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Wolfsburg

EIN KALEIDOSKOP DES TANZES

DCA/Philippe Decouflé begeistert bei den Movimentos-Festwochen



Einen roten Faden gibt es nicht – das ist aber auch das Einzige, was bei der Deutschlandpremiere „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé in Wolfsburg hätte vermisst werden können.


  • „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé bei den Movimentos-Festwochen Foto © Charles F. / DCA
  • „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé bei den Movimentos-Festwochen Foto © Charles F. / DCA
  • „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé bei den Movimentos-Festwochen Foto © Charles F. / DCA
  • „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé bei den Movimentos-Festwochen Foto © Charles F. / DCA
  • „Nouvelles Pièces Courtes“ der Kompanie DCA/Philippe Decouflé bei den Movimentos-Festwochen Foto © Charles F. / DCA

Einen roten Faden gibt es nicht – das ist aber auch das Einzige, was bei der Deutschlandpremiere „Nouvelles Pièces Courtes“ (Neue kurze Stücke) der Kompanie DCA/Philippe Decouflé im Rahmen der Movimentos-Festwochen in Wolfsburg hätte vermisst werden können. Stattdessen bietet das Ensemble aus Frankreich bei seinem dritten Gastauftritt in der Autostadt den Zuschauern mit einer Reihe kleinerer, sehr abwechslungsreicher Choreografien ein knallbuntes Kaleidoskop aus einem reichen Repertoire an Bewegungssprachen. Vom klassischen und zeitgenössischen Tanz über Akrobatik bis zur Pantomime bieten die kurzen Sequenzen immer wieder Neues und versetzen das Publikum in unterschiedlichste Welten und Stimmungen. Heiterkeit folgt auf Melancholie, Verspieltheit auf Übermut, Ernsthaftigkeit auf Slapstick.

Philippe Decouflé spricht mit seinen kurzen Stücken weniger den Kopf an, sondern zielt direkt ins Herz. Heiter-ironisch bastelt der Choreograf die Szenen zusammen, setzt Licht, Klang und Farben ein, um seine Einfälle zu einer sinnlichen Gesamtkomposition zu gestalten. Die Mischung erinnert an eine Zirkusvorstellung, bei der Akrobaten, Clowns und Zauberer ein Wechselbad an Emotionen hervorrufen. Das ist sicherlich kein Zufall, schließlich wurde Decouflé zunächst bei der École du Cirque de Paris ausgebildet, bevor er Tanz studierte – unter anderem bei Merce Cunningham in New York. Eben dort entdeckte Decouflé auch die Videotechnik, die er als einer der ersten für seine Choreografien einsetzte und die sein Werk so charakteristisch prägt.

Im Gegensatz zu einigen anderen Choreografen, die dieses Ausdrucksmittel ebenfalls für ihre Stücke entdeckt haben, nutzt Decouflé die Videos aber nicht allein als eine Art Kulisse, die neben dem Tanz stehen. Vielmehr lässt er seine sieben Tänzer mit den – meist über ihnen projizierten – Videos interagieren und vermischt so Realität und Fiktion. Das kann verwirrend sein, wenn sich etwa zwei Tänzer auf der Bühne bewegen und die Tanzschritte in der Videodarstellung darüber überdimensional und gleichzeitig vervielfacht synchron ablaufen. In solchen Momenten droht die Technik den Menschen zu dominieren, lenkt den Blick ab vom eigentlichen Geschehen auf der Bühne.

Dann wiederum verstärkt sie den Tanz, ohne in Konkurrenz zu treten. Das gelingt genial und geradezu magisch in einer poetischen Szene, in der eine Tänzerin an einer Trapezkonstruktion befestigt, vermeintlich schwerelos über der Bühne schwebt. Die Bildprojektion wehender Vorhänge erzeugt die Illusion von Wolken und beschwört beim Anblick der immer stärker trudelnden, wie in einem Windsog scheinbar unkontrolliert hin- und hergerissenen Figur das Bild eines umherwirbelnden Blattes.

Diese Dynamik kennzeichnet die gesamte Vorstellung. Wie eine verrückte Traumreise jagt eine Idee die nächste. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit vor lauter Schauen, Hören und Staunen. Die Vielfalt an Kostümen von klassisch schwarz über phantasievoll und farbenfroh, die wild gemischte Musik von Vivaldi über Bossanova bis zu Beatboxing, das Talentspektrum der Ensemblemitglieder, die singen, rhythmisch trommeln, Klavier spielen oder mit einem getreckten Rückwärtssalto auf eben diesem Instrument dem Zuschauer den Atem rauben, all das lässt in der beinahe 90-minütigen Vorstellung keinen Raum zum distanzierten Betrachten, sondern reißt mit.

Dabei schreckt Decouflé auch vor dem Griff in die Klamaukkiste nicht zurück. Er veralbert das klassische Ballett mit einer Szene, in der sich vier Tänzer an einer Ballettstange drängeln, lässt sein Ensemble in absurden Wiedehopf- oder Hasenkostümen auftreten, und nimmt unseren Konsumwahn aufs Korn, indem eine Tänzerin (auf Deutsch!) die lange Liste an überflüssigen Souvenirs herunterbetet, die sie in Japan erstanden hat. Weil Decouflé jedoch ein Händchen für Timing und ironische Brechung hat, bleibt auch das Komisch-Absurde pointiert und heiter und gleitet nicht ins Geschmacklose ab. Die brillante Leitung des Ensembles und die überaus unterhaltsame Regie des international gefeierten Choreografen belohnt das Publikum in Wolfsburg ungewöhnlich euphorisch mit Standing Ovations.

Veröffentlicht am 16.04.2018, von Kirsten Poetzke in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Ein Kaleidoskop des Tanzes"



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