HOMEPAGE



Hagen

VERITABLER TANZ-ENTERTAINER

Alfonso Palencias "Cinderella" am Theater Hagen



Mit Respekt vor dem provinziellen Publikum und Hochachtung vor Prokofjews Partitur präsentiert Alfonso Palencia mit seiner nur 13-köpfigen Kompanie ein rundum begeisterndes Märchenballett auf beachtlichem künstlerischen Niveau.


  • "Cinderella" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre
  • "Cinderella" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre
  • "Cinderella" am Theater Hagen Foto © Klaus Lefebvre

Weit entfernt von Sergej Prokofjews Shakespeare-Vertonung "Romeo und Julia" rangiert bis heute in der Gunst der Choreografen dessen Märchenballett "Cinderella". Das liegt aber vor allem am Thema. Musikalisch jedenfalls wartet der Russe auch in seiner Aschenputtel-Musik mit Klangfarben und Rhythmen auf, die in ihrer Charakterisierung von Personen und Situationen dem früher entstandenen Shakespeare-Ballett keineswegs nachstehen.

50 Szenen hat das drei-aktige Aschenputtel-Libretto von Nikolai Wolkow und verzeichnet neben sieben Solisten allerlei Statisten, Chargen und kleine Gruppen wie Schneeflocken, Blumen, Kavaliere, Höflinge, Getier des Waldes und Personal bei Hofe, dazu Partien für Halbsolisten wie Gäste aus fernen Ländern und die vier Jahreszeiten-Feen, die Cinderella für den Ball herausputzen.

Natürlich sprengt eine derart aufwändige Inszenierung eigentlich alle Dimensionen eines so kleinen Hauses wie des Jugendstil-Theaters in Hagen - sowohl räumlich als auch personell. Die Kompanie hat ganze 13 Positionen zur Verfügung! Dass es trotzdem klappen kann, beweist der neue Ballettchef Alfonso Palencia, der schon als junger Tänzer davon träumte, einmal die Titelpartie tanzen zu dürfen, und später darauf brannte, "Cinderella" (wenigstens!) zu choreografieren.

Mit Respekt vor dem provinziellen Publikum und Hochachtung vor Prokofjews Partitur präsentiert er ein rundum begeisterndes Märchenballett auf staunenswertem künstlerischen Niveau. 35 Szenen choreografiert er, nimmt karg bevölkerte glitzernde Räume in Kauf, profitiert von imaginärer Raumvergrößerung durch raffinierte, fantasievolle Videoclips, schickt die meisten Ensemblemitglieder in mehreren Rollen auf die Bühne, nutzt die Statisterie des Theaters und individuelle Kompetenzen (wie die Spitzentanz-Technik von Amber Neumann und Serena Landriel als Sommer- und Winterfeen).

Auch choreografisch nutzt der Ex-Tänzer, was Theateralltag und Meisterchoreografen ihn lehrten. Vor allem hört er genau auf die Musik. Prokofjew vertont Mentalität und Emotionen seiner Charaktere. Palencia setzt sie wunderbar in ausdrucksvolle Bewegung um. Palencia ist ein veritabler Tanz-Entertainer!

Zu Gute kam dem Spanier für die Choreografie seines ersten abendfüllenden Handlungsballetts auch: er ist nicht nur als Ballettchef am Ziel seiner Träume, sondern hat mit der südkoreanischen Da Ae Kim eine Ballerina frisch im Ensemble, wie sie passender für das unglückliche, verträumte junge Aschenputtel kaum vorstellbar ist. Da Ae Kim - angenehm aufgefallen schon in dem Dreiteiler, mit dem Palencia sich und seine Kompanie zum Spielzeitauftakt vorstellte - ist mit erstaunlicher Sicherheit der großen Partie gewachsen und bezaubert mit zarten lyrischen Bewegungen und anrührend authentischer Ausstrahlung. Die neoklassischen Posen und Gesten mit sparsamen eigenwilligen modernistischen oder pantomimisch aussagekräftigen Akzenten der Handschrift Palencias tanzt sie beim Ball in Stöckelschuhen, sonst aber meist barfuß auf Halbspitze, was vor allem gut passt, wenn Aschenputtel als verachtete Magd der exaltierten Stieffamilie dienen muss.

Mutter und Töchter sind mit Männern besetzt. Damit geht Palencia einen Schritt weiter als Frederick Ashton, der bei der ersten west-europäischen Einstudierung des russischen Balletts (1948 in London) die Stiefschwestern auch mit Tänzern besetzte - was natürlich deren absurdes (Daneben-)Benehmen wunderbar karikiert. Gonçalo Martins da Silva und Gennaro Chianese sehen wie Zwillinge aus - ein glänzender Effekt! Der dunkelhäutige, hochgewachsene Bobby Briscoe gibt die Mutter (in hochhackigen Pumps und mit wallender Lockenmähne) einen Tick zu tuntig und zu wenig parodistisch. Noemi Martone ist die "Mutterfee" - Erinnerungs-Ikone von Cinderellas verstorbener Mutter, deren Grab das junge Mädchen im Prolog besucht.

Reichlich hölzern wirken in der A-Besetzung (alle Solisten sind doppelt einstudiert!) Leszek Januszewski als Cinderellas Vater und leider auch der viel zu alt und gelangweilt wirkende Gustavo Barros als vermeintlicher "Traumprinz". Oder ist's Absicht? Macht Cinderellas Sehnsucht nach Liebe sie blind für den Melancholiker? Eine flotte Perücke und etwas weniger Larmoyanz könnten (vielleicht) Wunder wirken.

Der international renommierte Ausstatter Dorin Gal und Videokünstler Rasmus Freese bestücken die Bühne schick, effizient und technisch up to date. So steht zwar die große Uhr auf dem Kamin, in dem Cinderella ihr Bettlager aufschlagen muss. Aber beim Uhrentanz des 1. Akts (eigentlich eine Nummer für Kinderballett) und in der Ballnacht wächst sie und dreht sich virtuell durch den ganzen Bühnenraum. Auch Zwischenvorhänge sorgen für einen magischen Touch und den zügigen Ablauf beim Szenenwechsel. Dorin Gals Kostüme sind mehr als ein Hingucker für die nächste Karnevalssession.

Sehr gründlich hat der vielseitig erfahrene Tanzmacher Alfonso Palencia überlegt, wie viel er wagen darf und kann mit seinem Ensemble in der kleinen Industriestadt, wo das traditionsreiche Theater seit Jahren ums Überleben kämpft. Ein Pendant zu Matthew Bournes "Schwanensee" als reines Männerballett jedenfalls wagte er nicht. Wär' ja auch zu schade, wenn so eine wunderbare Ballerina als Cinderella wie Da Ae Kim zur Verfügung steht.

Veröffentlicht am 16.04.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 911 mal angesehen.



Kommentare zu "Veritabler Tanz-Entertainer"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    HERZENSANGELEGENHEIT

    Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor

    Die erste Premiere dieser Saison ist ein starker Auftakt, der eine neue Ära am Theater Hagen einleitet.

    Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko


    PALENCIA WIRD NEUER BALLETTDIREKTOR

    Nachfolger von Ricardo Fernando am Theater Hagen

    Der in Valencia geborene 40jährige Palencia ist in Hagen kein Unbekannter. Seit der Spielzeit 2014/2015 ist er als Trainingsleiter und Choreograph am Theater Hagen tätig und hat in dieser Zeit zehn choreographische Arbeiten kreiert.

    Veröffentlicht am 18.01.2017, von Pressetext


    VON DAVID BOWIE BIS AMY WINEHOUSE

    "Ballett? Rock it!" am Theater Hagen

    Auch mit der zweiten Premiere der Saison setzt Ricardo Fernando ein Glanzlicht. Am 28. März erhält der Brasilianer für sein nimmermüdes Engagement um den Erhalt der Sparte Tanz in Hagen den "Deutschen Tanzpreis/Anerkennung".

    Veröffentlicht am 11.02.2015, von Marieluise Jeitschko


    KINDLICHE FANTASIE UND PLATTE EROTIK

    Das Ballett "Alice im Wunderland" am Theater Hagen

    Eine farbenprächtige Tanzshow spulen Ricardo Fernando und seine 14 Tänzer in rund 40 kurzen Szenen für 26 Charaktere in über 40 Kostümen und Masken ab - alle Achtung!

    Veröffentlicht am 07.10.2014, von Marieluise Jeitschko


    TANZGESCHICHTE FÜR ALLE

    Hommage an Yvonne Georgi vom Ballett Hagen

    Eine weite Anreise nach Hagen wert ist dieser beeindruckende Abend nicht nur für Tanzhistoriker, um Yvonne Georgis "Glück, Tod und Traum" zur Musik von Gottfried von Einem als veritable Rekonstruktion zu erleben.

    Veröffentlicht am 18.05.2014, von Marieluise Jeitschko


    DREI BRASILIANER IN HAGEN

    Ricardo Fernandos "Terra Brasilis" begeistert am Theater Hagen

    Heben und Hechten - bis die Männer genug haben und die vertikal gehaltenen Frauen einfach auf den Boden plumpsen lassen. Licht aus nach fetzig-frechem Spiel in farbenfrohem Ambiente!

    Veröffentlicht am 09.02.2014, von Marieluise Jeitschko


    SCHRÄGE ERWACHSENENWELT − SÜßE KINDERTRÄUME

    Ricardo Fernandos "Nussknacker" in Hagen

    Veröffentlicht am 22.10.2012, von Marieluise Jeitschko


    KLEINE TRUPPE WAGT SICH AN GROßEN KLASSIKER

    „Dornröschen reloaded“ in Hagen

    Veröffentlicht am 01.06.2012, von Marieluise Jeitschko


    GROßARTIGE TANZMINIATUREN

    „balletthagen“ macht Staunen bei Ricardo Fernandos „Bach tanzt“

    Veröffentlicht am 27.02.2012, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    UNTER „RIVERS“ GURGELT DIE DONAU

    Regensburger "CiRR – Choreographers in Residence Program"
    Veröffentlicht am 16.07.2018, von Michael Scheiner


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München
    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk
    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMÉO ET JULIETTE

    Roméo et Juliette von Sasha Waltz wieder an der Deutschen Oper Berlin zu sehen.

    »Roméo et Juliette« ist die erste Arbeit von Sasha Waltz, die sie für ein großes Ballettensemble schuf.

    Veröffentlicht am 29.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    TO WHOM IT MAY CONCERN

    Adolphe Binder reagiert in einem offenen Brief auf ihre Entlassung

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    ESKALATION AM TANZTHEATER WUPPERTAL

    Intendantin Adolphe Binder entlassen, Geschäftsführer Dirk Hesse hört zum Jahresende ebenfalls auf

    Veröffentlicht am 13.07.2018, von tanznetz.de Redaktion


    TANZ DER EINSAMKEIT

    "La Strada" im Gärtnerplatztheater München

    Veröffentlicht am 15.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    GRANDIOSER AUFTAKT

    Die Kibbutz Dance Company 2 eröffnet das Münchner Festival THINK BIG! für junges Publikum im Muffatwerk

    Veröffentlicht am 14.07.2018, von Boris Michael Gruhl


    UNTER „RIVERS“ GURGELT DIE DONAU

    Regensburger "CiRR – Choreographers in Residence Program"

    Veröffentlicht am 16.07.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP