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Hellerau

„ONE/TWO/THREE“

Drei Stücke für die LINIE 08 in Hellerau



Doch sind in diesem Fall nicht aller guten Dinge drei. Es scheint bei nachvollziehbaren, sympathischen Ansätzen doch noch an Mut zu fehlen, der Provokation des Tanzes, der Musik und auch des Wortes mehr Raum zu geben.


  • „TRUST“, ConTrust Collective; Malwina Stephien, Alberto Cissello, Telmo Branco Foto © Michael Theis
  • „MANkind“ von Claudio Cangialosi & Massimo Gerardi/subsTANZ Foto © Ian Whalen
  • „MANkind“ von Claudio Cangialosi & Massimo Gerardi/subsTANZ Foto © Ian Whalen

Die Reihenfolge der Stücke dürfte pragmatisch begründet sein, wahrscheinlich wegen nur so einzurichtender, technischer Voraussetzungen. Inhaltlich hätte in genau umgekehrter Reihenfolge die Dynamik des am Ende doch recht langen Abends im Nancy-Spero-Saal einen nicht unwesentlichen Schub bekommen können. So steht die Produktion „MANkind“ von und mit Claudio Cangialosi und Massimo Gerardi/subsTanz als Koproduktion mit dem Centre Coréografique National de Mulhouse und ballet de l´opera du rhin, am Beginn und hätte doch viel besser als finaler Höhepunkt dem dreiteiligen Programm noch einmal Pep geben können.

Das Wiedersehen mit Claudio Cangialosi, einst erster Solist beim Semperoper Ballett, jetzt Solotänzer beim Opera Ballet von Vlaaderen in Antwerpen unter der künstlerischen Leitung von Sidi Larbi Cherkaoui, ist ebenso erfreulich wie diese Zusammenarbeit mit Massimo Gerardi, der sich bei internationaler Nachfrage seiner freien Produktionen unter dem Label „subsTanz“ in Dresden niedergelassen hat.

So sprüht es mit Humor und Ironie und tänzerischer Vielfalt gleich zu Beginn, wenn diese beiden „reifen“ Tänzer sich wie große Jungs mit allen pubertären Irrungen und Wirrungen noch einmal in die Zeit zurückbewegen, als Mama zwar die Größte war, die Fantasien erwachender Männlichkeit sie aber schon mal turbulent und witzig über den Laufsteg turteln lassen. Was ist fiktiv, was ist tatsächlich biografisch, was sind Träume, was ist das Erwachen – man kann es ahnen, und ertappt sich selbst dabei, wenn man zugeben muss, wie schön es ist, dem Kind im Manne immer wieder freien Lauf zu lassen.

Wie aus den zunächst schüchternen Jungs in grauer Unterwäsche dann doch Muskelboys werden, wie sie probieren, in Faltenröckchen Pirouetten drehend abzuheben und dennoch mit der aufgeblasenen Sexpuppe überfordert sind, das macht großen Spaß und in das Lachen mischt sich die herrliche Melancholie der Erinnerung, wenn auch bei den Zusehenden aus dem Kichern leises Schmunzeln wird. Zwei wunderbare Spaßvögel, zwei exzellente Tänzer mit Humor.

„TRUST“ heißt das folgende Stück von ConTrust Collective, in dem es gemäß der knappen Ankündigung um das Vertrauen als zweideutiges Gefühl geht, nach dem wir suchen und vor dem wir Angst haben. Es solle in 40 Minuten, die sich aber als zu lang erweisen, um eine dynamische Reise durch den unbekannten Raum gehen. Es beginnt damit, dass die Tänzerin Malwina Stephin und der Tänzer Alberto Cissello zum Publikum gerichtet nebeneinander sitzen, Telmo Branco sitzt im Publikum, erste Reihe - dass er dazu gehört ist nicht zu übersehen, warum eigentlich?

Auf der Spielfläche ist sie gelangweilt, er schaut geradeaus, langsam entwickelt sich ein körperlicher Dialog und wenn beide aufstehen, beginnt der Mann im Publikum lautstark zu husten. Er geht zu ihnen, was zu einigen interessanten Dreierkonstellationen führt. Die Blicke sind bedeutungsvoll, besonders die der Tänzerin, mit der Neugier hält es sich in Grenzen. Dann sind alle am Boden und vielleicht auch schon am Ende ihres tänzerischen Repertoires. Wenn sie wieder den aufrechten Gang versuchen, schüttelt sie der Husten, der hat sie jetzt alle erwischt, was ja wohl nicht warnend heißen soll, dass Erkältungen ansteckender sind als Neugier.

Zum Schluss dann als Tänzerin in eigener Choreografie Chiara Detscher, gemeinsam mit der Musikerin Alina Gropper und dem Lyriker Silvio Colditz, in dem kurzen Stück „wohin die worte nicht reichen“ - poesie.tanz.musik. Kleine Ironie: Die Verständlichkeit der Worte, wenn Silvio Colditz seine Gedichte vorträgt, reicht mitunter nicht sehr weit, zumindest, wenn er am Boden liegend lesen muss, oder im Schneidersitz auf einem Holzkasten sitzt. Etwas Sprachtraining täte gut. So bleibt das alles doch noch recht privat, was für eine öffentliche Präsentation nicht unbedingt angemessen ist. Alina Gropper auf der Violine improvisiert, begleitet den Tanz und auch die Sprache. Mitunter finden die drei zusammen. Hier scheint es bei nachvollziehbaren, sympathischen Ansätzen doch noch an Mut zu fehlen, der Provokation des Tanzes, der Musik und auch des Wortes mehr Raum zu geben.

Veröffentlicht am 25.02.2018, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018

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