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EIGENSINNIG IN ZWISCHENRÄUMEN

"Wegehen": Im Berliner Dock 11 erinnert ein Erbe-Projekt an Karin Waehner



Fast 20 Jahre nach Waehners Tod erlaubt der Tanzfonds Erbe hierzulande auf ihr Wirken aufmerksam zu machen. Mit Bruno Genty und Jean Masse haben zwei ihrer einstigen Assistenten mit zwei jungen Tänzern ein einstündiges Programm erarbeitet.


  • "Wegehen": Im Berliner Dock 11 erinnert ein Erbe-Projekt an Karin Waehner Foto © K. Mrozowski

Moderner Tanz sei unbedingt „ein Ausdruck für den Mangel in den Lebensverhältnissen der Menschen“, gab Karin Waehner 1983 in einem Interview zu Protokoll. An Mangel hatte ihr Leben nun wahrlich keinen Mangel. Geboren wurde sie 1926 in Ostpreußen, besuchte zuerst eine Gymnastikschule, ehe sie sich ihrem Idol zu nähern getraute: Mary Wigman. Die Grande Dame des deutschen Ausdruckstanzes unterrichtete damals, durch Intrige von den Nazis aus ihrer Dresdner Schule vertrieben, in Leipzig, im umgerüsteten Wohnzimmer. Nach fünf Minuten, gesteht Waehner, wusste sie schon: Hier gehörst du hin. Einem Intermezzo in Gießen folgten die Flucht nach Argentinien, erste Erfolge, ein Zwischenspiel in Paris, dort Pantomimeunterricht bei Marcel Marceau, dann über ein Stipendium Workshops in den Staaten, Fasziniert-sein vom amerikanischen Modern Dance, Graham, Limón, Cunningham - alles, um von der bereits als unmodern geltenden Wigman loszukommen.

Eine Ausstellung im Centre Pompidou brachte ihr einen Auftrag für kleine Choreografien - und die Rückkehr zu ihren Wurzeln, dem expressionistischen Tanz, wie sie ihn bei der Meisterin gelernt hatte. Mit ihren „Ballets Contemporains Karin Waehner“ bereist sie ganz Frankreich, gastiert bald auch im Ausland. So führte sie eine Tournee 1986, zu Mary Wigmans 100. Geburtstag, auch in die DDR. Gezeigt hat die Kompanie damals „Der Traum, ein Vogel zu sein“, „Wiegenlieder einer proletarischen Mutter“ nach Texten von Brecht, „Die Auswanderung“ und „Die Stufen“. Als Waehner 1999 hochdekoriert starb, feierte man sie daheim in Frankreich als Wegbereiterin des modernen Tanzes - in Deutschland ist sie hingegen nahezu unbekannt.

Der generös aufgelegte Tanzfonds Erbe erlaubt es fast 20 Jahre nach ihrem Tod, gut drei Dezennien nach dem Berlin-Gastspiel, auch hierzulande auf Waehners Wirken aufmerksam zu machen. Mit Bruno Genty, schon damals in Berlin dabei, und Jean Masse haben zwei von Waehners einstigen Assistenten gemeinsam mit zwei jungen Tänzern ein einstündiges Programm erarbeitet, das an die Pionierin erinnert, ohne die Stücke kopieren zu wollen. „Wegehen“ heißt jene Kompilation, die im Dock 11 zu sehen ist und Originales neben eigenen Annäherungen platziert. In einer vorangestellten Einführung erläutert Genty Waehners Prinzipien für den Umgang mit dem Raum. Um einfache Gewichtsverlagerungen geht es da, um das plastische Spiel der Hände, um Blicke und auch den „Freund“ Boden. Wie all dies und die Einflüsse des Modern Dance verfließen, demonstriert in sieben Choreografien das eigentliche Programm.

Im „Selbstporträt 1“ singt Jean Masse in einem Chanson davon, das irgendwann ein Zug in Berlin, Paris oder anderswo ankommt, wohl auf Waehners Wanderschaft verweisend. Gänge, Kreise und Bodenlagen zeugen vom Warten, Suchen, Hoffen. Mit einem Trio ist „Die Auswanderung“ vertreten, hier zur Live-Improvisation von Peter Jarchow: Begegnungen und auch Eigenwege führen die Kreatur in ihrem Lebenskampf immer wieder auf einer Diagonalen zu einem Wunschpunkt, gebeugt, im hektischen Lauf, die Arme himmelwärts. Weit oder eng sind die Bewegungen, weit oder eng auch die Armschwünge.

Seinem zweiten „Selbstporträt“ hat Jean Masse Schuberts „Gute Nacht“ unterlegt und gestaltet äußerst sparsam, kreuzt die Arme beim Wandern wie an einer Wegscheide, deckt mit dem Tanz nirgendwo den Text zu. Michael Gross geht mit seinem „Selbstporträt“ weit über Waehner hinaus und deutet damit das Motto an, unter dem die gesamte Produktion steht. „Wegehen“ meint, bei allem Respekt und vielleicht auch eben deswegen, das Vorwärtsschreiten und die Anverwandlung von Karin Waehners Vorgaben hinein in eine neue Gegenwart und in neue, jüngere Tänzerkörper. So zitiert „Wege“ auch Sequenzen, wie Annette Lopez Leal sie bei Rui Horta getanzt hat.

Steuert Bruno Genty Zitate aus „Die Stufen“ bei, ist „Namenlos“ nicht nur der längste, sondern wohl auch der am meisten von Waehner unabhängige Beitrag des Abends - und doch ganz stark von ihr geprägt. Was einst als Solo choreografiert war, verdreifacht sich hier und wird von einem Wanderer gerahmt, der langsam im Karree den Raum abschreitet, während das Trio zu Streichern und elektronischen Einsprengseln zunehmend dynamischer läuft, sich wendet, humpelt, den Marsch verhält, widerständig und lauernd wechselnde Aufmerksamkeitspunkte anvisiert. Aus der Spannung des unverdrossen Umwandernden und dem Trio in seiner Bedrohung, mit Körperklatschern und Strampellagen, bezieht des Stück seinen Reiz.

Vorzeigen der Handflächen vereint am Ende alle: Über der Quartett-Formation erlischt das Licht. Wie man tänzerisches Erbe produktiv machen kann, ohne eine möglichst originalgetreue Rekonstruktion, dafür liefert „Wegehen“ einen beredten praktischen Beitrag. Vorträge und Gesprächsrunden ergänzen das Waehner-Projekt unter dem Titel „Eigensinnig in Zwischenräumen“.

Veröffentlicht am 16.03.2018, von Volkmar Draeger in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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