HOMEPAGE



Dresden

VON ROMANTIK UND KÜHLER GERADLINIGKEIT

Frederick Ashtons „The Dream“ und David Dawsons „The Four Seasons“ an der Semperoper



Das Dresdner Haus setzt in seinen Ballettabenden gern auf Kontrastprogramme. So auch hier mit gefühliger Romantik und kühler Stringenz.


  • Frederick Ashtons „The Dream“; Anna Merkulova, Alejandro Martínez Foto © Ian Whalen
  • Frederick Ashtons „The Dream“; James Potter Foto © Ian Whalen
  • Frederick Ashtons „The Dream“; Anna Merkulova, Denis Veginy Foto © Ian Whalen
  • David Dawsons „The Four Seasons“; Zarina Stahnke, Jón Vallejo Foto © Ian Whalen
  • David Dawsons „The Four Seasons“; Julian Amir Lacey, Alice Mariani Foto © Ian Whalen
  • David Dawsons „The Four Seasons“; Jón Vallejo, Zarina Stahnke


Streng genommen wird der Titel des neuen Ballettabends an der Semperoper, „Ein Sommernachtstraum“, dem Tanzabend nicht ganz gerecht. Denn Frederick Ashtons „The Dream“, quasi eine Essenz des Shakespeareschen Stücks, bildet „nur“ die Hälfte des Abends. In „The Dream“ irren die Liebenden wie bekannt durch den nächtlichen Wald. Ein wenig Verwirrung stiftet hier das Programmheft, wenn im Text die Rede von Zettel, der Handwerker-Figur Shakespeares die Rede ist, der von Puck den Kopf eines Esels verpasst bekommt, in der Besetzung aber der von Ashton verwendete Name Bottom auftaucht. Wie dem auch sei, Alejandro Martínez meistert diese Partie trotz Ungetüm auf dem Kopf mit Bravour auf Spitze. Anna Merkulova ist eine mütterlich zugeneigte, sanfte Titania, die Oberons (Denis Veginy) schlechte Laune stoisch erträgt. Sie weiß schon, dass am Ende sowieso alles gut wird.

In brackwassergrünen Kostümen von David Walker, der auch die Bühne verantwortet hat, wehen die Elfen durch den dunklen Tann, dass der schwärmerischen Phantasie nichts zu wünschen übrig bleibt. Spätestens, wenn der nächtliche Wald dank einer ordentlichen Portion Bühnennebel endgültig zum ausweglosen Labyrinth (der Gefühle) wird, hätte Caspar David Friedrich wohl voller Begeisterung in die Hände geklatscht ob dieser überbordenden Träumerei.

Dass David Dawson in seinen Arbeiten genau so einen großen Bogen um Ecken und Kanten macht, ist bekannt. In seiner Uraufführung „The Four Seasons“ mit Max Richters „Vivaldi recomposed“ eckt immerhin die Musik immer mal wieder auf interessante Art im Ohr an. Dawson setzt sein Ensemble in seinen gewohnten „grauen“ Raum, in dem die Tänzer in 13 Teilen die Jahreszeiten und deren Verlauf tanzen und es gleichzeitig nicht tun. Da ist nichts vordergründig. Dawson stellt seine Tänzer nie aus. Auch hier agieren sie durchweg in mehr oder minder diffusem Licht, das direkt von oben kommt und keinen Fokus entstehen lässt. Das Werden und Vergehen ist hier ein einziges Wehen. Dawson ist ganz klar der Mann mit dem Weichzeichner, der sich das Sanfte, Ätherische bereits vor Jahren zu eigen gemacht hat.

Hier aber kommt noch ein geschickter Griff hinzu. Die Bühne (Eno Henzo) wartet mit überdimensionierten geometrischen Gebilden (Dreieck, Quadrat, Linie) auf, die trotz ihrer Größe völlig unauffällig und im Wortsinn geräuschlos in den Raum eingebracht werden und genau so wieder verschwinden. Damit gibt es dann sozusagen doch Ecken und Kanten. Diese Idee geht auf. So simpel sie erscheint, funktioniert sie in der Klarheit dieser Arbeit ganz wunderbar.

Yumiko Takeshima, als Tänzerin dem Dresdner Publikum ebenso bekannt wie als Kostümbildnerin, hat dem Ensemble schlichte Einteiler verpasst, die neben dem Kopf einzig Hände und Füße unbedeckt lassen und diese dadurch enorm betonen. Damit wird die Geradlinigkeit des gesamten Ansatzes konsequent weitergeführt. Und durch die Organik in den Wechseln zwischen Duetten und Ensembleszenen kann man sich am Ende durchaus fragen, ob die Tänzer zwischendurch eigentlich ihre Kostüme gewechselt haben oder ob die unterschiedlichen Farben allein durch das Licht entstanden sind.

Somit bleibt nur noch offen, warum diese beiden Arbeiten so nebeneinander gestellt worden sind. Die Semperoper fährt seit geraumer Zeit das Konzept, in gemischten Abenden eine Auswahl zu präsentieren, die jeweils mit einer älteren Arbeit beginnt, die mal mehr, mal minder als Klassiker bezeichnet werden kann, um sich dann im Verlauf des Abends immer weiter zu zeitgenössischen Arbeiten zu bewegen. In diesem Fall muss man sich fragen, ob man den beiden Choreografien damit einen Gefallen getan hat. Ob nicht Ashtons Klassiker mit seinem ganz eigenen, britischen Stil der Tanztechnik des Royal Ballett vor dem zeitgenössischeren Dawson an Zugkraft verliert und ob man Dawson etwa keinen Abendfüller zutraute.

Veröffentlicht am 11.03.2018, von Rico Stehfest in Homepage, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 1437 mal angesehen.



Kommentare zu "Von Romantik und kühler Geradlinigkeit"



    • Kommentar am 11.03.2018 20:44 von Mascha
      "keinen Abendfüller zutraute"?? Hier drunter stehen zwei Links zu abendfüllenden Uraufführungen von David Dawson für die Semperoper, Giselle und Tristan, das dürfte für genügend Zutrauen in den letzten Jahren sprechen! Warum nicht zur Abwechslung wieder ein kurzes Ballett, vielleicht wollte Dawson sogar selbst die Musik von Max Richter choreografieren. Was für ein überflüssiges Argument.

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

WENN DER TANZ DEN TOD BESIEGT

David Dawsons „Giselle“ mit dem Semperoper Ballett in Dresden

Mit grandiosen Rollendebüts in „Giselle“ erlebt man die große Kraft der Kompanie und einen glanzvollen Höhepunkt zum Ausklang der Saison

Veröffentlicht am 20.06.2017, von Boris Michael Gruhl


DANK DEN SOLISTEN!

„Tristan + Isolde“ als Ballett von David Dawson an der Semperoper Dresden

Mit der Choreografie verhält es sich ähnlich wie mit der Musik Szymon Brzóskas. Sie konzentriert sich auf einige Akzente und Motive dieser Geschichte, ist vornehmlich an Isolde, Tristan, König Marke und Melot interessiert - und überzeugt nur partiell.

Veröffentlicht am 16.02.2015, von Boris Michael Gruhl


 

LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


DER TANZ DER FÄCHER

Die Barocktanzkompanie „L’Éventail“ bereichert in Potsdam André Campras „L’Europe galante“
Veröffentlicht am 20.06.2018, von Gastbeitrag


HOFESH SHECHTER COMPANY - GRAND FINALE

Grand Finale kommt am 6.&7. September im Rahmen einer großen Welttournee in die Münchner Muffathalle.
Veröffentlicht am 20.06.2018, von Anzeige


ROMÉO ET JULIETTE

Etoiles des Pariser Opernballetts in »Roméo et Juliette« von Sasha Waltz an der Deutschen Oper Berlin.
Veröffentlicht am 20.06.2018, von Anzeige



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



DANCEFIRST 2018

Internationales Tanzfestival im Veranstaltungsforum Fürstenfeld

Vom 19. Juni bis zum 25. Juli 2018 können Besucher dort gleich mehrere erstklassige Tanzaufführungen im Veranstaltungsforum erleben.

Veröffentlicht am 12.06.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


LETZTER WALZER IN STUTTGART

Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


MOSAIK DER BEWEGUNG

Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer

MEISTGELESEN (30 TAGE)


BESTLEISTUNG

Die Palucca Hochschule für Tanz Dresden zeigt in der Semperoper ihre beste Leistungsschau seit Jahren

Veröffentlicht am 01.06.2018, von Rico Stehfest


VON GANZEM HERZEN ENTERTAINER

Ben Van Cauwenbergh feiert Jubiläum

Veröffentlicht am 17.06.2018, von Marieluise Jeitschko


AUGENSCHMAUS

"Ballett-Akademie en scène" im Prinzregententheater München

Veröffentlicht am 10.06.2018, von Sabine Kippenberg


EINDRUCKSVOLL

"100°C" des Semperoper Ballett Dresden

Veröffentlicht am 04.06.2018, von Boris Michael Gruhl


CREATING DANCE IN ART AND EDUCATION

Tanzpädagogik/ Choreografie Berufsbegleitende Weiterbildung am UdK Berlin Career College ab Oktober 2018

Veröffentlicht am 20.04.2018, von Anzeige



BEI UNS IM SHOP