KRITIKEN 2017/18



Heidelberg

TAUSENDMAL GEHÖRT – UND DOCH GANZ NEU

Die Compagnie Didier Théron mit „Shanghai Boléro“ und „Air“ bei der Tanzbiennale Heidelberg



Was eine spontane Umdisponierung über die Möglichkeiten des zeitgenössischen Tanzes zeigt, war gerade in Heidelberg erlebbar.


Choreografen, die 36 TänzerInnen auf der Bühne effizient organisieren können, sind gesucht, zumindest im Ballett. Zeitgenössischer Tanz eröffnet da ganz neue Möglichkeiten, wie der französische Choreograf Didier Théron aus Heidelbergs Partnerstadt Montpellier anlässlich seines Gastspiels bei der Tanzbiennale höchst eindrucksvoll demonstrierte: In nur wenigen Minuten studierte er mit über 30 Zuschauern eine Choreografie zu Ravels berühmtem Boléro ein. Es war sozusagen ein Tanzen im Gehen, spontan und doch komplexen Regeln gehorchend.

Die Stegreif-Choreografie war sozusagen ein spontanes Bonusmaterial für das Publikum zur Aufführung, in der Théron wegen Erkrankung eines Tänzers kurzfristig umdisponieren musste. Statt des geplanten inhaltlichen Schwergewichts „Le Jeune Homme et la Mort“ musste er auf buchstäblich leichtere Kost wechseln: „Air“ bringt die Luft selbst, eingefangen in aufblasbare Kostüme, zum Tanzen. Drei so aufgeplusterte Männer bewegen sich – lange Zeit ohne Musik – in einem verblüffend synchronischen Zusammenspiel. Ihre Bewegungen sind scheinbar einfach, aber sie schaffen es trotzdem, Leichtigkeit und Erdenschwere gleichermaßen zu beschwören.

Scheinbar schlicht ist auch Thérons „Shanghai Boléro“-Fassung für zwei Tänzer und eine Tänzerin. Ihre Grundbewegung ist die unentwegte Verlagerung des Gewichts von einem Fuß auf den anderen. Der Raum – ein rot eingegrenztes Geviert auf dem Tanzboden, die Intensität, das Mit- oder Gegeneinander, Distanz und Nähe, die Erhöhung der Spannung in den Körpern sind weitere fast archaische Ausdrucksmittel, die der unaufhaltsam anschwellenden musikalischen Vorlage individuelle Bilder eines immer stärken werdenden Begehrens entgegensetzen. Großartig – und in der Hebelhalle zu recht umjubelt.

Verblüffende Einblicke in die musikalische Struktur des weltberühmten Ohrwurms gab ein höchst versierter Musiker. Wie schon am Vortag bei der „Bolero Conférence“ bestand großes Publikumsinteresse, dem Choreografen bei der künstlerischen Arbeit sozusagen über die Schulter zu schauen. Das originelle Format der Zusammenschau von musikalischer und choreografischer Analyse mit anschließender Darbietung war ein Augen- und Ohrenöffner vom Feinsten.

Veröffentlicht am 27.02.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2017/18

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Kommentare zu "Tausendmal gehört – und doch ganz neu"



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