HOMEPAGE



Berlin

EINE BELGIERIN KOMMT, EIN BELGIER GEHT

Anne Teresa De Keersmaekers Meisterwerk „Vortex Temporum“ in der Volksbühne



Das erste „Wort“ hat die Musik. Auf der Vorbühne, hinter sich Dunkel, sitzen sie über kreideweißen Kreisformen im Halbkreis, die Instrumentalisten des Ictus Ensemble, zwei Bläser, drei Streicher; den Pianisten hat es links an den Rand verschlagen.


  • Anne Teresa de Keersmaekers "Vortex Temporum" an der Volksbühne Berlin Foto © Anne Van Aerschot
  • Anne Teresa de Keersmaekers "Vortex Temporum" an der Volksbühne Berlin Foto © Anne Van Aerschot
  • Anne Teresa de Keersmaekers "Vortex Temporum" an der Volksbühne Berlin Foto © Anne Van Aerschot

Das erste „Wort“ hat die Musik. Auf der Vorbühne, hinter sich Dunkel, sitzen sie über kreideweißen Kreisformen im Halbkreis, die fünf Instrumentalisten des belgischen Ictus Ensemble, zwei Bläser, drei Streicher; den Pianisten als sechsten im Bund hat es links an den Rand verschlagen. Erregt tirillierend beginnen in Gérard Griseys Mitte der 1990er entstandener Komposition „Vortex Temporum“, „Zeitwirbel“, die Bläser. Der geballten, schroff in den Raum geworfenen Klangflut suchen die Streicher Sanftheit gegenzuhalten. Als das Piano einsetzt, gehen die anderen Musiker ab, überlassen ihm die „Rede“, und die ist gepfeffert komplex. Als sich abrupt der Pianist zurückzieht, schlägt die Stunde der sieben Tänzer von „Rosas“. Auch sie stehen zunächst im Halbkreis, senken den Kopf, lassen Bewegung aufflackern, ausholendes Kreisen ohne Veränderung der Front etwa, alles rund mit noch kleinem Radius. Bisweilen sind zwei Tänzerinnen synchron wie vordem die Bläser; drei Männer ordnen sich den Streichern zu, mit Torsionen, Pirouetten, typischen Sprüngen ihrer Choreografin, das Bein hin zum Körper geführt.

Die ist Anne Teresa De Keersmaeker, Belgiens zeitgenössische Formforscherin für die Welt, die sich mit Vorliebe Musik der Gegenwart verschreibt und nach Gemeinsamkeiten und Reibungen sucht. In dem 1998 verstorbenen Franzosen Gérard Grisey hat sie einen in den musikalischen Strukturen so vertrackten wie anregenden Kompagnon gefunden, an der sich die choreografische Bewegungsfantasie entzünden muss. Engst ist die einstündige Spieldauer über in der wohlbesuchten Berliner Volksbühne der Kontakt zwischen Klang und Tanz, so eng, dass etwa der dem Pianisten beigegebene, behend den Raum ausweitende Solist, über stete Blickkontakte hinaus, selbst in die Tasten greift. Das ruft die anderen Musiker auf den Plan, doch nicht auf den Platz. Denn in dem Maß, wie das Piano während des Spielens durch den Raum geschoben wird, folgen ihm die übrigen Akteure: Tänzer und Musiker zieht es gemeinsam in einen Wirbel, der sich die Bühne bis in ihre Tiefe erobert. Alles vermischt, verschiebt sich, Klang wird Bewegung, Bewegung Klang. Selbst die Strahler des Deckenlichts wandern mit, beleuchten jeweils den genutzten Teil des Bühnenraums: auch das Licht als Teil des umsichtigen tänzerischen Wanderwirbels.

Sein Zentrum bleibt das Piano, auch wenn sich Tanz und Musik eintrüben. Dann hört man nur noch leise instrumentale Faucher, scheint Stillstand eingetreten, bis Helle ihn aufbricht. Die Musiker haben sich weit hinten aufgereiht, die Szene davor gehört gänzlich den Tänzern. Mit Sprüngen, Läufen, Aufhüpfern, Zugbewegungen, Beinwürfen, Schlenkern reagieren sie weiträumig und achtungsvoll auf den Klang, nehmen seine Akzente behutsam auf, kontrahieren als Pulk oder dehnen sich aus. Posen stoppen mehrfach, wenn die Musik pausiert; so treibt es einen Tänzer in die Standwaage, in der er verharrt, bis Griseys Partitur sich fortzufahren bequemt. Musik drückt die Tänzer nieder und richtet sie wieder auf, zieht sie in ihre Aufwallungen, macht sie zum sensibel den Klang erfassenden Organismus. Nach einer Phase der Raserei zu Jaulpassagen beruhigen sich Ton und Tanz. Vereinzelt sind Haucher der Instrumente zu hören, als würde jemand gedämpft Luft ein- und ausstoßen. Im bühnengroßen Kreis lauschen die Tänzer diesem universellen Atem. Tanz und Musik als pulsender Gesamtorganismus, über dem das Licht auffleckt, bis es ebenfalls verschwindet.

Ein unerwartet stiller, auf wunderbare Weise weltüberwindender Schluss einer ungemein tief Musik fühlenden, Musik erfühlenden Choreografie. Zu welch nahtlosem Einssein sich zeitgenössische Musik und zeitgenössischer Tanz verschwistern können, hat hier Anne Teresa De Keersmaeker erneut gezeigt und ein bereits 2013 uraufgeführtes Meisterwerk geschaffen. Anschließend an diese Spielserie erweitert De Keersmaeker die Fragestellung: Kann die Bühne Ausstellungsraum werden, den Zuschauer zum Besucher machen? „Work/Travail/Arbeid“ heißt die bis zu achtstündige, begehbare Aufführung, die in Brüssel, London, Paris, New York gezeigt wurde und nun in der Volksbühne ihre deutsche Premiere erlebt.

Dort hat eine Ära, die keine geworden ist, jüngst ihr Finale erlebt: die Halbjahres-Intendanz von Chris Dercon. Sein von Anbeginn heftig umstrittenes Konzept, statt eines regelmäßigen Spielbetriebs mit festem Ensemble auf Gastauftritte zu setzen, ist gescheitert: Berlin braucht kein hypertrophiertes Hebbel am Ufer. Eine katastrophale Auslastung brachte das einstige Schlachtschiff provokanten Theaters ins Schwanken. Doch zwei Millionen Rücklagen sichern, wie man hörte, trotz einer Minus-Bilanz das geplante Programm bis Saisonende. Kultursenator Klaus Lederer gab an, in Ruhe einen Nachfolger für den Belgier, dessen Bezüge bis Jahresende weiterlaufen, zu suchen und hat Klaus Dörr zum kommissarischen Leiter berufen. Was das künftig für die Volksbühne bedeutet, ist völlig offen.

Veröffentlicht am 23.04.2018, von Volkmar Draeger in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 938 mal angesehen.



Kommentare zu "Eine Belgierin kommt, ein Belgier geht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    VERKÖRPERUNG DES ABSTRAKTEN

    Anne Teresa De Keersmaeker und Jean-Guihen Queyras mit Bachs sechs Cellosuiten in der Elbphilharmonie

    Eine Verbindung zwischen Musik und Tanz will sich nicht herstellen, das Abstrakte bleibt abstrakt und seltsam seelenlos.

    Veröffentlicht am 04.09.2017, von Annette Bopp


    WENN "GOLDENE STUNDEN" DEN GRAUEN ALLTAG DURCHBRECHEN

    Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas zeigt „Golden Hours (As you like it)“ als Erstaufführung im deutschsprachigen Raum beim Steirischen Herbst

    „Golden Hours“ bietet den Luxus, zwei gute Stunden in eine anspruchsvolle, differenzierte, ausgeklügelt durchdachte Choreografie einzutauchen.

    Veröffentlicht am 19.10.2015, von Ingrid Türk-Chlapek


    PIONIERIN DER INTERNATIONALEN TANZSZENE

    Auszeichnung für Anne Teresa De Keersmaeker

    Die belgische Choreografin erhielt das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst – und damit eine der höchsten Auszeichnungen, die die Republik Österreich für wissenschaftliche oder künstlerische Leistungen vergibt.

    Veröffentlicht am 19.02.2015, von Pressetext


    SCHAMLOS ROMANTISCH?

    Anne Teresa De Keersmaekers Neufassung von "Verklärte Nacht"

    Die belgische Choreografin nennt ihre Neufassung, die sie bei der Ruhrtriennale präsentiert, einen "Pas de deux". Ein Versuch, sich dem romantischen Handlungsballett zu nähern?

    Veröffentlicht am 17.08.2014, von Marieluise Jeitschko


    IM GEDANKENSTRUDEL

    De Keersmaeker und Eisa Jocson bei „Theater der Welt“

    Die niederländische Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker macht niemals halbe Sachen. Und wenn sie sich mit zeitgenössischer Musik beschäftigt, dann darf man sicher sein, dass sie einmal mehr die Wurzeln von Klang und Bewegung in Raum und Zeit von Grund auf reflektiert.

    Veröffentlicht am 09.06.2014, von Isabelle von Neumann-Cosel


    AM TANZHIMMEL SCHIMMERND

    Rosas mit "Drumming live" zu Gast auf dem Münchner DANCE-Festival

    Veröffentlicht am 07.11.2012, von Alexandra Karabelas


    TANZ ZWISCHEN TAG UND TRAUM

    Beim Festival „Foreign Affairs“ erobert sich Anne Teresa De Keersmaeker das Mittelalter

    Veröffentlicht am 14.10.2012, von Volkmar Draeger


    DIE KUNST DER KONZENTRATION

    Anne Teresa De Keersmaeker und ROSAS mit „Elena’s Aria“ beim internationalen Sommerfestival auf Kampnagel

    Veröffentlicht am 19.08.2012, von Annette Bopp


    ALS DIE BEWEGUNG WEIBLICH WAR

    "Rosas danst Rosas" von Anne Teresa De Keersmaeker in Frankfurt

    Artikel aus Frankfurter Rundschau vom 17.05.2010


     

    LEUTE AKTUELL


    TANZ ÜBERALL

    Der Fonds TANZLAND fördert den Tanzaustausch abseits bekannter Großstädte
    Veröffentlicht am 21.07.2018, von Alexandra Karabelas


    DER SOGENANNTE ANFÄNGERGEIST

    Goyo Montero über seine Zeit als Ballettdirektor am Staatstheater Nürnberg
    Veröffentlicht am 20.07.2018, von Alexandra Karabelas


    ABSCHIED VOM BOSS

    "A Reid Anderson Celebration" in Stuttgart
    Veröffentlicht am 13.07.2018, von Alexandra Karabelas



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    IMPULSTANZ NAHT SICH DEM FULMINANTEN ENDE

    Noch bis 12. August tanzen beim ImPulsTanz Festival Stars und Newcomer_innen der internationalen und österreichischen Tanzszene sowohl auf den Bühnen Wiens als auch im mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien.

    Unter ihnen finden sich bekannte Namen wie Meg Stuart oder Louise Lecavalier, aber auch spannende Jungchoreograf_innen wie Jamila-Johnson Small oder Silke Huysmans & Hannes Dereere.

    Veröffentlicht am 06.08.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    GROßE GALA

    Viel Dank für Reid Anderson in Stuttgart

    Veröffentlicht am 26.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

    Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

    Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


    DER KLASSIZIST UNTER DEN TANZFOTOGRAFEN

    Gert Weigelt wird 75

    Veröffentlicht am 25.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP