlung, häufige Überraschungseffekte, Wirbelsäulen-Biegungen und Counterbalancen, all diese Stilmittel des Meisters verwob Svobodnik respektvoll miteinander, sodass seine TänzerInnen das Publikum humorvoll wie Kylián mit der Entlarvung menschlicher Eigenschaften konfrontierten.

Nach der Pause folgte die Münchner Erstaufführung von "Again(st)", das David Russo an der Ballettakademie für den 6. Bundeswettbewerb Biennale Tanzausbildung entwickelte. Davor berichtete Ivan Liška vom Erfolg der Münchner Akademie, denn mit dem zu Ende gehenden Schuljahr hätten ihre Absolventen, die sich sowohl klassisch als auch modern frei bewegen könnten, Verträge in Amsterdam, Prag, Nizza, Helsinki und Dortmund bekommen, und vier weitere wolle er im BJBM halten. "Again(st)" handelt von der Ausbildung, ist inspiriert von Zweifel, Angst, Neugierde und Verheißung und zeigte mit zeitgenössischem Idiom die angespannte Reflexion des Weges von Tänzern, das Postulat, einerseits individuell, andererseits homogen mit den anderen zu sein. Das ganze wirkte wie ein Béjart-Ballett des 21. Jahrhunderts und durchlief Motive der Konkurrenzsituation, Strapazen und Überforderung, um mit der Orientierung nach vorn zu enden.

Auf „rasante Wildheit“ folgte mit der Uraufführung von Aszure Bartons Stück nach Ivan Liškas Worten „rasante Zartheit“. Die junge, gleichwohl hochrangige Choreografin, von der mit "Konzert für Violine und Orchester" und "Adam is" zwei Werke im Repertoire des Staatsballetts sind (oder waren?) und die direkt von der Premiere ihres neuen Stückes an der Scala eintraf, hatte "Nonett" für das BJBM vor einigen Wochen entwickelt. Fasziniert von Richard Reed Parrys "Music for Heart and Breath", ein Sextett mit einem die Herztöne integrierenden Stethoskop, hörte sie auf die Herzschläge ihrer neun TänzerInnen, deren Individualität für sie die treibende Kraft des Kreationsprozesses war. Dies ergab in allen Soli oder Gruppierungen sensible Bewegungen mit starker Präsenz, die, ganz eng verbunden mit der Musik, aus dieser hervorzukommen oder sie hervorzubringen schienen, sich zur Freiheit entwickelten, um am Ende wieder einander zu respondieren und zart zu verklingen.

Wenn auch ein Ausrufezeichen starker individueller Virtuosität fehlte, fand das künstlerisch so vielseitige Programm, das ganz auf der Höhe der Zeit und vom Gedanken humaner Förderung geprägt war, ungeteilten Zuspruch von einem - trotz strahlenden Sonnenscheins - vollem Haus. So in das Münchner Kulturleben integriert, lassen die Matineen der Heinz-Bosl-Stiftung, die am kommenden 11. November ihr 40-jähriges Bestehen feiern, darauf hoffen, dass sie weiterhin ihren Platz im Spielplan des Bayerischen Staatsballetts und im Nationaltheater behalten.

Veröffentlicht am 24.04.2018, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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Kommentare zu "Kreative Erfahrungen für den Nachwuchs"



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