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München

EINE APOTHEOSE DES TANZES

„Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett



Die dreiteilige Premiere zur Eröffnung der BallettFestwoche in München stimmte zunächst skeptisch, wurde jedoch zum Triumph.


  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Sunyata" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Sunyata" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Sunyata" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Kairos" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Kairos" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Kairos" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Borderlands" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Borderlands" Foto © Charles Tandy
  • „Portrait Wayne McGregor“ am Bayerischen Staatsballett: "Borderlands" Foto © Charles Tandy

Mit hohen Vorschuss-Lorbeeren angesichts seiner vielfältigen Quellen für schöpferische Prozesse kam Wayne McGregor zu seinem Hausdebut ans Bayerische Staatsballett. Dessen Direktor Igor Zelensky konnte für die erste zeitgenössische Premiere seiner Amtszeit den begehrten Choreografen aus London auch dafür gewinnen, mit seiner Kompanie ein neues Stück zu erarbeiten.

Der Abend begann mit „Kairos“, das 2014 am Ballett Zürich entstand. Das griechische Wort im Titel wies ursprünglich auf den „rechten Augenblick“ hin, bedeutet aber heute nur noch „das Wetter“. Hinter gestreifter Gaze erschienen acht TänzerInnen, von Lichtdesignerin Lucy Carter stroboskopisch zu unzähligen stehenden Bildern gereiht. „Wie im Zeitraffer erscheint „Kairos“ als eine Aufnahme des Jetzt“, sagte McGregor. Für sein Stück wählte er Musik von Max Richter, der Motive aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ verfremdet, verzerrt und zu repetitiven Sequenzen gedehnt hat. Im ersten Pas de deux zeigte sich sein Tanz auf klassischer Basis mit zusätzlichen Dehnungen, Biegungen, gestischen Phrasierungen und ungewohnten Linien bereichert. Das schien sich seinem immer neuem Empfinden der Musik zu verdanken, welches er wohl stets mit konkreten Situationen verknüpft. Das Solo danach von Ivy Amista bestätigte, wie die TänzerInnen durch die Arbeit mit ihm eine ausdrucksstarke Erweiterung ihres Bewegungsrepertoires erfahren. Allerdings wirkten die zahlreichen Einzelfälle im weiteren Verlauf dieses Stücks manchmal ermüdend, so dass sich die Frage aufdrängte, worauf das Ganze hinausläuft und wie sich McGregors Bewegungssprache hier von der in seinen anderen Stücken unterscheidet. Dieses Unbehagen an mangelnder Stringenz verflog bei einem Quintett von Frauen mit leicht verschobenem Timing und wechselnden Responsionen, besonders aber beim folgenden Männer-Quintett. Denn dabei weckten die nahtlosen Agglomerationen der Tänzer oder das Spannungsfeld zwischen ihnen mehrfach den Eindruck eines Gesamtkörpers, der im Einklang mit der Musik faszinierende Bilder der musikalischen Gestaltung abgab. Tanz von hoher Dynamik und scharfen Bewegungen in beeindruckender Präzision folgte, wechselte zu Slow Motion in einer elektronischen Passage, dann wieder bemühten sich Duos und Trios erfindungsreich in Hebungen, Verschlingungen, Counterbalancen und Posen umeinander, authentisch doch vielfach gebrochen. Sie haben alle etwas miteinander zu tun, und doch wieder nichts. Denn die Zeit verstreicht, und der „rechte Augenblick“, der erfüllte, ist flüchtig.

Mit „Sunyata“ folgte Wayne McGregors Arbeit für acht TänzerInnen des Bayerischen Staatsballetts. Sie bot das schönste Bühnenbild, aber leider nicht den stärksten Tanz. Die Komposition „Circle Map“ von Kaija Saariaho baut auf der englischen Übersetzung sowie den original eingesprochenen sechs Vierzeilern des persischen Mystikers Rumi auf, die Choreografie sowohl auf die sphärisch-unwirkliche Musik für Orchester und Elektronik als auch auf den Bezug zu den Texten. Der Titel verweist auf das buddhistische Konzept der Leere, auf einen Raum, in dem über das Negative hinaus das Potenzial einer Entstehung von Kreativität liegt, in dem sich alles gegenseitig bedingt und nichts in seiner Existenz fest ist. Dem entspricht im Bühnenbild, das McGregor mit Catherine Smith entwarf, ein riesiger Kreis, der in die gigantische Vergrößerung von sechs persischen Miniaturen integriert ist. Er kann sich vielfach wandeln, zum Nichts werden oder als Sonne den Tagesablauf beleuchten. Lucy Carters Licht und der Klang des Staatsorchesters unter der Leitung von Koen Kessels schufen eine faszinierende Sphäre, in der Frauen ein Quartett und Männer ein Duett tanzten, sich ihr Unisono oft verschob oder auflöste und sie sich in einem zu vermutenden Referenzsystem des Miteinander koordinierten. Ksenia Ryzhkova und Jonah Cook nutzten brillant tanzend die Leere zu konkreten Mitteilungen, und egal ob an den Partner adressiert, ob kommentierend oder nach Argumenten suchend: Ihr Pas de deux verlief hochdramatisch. Unter abendlich sinkender Sonne wurde ein männliches Quartett zum Gesamtkörper einer sich ständig transformierenden Skulptur, vier Frauen tanzten in scheinbarer Wirrnis, fanden aber immer wieder zu schönem Einklang, und nach weiter wechselnden Formationen verlor sich das Stück sanft ins Nichts.

„Borderlands“, schon 2013 beim San Francisco Ballet entstanden, bewies, dass weder die zuweilen vermisste Stringenz noch ein erkennbares Ziel nötig sind, wenn Tanz wirklich stark ist. Wayne McGregor ging auch für diese Choreografie von einem anspruchsvollen Konzept aus, das man im Stück nicht mehr sieht, das es aber hervorzubringen half. Hier waren es die Studien des Bauhaus-Künstlers Josef Albers, der dem subjektiven Erfahren und Wahrnehmen von Farbe in ihrer Räumlichkeit nachging. Die analoge Beschäftigung mit Grenzzuständen im Tanz führt zum Staunen über die Glieder, lässt fragen: „Wo hört mein Körper auf, meine Bewegung, wo fängt der andere an?“ „Borderlands“ braucht immer ein Gegenüber, gegen das man sich abgrenzen kann oder mit dem man Schnittmengen fühlt. Der Raum dieses Stückes ist leer, nur ein großes Quadrat – Anklang an geometrische Abstraktionen von Albers – ist das einzige Bühnenelement. Ein dichtes Hellblau füllte dank des Lichtdesigns von Lucy Carter unerklärlich plastisch die Bühne und geht später in wärmere Rottöne über. Mit dem aufdröhnenden Synthesizer-Sound der Komponisten Joel Cadbury und Paul Stoney entstand ein unwirklich wirkender Kunstraum, in dem Ksenia Ryzhkova virtuos den scharfkantig-kühlen Tanz der Körpererkundung begann. Ein Quartett zu tieferen Klängen folgte, dann ein Sextett von Männern mit vibrierenden Port de bras, weitere Soli und Trios. Man müsste die sechs Tänzerinnen und sechs Tänzer alle nennen, die so einfühlsam und präzise mit ihrer Kraft den Raum prägten und aufs Publikum eine fühlbare Wachsamkeit übertrugen. Dann der Wechsel zu ruhigen Klaviertönen und Ksenia Ryzhkovas Pas de deux mit Dmitri Vyskubenko, in dem jeder Augenblick bannte und ein Partner den anderen fand. Dies war Tanz als Fest seiner selbst. Welch eine Biegsamkeit, in jedem Moment ausdrucksstark und souverän! Auf dieser Höhe von Qualität ging es weiter, mit fließenden Übergängen zu einem kraftvollen Sextett und nach einem weiteren Pas de deux zum traumwandlerischen Solo Osiel Gouneos. Das Enigmatische schien transparenter zu werden. Dann trieb der elektronische Sound wieder zu hoher Dynamik, bei scharfer Präzision und sich ändernden Farben flossen alle Energien zusammen, wie zu einer Apotheose der Schöpfung, am Ende in völliger Freiheit.

So getanzt gehört „Borderlands“ auch im Blick über diesen Abend hinaus, zum Besten im modernen Repertoire des Bayerischen Staatsballetts. Allerdings: Was Wayne McGregor 2013 mit diesem Meisterwerk erreichte, scheint er in seinen jüngeren Stücken lediglich in einem jeweils wechselnden Rahmen zu variieren. Für das Ensemble aber muss die Arbeit mit ihm eine tolle Erfahrung gewesen sein, und es tanzen sich immer mehr TänzerInnen nach vorn, die das Publikum mit ihrer Qualität begeistern.

Veröffentlicht am 17.04.2018, von Karl-Peter Fürst in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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