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Hamburg

GLANZVOLLE ROLLENDEBUTS

Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett



Es war die 157. Vorstellung seit der Premiere am 2. Mai 1976 – und Neumeiers Interpretation des Tschaikowsky-Klassikers ist immer noch so spannend wie ehedem. Sascha Trusch und Madoka Sugai brillieren als König Ludwig und Prinzessin Natalia.


  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Sascha Trusch Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Der Vorhang erstrahlt in neuem Glanz Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Sascha Trusch Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Sascha Trusch, David Rodriguez Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Madoka Sugai, Sascha Trusch Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Xue Lin, Sascha Trusch Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Alexandre Trusch Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Jacopo Belussi, Emilie Mazon Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Silvia Azzoni, David Rodriguez Foto © Holger Badekow
  • Wiederaufnahme von „Illusionen – wie Schwanensee“ beim Hamburg Ballett: Madoka Sugai, Sascha Trusch Foto © Holger Badekow

Es war die 157. Vorstellung seit der Premiere am 2. Mai 1976 – und immer noch so spannend wie ehedem. John Neumeiers Interpretation des Tschaikowsky-Klassikers, in der er die Rolle des Prinzen mit der tragischen Persönlichkeit König Ludwigs II. von Bayern vermischt, ist immer noch eine der faszinierendsten der gesamten Ballettliteratur. Ebenso das grandiose Bühnenbild und die einmaligen Kostüme des Großmeisters aller Bühnenbildner: Jürgen Rose. Zur Feier der Wiederaufnahme nach acht Jahren Pause wurde jetzt der kostbare Spielvorhang zum Zuschauerraum erstmals wieder erneuert und erstrahlt in wahrhaft königlichem Glanz (über dieses Kunstwerk hätte man gerne noch mehr erfahren – ist er gewebt oder gemalt, was kostet so eine Erneuerung, wer kann das heute noch in dieser Qualität herstellen?). Die gesamte Wiederaufnahme war der im März diesen Jahres verstorbenen Irina Jacobson gewidmet, die der Kompanie seit vielen Jahrzehnten als Ballettmeisterin und Coach verbunden war und die schmerzlich vermisst wird.

Die Hauptrolle des depressiven (heute würde man eher sagen: an einer bipolaren Störung leidenden) König Ludwig II. von Bayern übernahm Alexandre Trusch, Erster Solist beim Hamburg Ballett und einer der profiliertesten und brillantesten Tänzer der Kompanie. Er füllt diese schwierige Rolle in den schwermütigen Sequenzen mit so viel abgründiger Verzweiflung, Verlorenheit, Wehmut und Sehnsucht, dass einem schier das Herz bricht. Aber ebenso brilliert er in den königlichen Szenen mit strahlendem Glanz, gebieterischer Würde und liebenswürdiger Souveränität. Er vermag es, diesen ständigen Wechsel zwischen überbordender Freude und düsterem Absturz von Szene zu Szene noch zu steigern – bis zum tragischen Ende im vom Schnürboden herabfließenden Seidenvorhang, diesem fulminanten Schluss, der nichts von seiner Magie eingebüßt hat. Dass Sascha Trusch mit seiner Sprungkraft den hohen technischen Anforderungen dieses Parts mehr als gerecht wird, nicht nur, aber vor allem im Grand Pas de deux, versteht sich von selbst.

Ihm zur Seite als Prinzessin Natalia die erst vor kurzem zur Solistin beförderte Madoka Sugai, die schon als Kitri in „Don Quixote“ eine Kostprobe ihrer immensen Begabung gab. Sie entwickelt die Persönlichkeit der Verlobten Ludwigs II. mit einer bezwingenden Innigkeit. Die scheue Zuneigung im „blauen“ Pas de deux mit dem König am Ende des ersten Akts wandelt sich im Grand Pas de deux im dritten Akt zu überschäumender Lebensfreude und Hingabe, mündet dann aber in tiefe Trauer, wenn sie im letzten Pas de deux erkennen muss, dass sie ihren Bräutigam nicht aus seiner inneren Düsternis befreien kann. Technisch gibt es wohl nichts, was Madoka Sugai nicht kann – sie dreht nicht nur die 32 Fouettés ganz selbstverständlich und mehrfach doppelt, nein, sie setzt auch mal eben zwischendurch noch eine vierfache Drehung obendrauf, um dann die Fouettés einzeln zu Ende zu drehen... atemberaubend! Das Besondere ist jedoch, dass diese technische Souveränität nie zirzensisch wirkt, sondern immer auch erfüllt ist von einer fast lyrischen Zartheit und Bescheidenheit. Madoka Sugai hat ganz unverkennbar das Zeug zu einer der ganz großen Ballerinen unserer Zeit.

Den Part der Odette hatte Neumeier der Solistin Xue Lin anvertraut. Sie wird dieser Rolle allerdings noch nicht wirklich gerecht – da fehlt es noch an den fließenden Armbewegungen und auch an diesem magischen Schmelz, den sie als verzauberte Schwanenprinzessin verströmen muss, wenn sie glaubwürdig sein will.
Emilie Mazon gab ihr Rollendebut als mädchenhaft-fröhliche Prinzessin Claire neben Jacopo Belussi als Prinz Alexander – frisch, charmant und liebenswert alle beide. Carolina Aguero war eine starke Königinmutter, Dario Franconi ein flotter Prinz Leopold (wie er auch Prinz Siegfried im weißen Schwanenakt die nötige Allüre gab). Silvia Azzoni als komisch-flatterhafter Schmetterling im „Maskenball“ vermochte es, selbst dieser kleinen Nebenrolle eine gehörige Portion Glanz einzuhauchen. David Rodriguez war der „Mann im Schatten“, gleichzeitig auch der Zauberer Rotbart im weißen Schwanen-Akt und übermütiger schwarzer Clown – und füllte diese unterschiedlichen Rollen souverän aus. Patricia Friza und Yun-Su Park zelebrierten die „großen Schwäne“ mit Eleganz, und Mayo Arii, Florencia Chinellato, Giorgia Giani und Menting You zirkelten vier blitzsaubere „kleine Schwäne“ auf die Bühne. Simon Hewett leitete das gut aufgelegte Philharmonische Staatsorchester sicher durch die Höhen und Tiefen der Partitur.

Veröffentlicht am 19.04.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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