HOMEPAGE



München

MOSAIK DER BEWEGUNG

Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle



In der Tanzszene Münchens ist er seit Jahren ein geschätzter Choreograf. Nach dem Debüt seines Ballet of Difference im Rahmen des Münchner DANCE-Festivals vergangenen Mai, zeigte Siegal erneut einen dreiteiligen Abend - mit der Neukreation "Made for Walking".


  • "Made for Walking" von Richard Siegal. Tanz: Courtney Henry, Margarida Neto, Claudia Ortiz Arraiza, Matthew Rich Foto © Ray Demski
  • "Made for Walking" von Richard Siegal. Tanz: Claudia Ortiz Arraiza, Courtney Henry, Margarida Neto Foto © Ray Demski
  • „BoD“ von Richard Siegal. Tanz: Claudia Ortiz Arraiza and company Foto © Ray Demski
  • „BoD“ von Richard Siegal Foto © Ray Demski
  • "Unitxt" von Richard Siegal Foto © Wilfried Hösl
  • "Unitxt" von Richard Siegal. Tanz Ensemble Foto © Ray Demski

Mit dem dreiteiligen Ballettabend „On Body“ zeigt sich Richard Siegal und sein Ballet of Difference nach der Eröffnung des Festivals Dance 2017 erneut in München. Unterstützt durch das Kulturreferat, die Muffathalle München sowie das Schauspiel Köln erinnert das Modell an die Dresden Frankfurt Company (hervorgegangen aus der Forsythe Company), die ähnlich zwischen zwei Städten - Frankfurt a. Main und Dresden - pendelt.

Siegal, der selbst Tänzer bei William Forsythe war, definiert nun – drei Jahrzehnte nach dessen Werken am Ballett Frankfurt, welches Potential Ballett im 21. Jahrhundert haben kann. Sein dreiteiliger Abend ist Bestandsaufnahme des ersten Jahres Ballet of Difference, so scheint es, und wird zur Auseinandersetzung mit seinem Material und bisherigen Repertoire.

Das neu einstudierte „Unitxt“, das ursprünglich 2013 am Bayerischen Staatsballett entstand und Siegals Hinwendung zum klassischen Tanz markiert, spannt denn auch einen Bogen um die künstlerische Entwicklung des US-amerikanischen Choreografen in den vergangenen Jahren. Experimentierte er als freier Choreograf bis dahin mit seiner choreografischen Methode „If/Then“ und damit einhergehenden Aktions-Reaktions-Schemata von Bewegungen, mit Schwarmintelligenz und kollektiven Prozessen sowie verschiedenen Tanzstilen von HipHop bis hin zu Volkstänzen, konzentrierte sich sein Interesse bei der Kreation von „Unitxt“ auf die Möglichkeiten eines Ballettkörpers, seiner Erweiterung und Begrenzung. In Zusammenarbeit mit dem Industriedesigner Konstantin Grcic beschäftigte er sich in der Reibung von Objekten (wie die mit Schlaufen versehenen Korsagen der Tänzerinnen oder auch des Spitzenschuhs) und Körper mit dessen Gestalt und Form. In welcher strengen Struktur diese Beschäftigung geschah, machte die Aufführung nun im Rahmen des Abends „On Body“ deutlich, die Brücke und Kontrast zur Choreografie „BoD“ bildet.

Denn bei diesem – wie Siegal es nennt – Signaturstück seiner Kompanie setzt sich die Choreografie einem Mosaik gleich aus verschiedenen Bewegungselementen und Tanzstilen zusammen, zu immer neuen Körpergebilden. Das Mechanische der Körper löst sich in den wuchernden Formationen auf, die Luftpolster-Kostüme der Designerin Becca McCharen treffen auf die scheppernd-pulsenden Rhythmen der Komposition von DJ Haram. Rasselnde Gebeine winden sich durch immer neue Figurationen, mal wirken sie flattrig, mal wie in den Raum gestanzt. Zugleich fächert die Choreografie präzise das Bewegungsarsenal des Choreografen auf, zeigt seine Lust am Spiel mit den Möglichkeiten und reflektiert dabei über den Prozess des Choreografierens selbst. Der Titel des Abends - „On Body“ - steht programmatisch für diese Auseinandersetzung mit und am Körper als Werkstoff. Und „BoD“ demonstriert, wohin diese führen kann.

Wie so oft überrascht Siegal – diesmal mit der Neukreation „Made for Walking“. Irritierte das pathetische Zwischenstück „Excerpts of a Future Work on the Subjects of Chelsea Manning“ bei der Eröffnung des Dance-Festivals so manchen Zuschauer, reiht sich dieses Quartett nahtloser in den dreiteiligen Abend und auch in Siegals Interessen an Bewegungspotentialen des Körpers ein. Als zweiter Teil des Abends wird es zur Fortführung von „BoD“ und zoomt hinein in den Kosmos des Choreografen. In schlicht-raffinierten Unisex-Kleidern des Acne Studio und mit schweren Stiefeln ausgestattet, stampfen die vier Tanzenden Rhythmen, erzeugen Klänge mit ihren Händen am eigenen Körper und rekurrieren in ihren Schrittformationen auf das grundlegende (Fort-)Bewegungselement des menschlichen Körpers: das Gehen und Laufen. Das polyrhythmische Umkreisen des Körpers wird nur durch den Choreografen selbst unterbrochen, der am Soundpult die Regler bedient, Teile der Choreografie wie in einer Probensituation kommentiert.

Die Geschichte, die diese Körper erzählen, ist nicht die einer jahrhundertealten Tradition noch einer absoluten Gegenwärtigkeit. Sie haben die Routinen ihrer Tanztechnik längst durchbrochen. Stattdessen verweisen sie – eingefasst vom installativen Charakter des Bühnenraums aus weißen Leinwandflächen und Holzkuben – auf ihre Potentiale. Und dazu gehört auch – das ist eine der herausragenden Erfahrungen des Abends – dass man in all ihrer Differenz nicht auf Identität, Geschlechts- oder Nationenzugehörigkeit der Tanzenden hingestoßen wird, sondern diese Vielheit einfach wahrnimmt; und das im Rahmen einer dichten, ästhetischen Erfahrung durch die Verflechtung von Sound, minimalistischer Bühnen- und Lichtgestaltung, aufwändigem Kostümdesign und der Begegnung der virtuosen Tänzerkörper in einem Prozess von Choreografie.

Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 1727 mal angesehen.



Kommentare zu "Mosaik der Bewegung"



    • Kommentar am 07.03.2018 08:51 von PrinzDesire
      Verblüffend, wie das, was Billy Forsythe vor 30 Jahren erfunden hat, nun nochmal als neu verkauft wird.
    • Kommentar am 14.03.2018 16:47 von oberon
      Das ist nicht so schwer, man muss es eben neu verpacken: ein bisschen lifestyle-marketing über 'difference'-Schlagworte: "genotypes, cultural backgrounds, aesthetic socializations, and sexual orientations" (man denke nur: erstmals in der Ballett-Geschichte verschiedene sexuelle Orientierungen in einer Kompanie!).

      Die Zusammenarbeit mit seinen Künstler-Spezln heißt bei Siegal übrigens 'The Bakery', bei Andy Warhol war es vor 50 Jahren 'The Factory'. Nach einem halben Jahrhundert hat die New Yorker Innovationswelle München auch schon erreicht!

Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




Ähnliche Beiträge

TANZ ALS KUNST FÜR UNSERE GEGENWART

Danza&Danza vergibt die Premi Danza&Danza für das Jahr 2017

Der US-amerikanische Choreograf Richard Siegal ist vom italienischen Fachmagazin Danza&Danza zum Choreografen des Jahres 2017 gekürt worden.

Veröffentlicht am 16.04.2018, von tanznetz.de Redaktion


ES WIRD SPANNEND IN MÜNCHEN

Richard Siegals „Ballet of Difference“ – die erste Pressekonferenz

Mit der Optionsförderung Tanz der Stadt München gründet Richard Siegal seine eigene Kompanie. Was er für die nächsten zwei Jahre alles plant, stellte er nun auf einer Pressekonferenz vor.

Veröffentlicht am 13.04.2016, von Malve Gradinger


 

LEUTE AKTUELL


VERTRAUENSVOLLE ZUSAMMENARBEIT

International Greater Bay Dance and Music Festival in Südchina
Veröffentlicht am 15.10.2018, von Dagmar Klein


EINE TÄNZERISCHE HEIMAT FÜR DEN NEUSTART

Iván Pérez ist neuer Tanzchef des Dance Theatre Heidelberg
Veröffentlicht am 02.10.2018, von Nora Abdel Rahman


PETER APPEL WIRD 85

Sabrina Sadowska und tanznetz.de gratulieren herzlich!
Veröffentlicht am 06.09.2018, von Gastbeitrag



AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



CLAIRE CUNNINGHAM & JESS CURTIS

The Way You Look (at me) Tonight

How do we look at each other? How do we allow ourselves to be seen? How do our bodies shape the ways we perceive the world around us? Can we change how we see others?

Veröffentlicht am 09.10.2018, von Anzeige

LETZTE KOMMENTARE


EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

„Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


LETZTER WALZER IN STUTTGART

Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech


FAIR? FESTIVAL!

Die internationale tanzmesse nrw 2018 in Düsseldorf - Ein Rückblick
Veröffentlicht am 05.09.2018, von Natalie Broschat

MEISTGELESEN (30 TAGE)


HELLMUTH MATIASEK FEIERT HEUTE SEINEN 85.GEBURTSTAG

Pick bloggt über seinen langjährigen Intendanten Hellmuth Matiasek und reist in Gedanken von Rosenheim bis nach Japan

Veröffentlicht am 15.05.2016, von Günter Pick


RAUM, KLANG, TANZ

Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


PHILIP LANSDALE GESTORBEN

Am 10.10. verstarb der ehemalige Bielefelder Ballettdirektor

Veröffentlicht am 11.10.2018, von Pressetext


VERLEIHUNG DES DEUTSCHEN TANZPREISES

Große Gala im Essener Aalto Theater

Veröffentlicht am 23.09.2018, von Anja K. Arend


HURRA!

"Unstern" von Moritz Ostruschnjak im Schwere Reiter München

Veröffentlicht am 14.09.2018, von Natalie Broschat



BEI UNS IM SHOP