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Basel

WUNSCHKONZERT

Doris Uhlich, Gisèle Vienne und Trajal Harrell beim Basler Festival ZAP!



Zum Abschied von der Kaserne Basel veranstalten Leiterin Carina Schlewitt und Dramaturg Tobias Brenk ein Performance-Wunschkonzert: Das vierte und letzte ZAP!-Festival, das alles versammelt, was Performance sein kann.


  • Trajal Harrell beim ZAP!-Festival in der Kaserne Basel Foto © Kaserne Basel
  • "more than naked" von Doris Uhlich Foto © Theresa Rauter
  • Carena Schlewitt Foto © Eleni Kougionis
  • Kaserne Basel Foto © Donata Ettlin

Aus der zeitgenössischen Kulturlandschaft ist die Performance nicht mehr wegzudenken. Eine Angleichung hat stattgefunden, die bildenden und darstellenden Künste bedienen sich an einander, Material wird ausgetauscht und immer neue Symbiosen eingegangen. Unterscheidungen verschwimmen und die ständige Weiterentwicklung wird vorangetrieben. „Rückblickend auf die ZAP!-Ausgaben 2009, 2011 und 2012 gibt es eine neue und letzte Ausgabe des Performancemarathons mit künstlerischen Arbeiten zwischen Theater, Performance, Bildender Kunst und Choreografie.“ So kündigt die Kaserne ihr Festival an. Damit ist viel gesagt und ein breiter Rahmen abgesteckt.

ZAP! ist 2009 aus einer Dringlichkeit heraus entstanden und wollte die Performanceszene Basels sichtbar machen. In den Ausgaben 2011 und 2012 war die Dringlichkeit dann die, den Tanz zu integrieren. Eine lange Pause folgte, in der wohl nichts wirklich dringend war. Und dieses Jahr kam nun der dringende Wunsch, einfach mal all das zu zeigen, was es sonst nie in den vergangenen Jahren auf die Bühne in der Kaserne geschafft hat. Quasi ein Abschiedsgeschenk der Kaserne an sich selbst und das Publikum. Die künstlerische Leiterin der Kaserne Basel, Carena Schlewitt, wird im Herbst die Intendanz der Hellerau in Dresden übernehmen. Zehn Jahre leitete sie die Kaserne und zehn Jahre ist auch eine der Performances alt, die bei ZAP! zu sehen ist. Eine Dekade der künstlerisch Arbeitenden und künstlerisch Leitenden wird einander gegenübergestellt. Die eingeladenen KünstlerInnen waren bereits alle zu Gast in der Kaserne und zeigen bei ZAP! Neues oder Altes, aber immer Stücke, die zum Nachdenken über die Kunst der Performance einladen. Und wenn ein Festival mit einem Abend von Doris Uhlich beginnt und mit einem von Trajal Harrell aufhört, kann viel nachgedacht werden. Vor allem, wenn dazwischen Horror-Puppentheater, Videoinstallation und künstlerische Konzert- und Partyperformances zu finden sind. Doch immer der Reihe nach.

Doris Uhlich eröffnet also das ZAP! mit „more than naked“ (2013) und der Titel ist Programm. 19 nackte PerformerInnen hüpfen und tanzen über die ebenso nackte Bühne. Ein Nackedei sitzt im Publikum, wobei nicht ganz klar ist, ob er zur Performance gehört oder einfach keine Klamotten mag. Ein DJ-Pult steht hinten rechts auf der Bühne, von Doris Uhlich höchstpersönlich bedient. Pop, Rock, Klassik, alles dabei. Auch die PerformerInnen wechseln zwischen den Tanzstilen und Szenen. Von einer Indieparty geht es über einen Porno ohne Penetration zu einem Aerobic-Kurs bis hin zu einem Rave. Und während dieser Reise sind sie alle „more than naked“, nämlich frei von klischeehaften Modezuschreibungen und frei von bewertenden, musternden und abwertenden Blicken, wie sie ein jeder aus dem sommerlichen Freibadbesuch kennt. Nur einmal tragen die PerformerInnen Schuhe, doch bleiben sie hüpfend auf der Stelle, kommen nicht weg vom Fleck. Der Abend „more than naked“ bearbeitet eingehend den Aspekt der Körperlichkeit, das ausschlaggebende Material von Performance. Uhlich sagt selbst: „Der Körper wird nicht zum Fetisch, zum Objekt degradiert und Fleischlichkeit nicht metaphorisch oder poetisch ideologisiert, sondern materiell aufgefasst und der Körper dabei mit seiner ganzen Masse und Wucht, aber auch seiner Fragilität gezeigt.“ Sie, die PerformerInnen und das Publikum zelebrieren ihre Körper und das lautstark. Es wird geklatscht, nicht zu wenig, auf und abseits der Bühne.

Genauso spaßig, energetisch und szenisch ist „Fruits of Labor“ (2016) der belgischen Künstlerin Miet Warlop. Mithilfe von vier wunderbaren Performern und Musikern (Tim Coenen, Seppe Cosyns, Joppe und Wietse Tanghe) stellt sie das Material des Musikers aus, das während einer intensiven und monatelangen Beschäftigung mit dem Thema Musikstar erarbeitet wurde. Bekannte Gesten, Posen und Stimmen werden in ironischen, kurzen Tableaux vivants künstlerisch ausgestellt. Eine Form, die die Performance von Beginn an verwendete, um sich kurzzeitig einer Narration zu entziehen, stillzuhalten und körperlich dargestellte Bilder wirken zu lassen. Bei „Fruits of Labor“ kommen ebenso Bilder mit viel künstlichem Blut, Schweiß und Sperma dazu. Aus einem selbst gebastelten Brunnen ejakuliert eine Farbfontäne im Takt zur live eingespielten Musik. Doch werden die gefundenen Tableaux ebenso hinterfragt. Ist der Rockstar, der an seinen Drumsticks jesusgleich an einem großen Styroporblock baumelt, wirklich ein Gott? Oder doch nur ein mickriges Drogenopfer? Miet Warlop nimmt den koksenden Rocker ebenso auf die Schippe wie den elitären Opernsänger oder den labilen Singer-Songwriter. Am Ende dieser Musikstilperformance ist vieles übrig, vor allem Chaos. Eine über und über mit Flüssigkeiten und Instrumenten besudelte Bühne. Ein wunderschönes, einzigartiges, lebendiges Bild der Konzertkunst, und die Einsicht, dass ohne den Roadie nichts davon hätte entstehen können.

Ebenfalls mit den Materialien von Musik, Party, Konzert und zusätzlich dem Tänzervokabular beschäftigen sich die beiden jungen Künstler Thibault Lac und Tobias Koch. In „DIVE“ (2017) wird das Abtauchen in die Musik, das Feiern und Tanzen betrachtet. In vier Episoden hinterfragt der französische Tänzer Thibault Lac verschiedene tänzerische Situationen. Das Nicht-Beginnen-Wollen oder -Können; das extrem langsame Bewegen, dem Butohtanz gleich; das schnelle Voguen und Raven und das erhabene, roboterhafte Tanzen. Was dabei zum Vorschein kommt, ist die Präzision und Sorgfalt, mit der Thibault Lac mit dem Material des Tänzerkörpers und seinem Bewegungsschatz umgeht. Seine Bewegungen erinnern an das, was er am letzten Abend von ZAP! mit Trajal Harrell präsentieren wird. Einflüsse werden klar und Lac beweist sich im Festivalprogramm als Schnittmenge zwischen Performance und Tanz, zwischen Nachwuchs und etabliertem Künstler. Gleichsam zu seinen tänzerischen Erörterungen entwirft der schweizerische Sounddesigner Tobias Koch in „DIVE“ Musikbetten, die sich allerdings keinesfalls im Takt oder im Einklang zum Getanzten verhalten. Eine Entfremdung und Zurschaustellung beider Komponenten wird erreicht. Wo Uhlich und Warlop ausdrückliche Punkte setzen, verweigert sich „DIVE“ diesem gewissen Etwas und ist sogleich ein Paradebeispiel für eine fragmentarische, offene und körperliche Performance, die erst durch die Aufladung von Außen angereichert wird. „DIVE“ braucht zur Vollendung das in die Performance ein- und abtauchende Denkmaterial des Publikums. Das Material also, was am schwierigsten zu bekommen ist.

Ganz ohne anwesendes, körperliches Material kommt die Videoinstallation „Zvizdal (Chernobyl – so far so close)“ (2016) des belgischen Kollektivs BERLIN aus. Bart Baele und Yves Degryse wurden von der Journalistin Cathy Blisson auf das Ehepaar Nadia und Pétro Opanassovitch Lubenoc aufmerksam gemacht. Die sind trotz des Nuklearunglücks 1986 in Tschernobyl im benachbarten Ort Zvizdal wohnen geblieben, ist ja schließlich ihre Heimat. Ein Geschäft nach dem anderen wurde geschlossen, immer mehr Bewohner zogen fort und das Dorf starb langsam aus. Doch die beiden blieben. BERLIN kam mit ihrer Kamera und einer Dolmetscherin zu Besuch. Über den Zeitraum einiger Jahre filmten sie das kleine Reich des alten Paares und versuchten, eine Landkarte ihres Lebensraumes zu erstellen – Hauptinteresse ihrer künstlerischen Videoarbeit. Haptisch und installativ wird das Anwesen durch drei (Frühling, Sommer, Winter) Miniaturmodelle aufgegriffen, die zusätzlich als Projektionsfläche dienen. So bearbeitet „Zvizdal (Chernobyl – so far so close)“ neue Techniken, da eine ausgeklügelte Kamerarobotik die Modelle erkundet und das gefundene sofort projiziert. Das ist Performance auch: erforschend und museal zugleich. Dabei erkunden BERLIN das technische Videomaterial sehr genau und bleiben auf der narrativen Bildebene eher an der Oberfläche.

Ganz anders das Figurentheater „Jerk“ (2008). Die französische Künstlerin Gisèle Vienne hat in Zusammenarbeit mit dem amerikanischen Schriftsteller Dennis Cooper eine unglaublich tiefgründige und verstörende Arbeit geschaffen. Wie schnell eine Stunde vergehen kann, erfährt man in „Jerk“ (Idiot). Der ist in diesem Fall Performer Jonathan Capdevielle. Er stellt sein ganzes Material – seinen Körper, seine Stimme und vor allem seinen Speichel – zur Verfügung, um die grausame Geschichte des Serienmörders Dean Corll zu erzählen und mithilfe von Puppen (leider) anschaulich zu performen. Corll folterte, vergewaltigte, ermordete lustvoll mithilfe zweier Jugendlicher in den 1970ern in den USA über zwanzig Jungen. Vienne und Capdevielle wählen ganz richtig die Abstraktion durch Puppen für die darstellende Nacherzählung dieser wahren Horrorgeschichte. Dabei lassen die Geräusche, die Capdevielles Mund produziert, einem den Schauder quer über den Rücken spazieren. Das Grausame wird in „Jerk“ dermaßen seiner Form und Explizitheit beraubt, dass es dadurch verhandelbar, doch keinesfalls weniger grausam wird. Zweimal wird das Publikum aufgefordert einen fiktiven Text zu lesen, der Szenen des Trios beschreibt. Was in der eigenen Phantasie passiert, hat nun jeder selbst zu verantworten. „Jerk“ ist mittlerweile zehn Jahre alt, Jonathan Capdevielle äußerlich ein bisschen verändert und der Abend eine Wucht. Allgemein „rechnet [die Performance] mit der Unberechenbarkeit der Zeit“ und „Jerk“ ist eine böse, anstrengende, wunderschöne und kurzweilige Stunde.

Doch der fulminante Abschluss des ZAP!-Performance-Festivals gehört dem amerikanischen Choreografen Trajal Harrell. Er gastiert mit „Antigone Sr. (L)“ aus der preisgekrönten, achtteiligen Reihe „Twenty Looks or Paris is Burning at The Judson Church“ (2008-2012). Wie wohl das Voguing der 1980er Jahre in Harlem die Entstehung des postmodernen Tanzes in den 1960ern in Greenwich beeinflusst hätte, ist Harrells Ausgangsidee. Ein fiktionales, historisches Gedankentanzspiel, das er entlang der literarischen Grundlage „Antigone“ mithilfe von Musik und Mode durchexerziert. Das ist viel, sehr verschachtelt, erhaben und unglaublich beeindruckend. Alles, was Performance sein kann, ist sie hier: akademisch, körperlich, visionär, laut, theatralisch, dramatisch, elliptisch, spaßig, musisch, voller Material und und und. Der Abend glänzt besonders wegen der Körper. Die Tänzer Ondrej Vidlar, Cecil Loresand, Stephen Thompson und der bereits bekannte Thibault Lac schweben und posen über die Bühne. Sie sind allesamt „Princes on the runway“ und führen selbst entworfene Kreationen zusammengewürfelter Kleidungsstücke vor. Trajal Harrell ist dabei die ganze Zeit als Mother of the House, Kommentator und künstlerischer Strippenzieher anwesend.

„Performance strebt im Gegensatz zum herkömmlichen Theater eine Realerfahrung an, eine gegenseitige Entgrenzung, wenn nicht die völlige Aufhebung der Limits von Kunst und Wirklichkeit, sie begreift das Ästhetische und speziell das Theatralische als wesentlichen und konstitutiven Teil des Wirklichen.“ Sie gleicht sich an die Längen „normaler“ Theaterabende an oder umgekehrt? Auch sind bei ZAP! nicht mehr nur Performances, keine reinen Tanzstücke, Ausstellungen, Konzerte, Tableaux vivants oder Figurentheater zu sehen. Performance überwindet Regeln und Grenzen, sie tobt sich aus, ist frei und eröffnet somit eine Weite, die unglaublich viel Interpretationsspielraum bereit hält. Auf Seiten der KünstlerInnen wie des Publikums. Sie werden gleichermaßen Teil des Geschehens, werden mit ihm sinnlich, emotional und geistig konfrontiert, schockiert oder fasziniert oder beides zusammen. Man muss sich zum Gezeigten verhalten, es fertig stellen, eine Haltung finden. Im Falle der Abende von ZAP! ist diese eine klare: Applaus.

Veröffentlicht am 24.03.2018, von Natalie Broschat in Homepage, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

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