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Nordharz

LEIDENSCHAFT BIS IN DEN TOD

„Carmen“ von Can Arslan am Nordharzer Städtebundtheater



Can Arslan kreiert mit den acht Tänzerinnen und Tänzern der Ballettkompanie des Nordharzer Städtebundtheaters seine tänzerische Version der Carmen.


  • "Carmen" von Can Arslan Foto © Ray Behringer
  • "Carmen" von Can Arslan Foto © Ray Behringer
  • "Carmen" von Can Arslan Foto © Ray Behringer
  • "Carmen" von Can Arslan Foto © Ray Behringer
  • "Carmen" von Can Arslan Foto © Ray Behringer

In jeder Sekunde dieses Ballettabends ist spürbar, wie fasziniert Can Arslan von der provozierenden Widersprüchlichkeit dieser ‚Femme fatale’ Carmen ist. Sein Handlungsballett, das wesentliche Inhalte der 1847 erschienenen Novelle „Carmen“ des französischen Romantikers Prosper Mérimée aufgreift, zeigt im szenischen Zeitraffer die schicksalhafte Begegnung der schönen und verführerischen Zigeunerin Carmen mit dem Soldaten Don José, der ihr bedingungslos verfällt und sie am Ende aus Verzweiflung tötet, als Carmen ihn für den Torero Escamillo verlässt.

Berühmt wurde das Schicksal dieser schönen, selbstbewussten und leidenschaftlichen Frau durch Georges Bizets grandiose Oper, die zu den populärsten aller Zeiten gehört. Spätestens im Jahr 1967 eroberte „Carmen“ dann als abendfüllendes Handlungsballett auch die internationale Tanzwelt. Rodion Schtschedrin komponierte eine Ballettmusik unter Verwendung von Motiven Georges Bizets. Für die russische Primaballerina Maya Plissezkaja choreografierte Alfonso Alonso die „Carmen-Suite“. Vier Jahre später kreierte John Cranko „Carmen“ für das Stuttgarter Ballett. Er verwendete für das Libretto Motive der Novelle von Prosper Mérimée, Wolfgang Fortner komponierte eine Musik, die aus Collagen aus Bizets Oper bestand, umgesetzt in Zwölftonmusik. Marcia Haydée tanzte die Titelrolle. 1983 begeisterte dann der berühmte Flamenco-Tanzfilm von Carlos Saura Jung und Alt. Soweit zu Geschichte und Verbreitung dieses weltberühmten Stoffes.

Can Arslan inszeniert und choreografiert seine Version der skandalträchtigen Geschichte auf Musik aus der „Carmen-Suite No. 1 und 2“ und der „L’Arlesienne-Suite No. 2“. Dazu gibt es neue Kompositionen des spanischen Gitarristen Gonzalo Alonso, u.a. für ein grandios getanztes Solo von Debora Di Biago (in der Rolle der Carmen), das Alonso live begleitet. Das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters unter der Leitung von Johannes Rieger musiziert einfühlsam das tänzerische Geschehen, setzt mit einzelnen Instrumenten (Harfe, Violinen, Bläser) Akzente zwischen temperamentvollem spanischen Kolorit, Romantik und Leidenschaft. Obwohl man bei den ausgewählten musikalischen Versatzstücken (Habanera, Seguedille, Chanson Du Toreador, Le Garde Montante) nicht selten die kraftvollen Bilder aus der Oper vor Augen hat, fasziniert von Anbeginn die tänzerische Interpretation der Geschichte, die sich im Laufe des Abends auf Don José, Escamillo und Carmen fokussiert. Dabei schwebt von Anfang an das unheilvolle Schicksal in Gestalt einer Wahrsagerin (Caterina Cerolini) über dem Geschehen und macht Carmen zu einer von der Vorahnung des Todes Getriebenen. Debora Di Biagi tanzt mit großer Hingabe und Emotionalität diese Momente. In den Beziehungen zu den Rivalen, ihrem Hin und Her zwischen Liebe, Verlangen und Gier nach Leben kehrt sie mit überzeugendem Bewegungsspiel auch ihre emanzipatorische Überlegenheit, die sich nicht zuletzt in Laszivität und Begierde äußert, heraus.

Für Can Arslan steckt in dem Wort ‚Carmen’ auch Liedgesang, Zauberdichtung und Orakelspruch. Gerade diese Aspekte des Carmen-Mythos prägen wesentliche Teile seiner Choreografie. Von den acht Tänzerinnen und Tänzern haben alle solistische Aufgaben, oft im blitzschnellen Wechsel der Identitäten und Kostüme. Die Schrittkombinationen, akrobatischen Hebungen, die Verschränkungen der Körper in den emotionsgeladenen Pas de deux zwischen Don José und Carmen voller erotischer Leidenschaft, zwischen Carmen und Escamillo sind anspruchsvoll und aussagekräftig. Auch die tänzerisch ausgelebten Aggressionen von Don José und Escamillo im leidenschaftlichen Kampf um die schöne Zigeunerin verlangen von den TänzerInnen technische Perfektion und kraftvolle Eleganz. Stark sind die als Pas de quatre von Arslan choreografierten tänzerischen Formationen der Zigarrenarbeiterinnen und der Soldaten, aus deren Mitte heraus Carmen Don José ent- und später verführt.

Großes Kompliment für Andrea Zinnato als Don José und Denison Pereira da Silva als Escamillo, für dessen tänzerischen Kampf mit drei Stieren (Andrea Zinnato, Alexandre Delamare und Vincius Augusto Menezes da Silva). Zum Todesfinale, als Pas de trois zwischen Carmen, Escamillo und dem verzweifelten Don José offenbart dann noch die Wahrsagerin ihre allegorische Identität: Carmen.

Veröffentlicht am 12.03.2018, von Herbert Henning in Homepage, Kritiken 2017/18

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