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Mannheim

TÖDLICHES AUßENSEITERTUM

Tanzpremiere im Mannheimer Nationaltheater: „Carmen“ von Yuki Mori



Yuko Mori hat sich für diesen Abend viel vorgenommen: ihn treibt die Frage, was es bedeutet am Rand der Gesellschaft zu stehen.


  • "Carmen" von Yuki Mori; Julia Headley und David Lukas Hemm Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Carmen" von Yuki Mori; Ensemble Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Carmen" von Yuki Mori; Julia Headley und David Lukas Hemm Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Carmen" von Yuki Mori; Julia Headley und Jamal Callender Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Carmen" von Yuki Mori; David Lukas Hemm Foto © Hans-Jörg Michel
  • "Carmen" von Yuki Mori; Helga Kristin Ingolfsdottir, Emma Kate Tilson und Ayumi Sagawa Foto © Hans-Jörg Michel

Der Mannheimer Ballettchef Stephan Thoss traut sich was, in diesem Fall das Delegieren. Die größte Premiere der Tanzsaison, also der Ballettabend im Großen Haus, für den das Orchester des Nationaltheaters zur Verfügung steht, fand komplett ohne ihn statt. Stattdessen legte er die Verantwortung in die Hände des Japaners Yuki Mori, dessen Werdegang vom Tänzer zum Choreografen (bis hin zur derzeitigen Leitung der Tanzsparte in Regensburg) Thoss allerdings intensiv begleitet hat.

Mit „Carmen“ hat sich Yuko Mori ein nicht nur auf der Opern-, sondern auch auf der Tanzbühne höchst populäres Stück ausgesucht. Seine Interpretation der Geschichte von tödlicher Leidenschaft gründet sich jedoch mehr auf die Lektüre der literarischen Vorlage, der „Carmen“-Novelle von Prosper Merimée. Hier hat er sein beherrschendes Thema gefunden: das Außenseitertum, das José am Ende zum mehrfachen Mörder werden lässt.

Wie man an den Rand der Gesellschaft kommt, diese Frage treibt den Choreografen schon in einem längeren „Prologue“ um, in dem er das Mannheimer Ensemble (als Gruppe locker unisex kostümiert) immer wieder neue Konstellationen von Zusammengehörigkeit ausprobieren lässt, bis sich am Ende ein Außenseiter herausschält - José. Musikalisch hat sich Mori dafür einen originellen Mix ausgedacht: für die Einführung ein dramatisches Stück von Joseph Schwandtner, für die eigentliche Handlung die „Carmen“-Suite von Rodion Shchedrin. Wolfgang Wengenroth am Pult lockte beim Nationaltheater-Orchester hörbare Freude an der dramatischen, von viel Schlagzeug geprägten Musik hervor, in der die bekannten Motive aus Bizets Oper immer wieder leitmotivisch aufblitzen.

Yuko Mori hat sich für diesen Abend offensichtlich ganz viel vorgenommen: nicht nur die Geschichte zu erzählen, sondern auch die psychologische Begründung zu liefern; nicht nur auf die konkrete Handlung im Zigeunermilieu abzuheben, sondern auf generelle gesellschaftliche Strukturen. So hatte das fünfzehnköpfige Mannheimer Tanzensemble ganz viel zu stemmen und stellte sich dieser Herausforderung mit Bravour. Dorit Lievenbrück hatte als Raum dafür ein abstraktes Bühnenbild entworfen, das mit zwei großen spiegelnden Stellteilen prunkte – das eine an Frank Gehrys Goldenen Fisch erinnernd, das andere einem silbernen Flügel gleich. Die Teile konnten mehr oder weniger sinnfällig verschoben werden und garnierten mal das Zigeunerlager, mal eine anonyme schwarz gekleidete Gesellschaft, aus der Carmen in flammendem Rot herausstechen durfte (programmatische Kostüme: Katharina Meintke).

Julia Headley in der Titelrolle konnte die Partie der Femme fatale weidlich ausnutzen. Den anspruchsvollsten Part hatte der Choreograf freilich David Luks Hemm als José auf den Leib geschneidert. Yuko Mori ließ ihn die Seelenqualen des Außenseiters sichtbar durchleben – an eine glücklichere Vergangenheit erinnerten nicht nur die in ihrer gramgeprägten Zuwendung unerschütterliche Madre (Emma Kate Tilson), sondern auch drei Frauen in unschuldig leuchtend blauen Gewändern.

Yuko Mori zeichnet José von Anfang an als Verlierer, dem die nötige innere Selbstgewissheit und äußere Sicherheit gesellschaftlicher Zugehörigkeit gleichermaßen fehlen. So wirkt er regelrecht naiv in seiner erotischen Fixierung auf Carmen und wird eher aus Hilflosigkeit als aus Kalkül zum Mörder. Seine männlichen Gegenspieler, Camens Mann Garcia (passend zackig: Tenald Zace) und natürlich der attraktive Picador (Jamal Rashann Callender) sind sich ihrer eigenen erotischen Ausstrahlung dagegen sehr wohl bewusst und vor allem sicher – sie begegnen Carmen auf Augenhöhe.

Yuki Mori lässt auf Socken tanzen, mit vielen weichen, weit ausgreifenden, fließenden Bewegungen, die ausgiebig von verborgenen Wünschen, kurzen Glücksmomenten und langen Seelenqualen erzählen – dem Mannheimer Publikum war das großen Premierenbeifall wert.
Und doch… In den 1980er Jahren wurde der „Carmen“-Film von Carlos Saura und Antonia Gades zum unverhofften Welterfolg. Die Kultqualität dieser Verfilmung: kein Bild zu viel, keine Szene zu lang. Das lässt sich über den neuen Mannheimer Ballettabend nicht sagen.

Veröffentlicht am 19.03.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Homepage, Kritiken 2017/18

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