HOMEPAGE



Köln

BODY TALK UND AUTOPSIE

Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln



Das Werk des Fotografen strahlt jenseits der oft schamlos schrillen erotischen Ekstase, die im Bühnentanz gemeinhin mit größter Vorsicht thematisiert wird, eine berührende philosophische Theatralität aus.


  • Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln Foto © Janet Sinica
  • Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln Foto © Janet Sinica
  • Gert Weigelts Fotokunst im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln Foto © Janet Sinica
  • "A circle, a line", 2000 Foto © Gert Weigelt
  • "It takes two to tango", 1986 Foto © Gert Weigelt
  • "Ypsilon kopfüber", 1995 Foto © Gert Weigelt
  • Der Fotograf Gert Weigelt Foto © Gert Weigelt

Mit Skalpell-scharfem Blick seziert Gert Weigelt den menschlichen Körper. Er fokussiert aus immer neuer Perspektive und unterschiedlichsten Entfernungen bis hin zur lupenreinen Makroaufnahme auf Details, etwa einen verästelten Bauchnabel. Er durchleuchtet Rücken, so dass jeder Rippenbogen und jede Muskelfaser sichtbar wird. Er schneidet Torsi zu, modelliert Verschlingungen von Armen, Beinen, Köpfen, Leibern. Er konterkariert ein Metallgestänge oder ein Bretter-"Y" mit exakt derselben Linienführung einer Tänzerin. Immer wieder bohrt sich die Spitze eines Stilettos haarscharf neben einen Körper oder visualisiert die brutale Schönheit eines Spitzenschuhs. Gert Weigelt zitiert in seiner fotografischen Kunst berühmte Gemälde der Renaissance ebenso wie Skulpturen der klassischen Moderne. Aus Haut, Knochen, Muskeln, Sehnen, Haaren (von Kopf bis Scham und Oberschenkel) abstrahiert er menschliche Körper als Kunstwerke - mal mit ästhetischem Feingefühl, mal schamlos - stets mit schier unerschöpflicher Fantasie.

"Inszenieren" nennt der Doyen der europäischen Tanzfotografie seine fotografische Studioarbeit. Das Tanzmuseum des Deutschen Tanzarchivs Köln widmet dem Fotokünstler seine diesjährige Sonderausstellung. Weigelt titelt sie "Autopsie in schwarz/weiß" in Anlehnung an die erste seiner sechs Video-Arbeiten ("Arabesque - eine Autopsie. Reverenz an Hans van Manen"), die im hinteren Raum des Museums gezeigt werden. Da hat er sich als Choreograf ausprobiert. Aber dann doch das Metier eines Meisterfotografen vorgezogen. An die 100 Fotos bis 2007 in unterschiedlichsten Formaten von DIN A4 bis mannshoch hat Weigelt für die Schau ausgewählt. Die meisten sind Akte und Ausschnitte von nackter menschlicher Körperlichkeit. Porträts und Selbstdarstellungen bestätigen die oft geäußerte Nähe zum Werk Robert Mapplethorpes. Weigelt setzt sich mit koketter Bescheidenheit darüber hinweg mit seinem Konterfei in schwarzer Lederjacke mit Gänseblümchen im Mundwinkel anstelle Mapplethorpes lässiges Zigarette ("Sorry - I'm not R.M.").

Man mag sich kaum vorstellen, was er seinen "Models" - Tänzerinnen und Tänzern zumeist aus europäischen Ensembles vom Tanzforum Köln und NDT bis Pina Bausch und Martin Schläpfer - an Geduld entlocken musste und erst recht den, natürlich Freiwilligen, wohl auch Momente unbedingter Verleugnung von Verschämtheit oder dem Verlangen nach einem Quäntchen privater Intimsphäre. Der Ex-Tänzer zelebriert die ästhetische Schönheit und Dynamik des bewegten menschlichen Körpers. Ganz bewusst verfremdet er Posen mit tänzerisch-körpertechnisch ebenso kenntnisreicher Virtuosität wie überbordender erotischer und verspielter Lust. Das köstlichste Beispiel für diese - fast alberne - Verspieltheit zeigt Weigelt und seine Ehefrau Sighilt Pahl ("Just Married") im großformatigen Katalogheft: die doppelseitig bedruckten DIN A3-Blätter sind in der Mitte leicht gefaltet und mit einem Gummiband gehalten. So ergibt es sich automatisch, dass auf einer linken (leider unnummerierten) Seite Weigelt zu sehen ist, wie er - 1998, noch mit neckischem Haardutt im Nacken - im weiten Bogen Wasser speit. Hinten im Heft kommt auf der entsprechend gegenüberliegenden Blatthälfte der Strahl bei der Partnerin an.

Witzig wirkt auch "hairfall" - die perfekt symmetrische Rückenansicht einer "Lorelei", deren Mähne sich wie ein Wasserfall über ihren Rücken ergießt und als schmales Band eines Gebirgsbachs zwischen ihren Po-Backen endet. Oder "King Kong und die weiße Frau": da hält der dunkelhäutige Tänzer eine schneeweiße Porzellanballerina waagerecht an den Oberschenkeln zwischen den Zähnen.

Mit Tanzfotografie haben Gert Weigelts fotografische Studio-Inszenierungen auf den ersten Blick nur andeutungsweise zu tun. Natürlich hält "ein Kreis, eine Linie" die perfekt gegrätschten Beine einer Ballerina mit schwarzem Tutu aus genialer Perspektiver fest oder "Bea goes diagonal" die schräge Streckung einer Tänzerin. Choreografische Szenen fängt Weigelt nur mit seinen Impressionen von "Body talk" beim TanzForum Köln und bei NDT 1 ein - aus der Zeit, als er der eigenen Karriere als Tänzer noch sehr nah war in den 1970er Jahren und die fotografische Leidenschaft gerade erst durch ein Studium zum zweiten Beruf ausbilden ließ.

Aber was und wen auch immer er ablichtet: Gert Weigelts fotografisches Werk strahlt jenseits der oft schamlos schrillen erotischen Ekstase, die im Bühnentanz gemeinhin mit größter Vorsicht thematisiert wird, eine berührende philosophische Theatralität aus. So verweist (nicht nur) das "Porträt" von Tony Rizzi - ein Muskelprotz mit starkem Haarwuchs bis auf die Oberschenkel, in Spitzenschuhen - auf die Nähe vieler Tänzer zu ihrer androgynen Aura und Persönlichkeit. Die Verklammerung von Kunst- und Bühnenfotografie visualisiert auch "Gerhard Bohner (Neonröhre)". In solchen Aufnahmen zeigt sich Weigelts Credo nach dem französischen Philosophen Roland Barthes, demzufolge die Fotografie "sich nicht über die Malerei mit der Kunst, sondern über das Theater" berühre. Dem entsprechen auch das Selbstporträt mit geschlossenen Augen in der Umarmung mit Ehefrau Sighilt (von hinten, mit sorgfältig geflochtenem Zopfkranz) und seine Totenmasken, die wie von Pina Bausch inspiriert wirken. Das letzte Katalog-Blatt (von 1995) zeigt Weigelt mit geschlossenen Augen. Der schwarze Schleier über seinem Gesicht ist mit fünf Strapsen gerafft. Der Titel: "Totenmaske (voreilig)".

Die Ausstellung "Gert Weigelt - Autopsie in schwarz/weiss" ist bis zum 27. Januar 2019 täglich außer mittwochs von 14-19 Uhr zu sehen im Museum des Deutschen Tanzarchivs Köln, Im Mediapark 7, 50670 Köln. Katalog mit 20 Fragen an Gert Weigelt von Museumsleiter und Ausstellungskurator Thomas Thorausch erhältlich.

Veröffentlicht am 19.04.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Themen, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2772 mal angesehen.



Kommentare zu "Body Talk und Autopsie"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    DEUTSCHER TANZPREIS 2019: PROGRAMM TANZ-GALA STEHT FEST

    Preisverleihung Gert Weigelt 19.10. / Ehrungen Jo Parkes und Isabelle Schad 18.10.

    Die Verleihung des ebenso traditionsreichen wie auf Innovation bedachten Preises findet im Rahmen einer hochkarätigen Tanz-Gala im Aalto-Theater Essen statt.

    Veröffentlicht am 23.06.2019, von Anzeige


    DYNAMIK DES STILLSTANDS

    Der Kalender Dance 2019 mit Fotografien von Gert Weigelt

    Es ist es vor allem der Blick des Tänzers Gert Weigelt auf die Tanz-Situation, die im besten Falle, über den festgehaltenen Moment auch etwas von dem vermitteln kann, was diesen Momenten vorangegangen ist und ihnen folgen wird.

    Veröffentlicht am 11.12.2018, von Boris Michael Gruhl


    GERT WEIGELT. AUTOPSIE IN SCHWARZ/WEIß

    Fragen an Gert Weigelt zur Ausstellung im Tanzarchiv Köln

    Gert Weigelts Arbeiten in Schwarz/Weiß - entstanden aus der Zusammenarbeit mit TänzerInnen im Studio - sind Ausdruck eines ästhetischen Anspruchs, der sich anschickt, Körperlichkeit und Tanz mit der Kamera aus analytischer Perspektive zu sehen und zu zeigen.

    Veröffentlicht am 21.03.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ UND FOTOGRAFIE

    Die Ausstellung mit Plakaten von Gert Weigelt in Karlsruhe ist eröffnet

    Vernissage mit Einführung und Filminterview Weigelt-Schläpfer

    Veröffentlicht am 18.07.2016, von tanznetz.de Redaktion


    20 JAHRE TANZNETZ.DE: AUS UNSEREM ARCHIV GEHOLT

    Kritiken, Blogs, Foreneinträge, Fotos und Videos aus 20 Jahren tanznetz.de

    Heute: Birgit Cullberg als Kickboarderin

    Veröffentlicht am 02.03.2016, von tanznetz.de Redaktion


    MONAT FÜR MONAT MIT KRAFT UND ELEGANZ UND FREUDE

    Eine Kalender-Hommage an Martin Schläpfers zeitgenössisches Tanzensemble

    Der Fotograf und ehemalige Tänzer Gert Weigelt zeichnet für die exquisiten Abbildungen verantwortlich, die alle von einer puristischen Eleganz durchzogen sind.

    Veröffentlicht am 23.11.2015, von Andrea Amort


    BIS INS KLEINSTE DETAIL

    Der zweite Dumont-Kalender des kongenialen Teams Weigelt-Schläpfer

    Von zehn Choreografien Schläpfers, uraufgeführt zwischen 2010 und 2013, hat Gert Weigelt Ablichtungen für seinen zweiten Dumont-Kalender ausgewählt - eine stattliche Galerie von künstlerisch wie technisch perfekten Momentaufnahmen.

    Veröffentlicht am 17.11.2014, von Marieluise Jeitschko


    QUADRATISCH. PRAKTISCH. UND VERDAMMT GUT.

    „Dance 2015“ der neue Kalender von Gert Weigelt

    Mit fliegender Mähne stürmt die Pina Bausch-Tänzerin Melanie Maurin über die Bühne. Wild, schön und nicht zu zähmen, eine Frau, ein Flow. Ein Motiv aus „Rough Cut“ von 2005, mit dem Gert Weigelt schwungvoll ins neue Jahr startet.

    Veröffentlicht am 16.11.2014, von Leonore Welzin


    DESIGNPREIS DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND FÜR PLAKATSERIE DES BALLETTS AM RHEIN

    Die Plakatserie des Balletts am Rhein für die Spielzeit 2013/14 wurde in Berlin mit dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland 2014 ausgezeichnet.

    Die tanznetz-Community gratuliert Ihrem langjährigen Mitarbeiter, dem Tanzfotografen Gert Weigelt, für diese hohe Auszeichnung!

    Veröffentlicht am 26.09.2014, von Pressetext


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    NEUE SICHTWEISEN

    "Coppélia" beim Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Sabine Kippenberg


    TANZ, COWBOYS, LEBEN UND TOD

    Die Verleihung des Sächsischen Tanzpreises im LOFFT Leipzig
    Veröffentlicht am 22.10.2019, von Boris Michael Gruhl


    NUR WER SEINEN KÖRPER GANZ IM GRIFF HAT, DER LERNT ZU FLIEGEN

    Splatter-Ballett „Tanz“ zu Gast an den Münchner Kammerspielen
    Veröffentlicht am 21.10.2019, von Vesna Mlakar



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    WHAT WE ARE LOOKING FOR & TEMPUS FUGIT

    Das Junge Theater Basel und Toula Limnaios zu Gast in der Tafelhalle

    Am 20.Oktober wird "What We Are Looking for" im Rahmen des Licht.Blicke-Festivals des Gostner Hoftheaters gezeigt. Am 07. und 08. November gastiert Tola Limnaios mit ihrem Team in der Tafelhalle.

    Veröffentlicht am 09.10.2019, von Pressetext

    LETZTE KOMMENTARE


    ADOLPHE BINDER BEKOMMT AUCH IM BERUFUNGSVERFAHREN RECHT

    Neues in der Causa Tanztheater Wuppertal
    Veröffentlicht am 19.08.2019, von tanznetz.de Redaktion


    „NICHT EIN X-BELIEBIGES MODERNES ENSEMBLE“

    Die Intendantin des Tanztheater Wuppertal Bettina Wagner-Bergelt im Interview
    Veröffentlicht am 27.09.2019, von Miriam Althammer


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    DEUTSCHER TANZPREIS FÜR GERT WEIGELT

    Anerkennung für Isabelle Schad und Jo Parkes

    Veröffentlicht am 20.10.2019, von Marieluise Jeitschko


    NEUE STRÖMUNGEN

    Wechsel beim Internationalen Wettbewerb für Choreographie Hannover

    Veröffentlicht am 16.10.2019, von Pressetext


    SICHERHEIT IN DER UNSICHERHEIT

    „(In)Security“ feiert im schwere reiter München Premiere

    Veröffentlicht am 14.10.2019, von Peter Sampel


    EIN GROSSARTIG WAGHALSIGES BALLETT

    Christian Spuck choreografiert in Zürich „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

    Veröffentlicht am 13.10.2019, von Marlies Strech


    AUS EINER ANDEREN ZEIT

    Alicia Alonso im Alter von 98 Jahren verstorben

    Veröffentlicht am 18.10.2019, von Günter Pick



    BEI UNS IM SHOP