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Hamburg

FRÜHLINGSZAUBER OHNE OPFER

José Vidal & Company bringen mit „Rito de Primavera“ ein berauschendes Ritual in die K6 der Hamburger Kampnagelfabrik



Vidal verzichtet auf das Menschenopfer und zelebriert stattdessen ein Fest, das aus dem Dunkel ins Licht führt.


  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Fabian Cambero
  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Delf Dietmar Danckwerts
  • "Rito de Primavera" von José Vidal Foto © Delf Dietmar Danckwerts

Das heidnische Ritual des Frühlingsopfers ist unzählige Male vertanzt worden, nicht zuletzt wegen Igor Strawinskys 1913 komponiertem „Sacre du Printemps“. Jetzt brachte der chilenische Tänzer und Choreograf José Vidal seine erstmals in Deutschland gezeigte, ganz eigene Version auf die Bühne – und ersetzt Strawinsky durch eine Musik-Collage (Komposition: Jim Hast, Andrés Abarzúa). Deren mitreißende Rhythmen vereinigen sich mit den Bewegungen der gut 50 TänzerInnen (die Hälfte davon ist José Vidals Kompanie, die andere Hälfte wurde eigens für die drei Vorstellungen in Hamburg gecastet) zu einem grandiosen Ritual auf den Frühling und die menschliche Gemeinschaft. Anders als bei den sonst üblichen Interpretationen verzichtet Vidal auf das Menschenopfer und zelebriert stattdessen ein Fest, das aus dem Dunkel ins Licht führt.

Im wahrsten Sinne des Wortes, denn das Publikum folgt nicht dem üblichen Einlasszeremoniell und sucht selbst seinen Platz auf, sondern wird durch einen komplett lichtdichten Tunnel in die K6 geführt. Zuvor heißt es Jacken und Taschen an der Garderobe abzugeben, Schuhe und Strümpfe ausziehen und sich – nunmehr barfuß – in zwei Reihen aufstellen. Man fasst sich an den Händen und wird dann in Grüppchen zu jeweils 20 Personen in einen Tunnel geschleust, der dick mit Sand ausgestreut ist. Irgendjemand an der Spitze weiß, wo es längs geht, denn sehen tut man definitiv nichts. Plötzlich taucht seitlich ein mit kleinen fluoreszierenden Lichtpunkten überzogener Mensch auf, der leise Töne von sich gibt. Eine weitere Person quetscht sich irrlichternd an der Wand entlang – wie ein Fabelwesen aus einer anderen Welt. Schließlich führt der Weg um eine Kurve und wir tauchen auf aus dem Tunnel und hinein die ebenfalls weitgehend dustere, räucherstäbchengeschwängerte, vernebelte K6, wo kundige Menschen uns in eine Sitzreihe manövrieren, die rund um das Bühnenviereck auf Tribünen angeordnet sind.

Der ganze Raum tönt, es sind keine Lieder, es sind nur Töne, hohe und tiefe, laute und leise. Sie stammen von einer großen Gruppe von Menschen, die sich auf der Bühne sammeln. Sie gehen, kriechen und hocken, sie schlingen sich umeinander, lösen sich, schreiten weiter, es ist ein ständiges Wabern von menschlichen Körpern, einige davon bespritzen sich mit fluoreszierender Flüssigkeit, sodass sie wie Glühwürmchenschwärme über die Bühne huschen – nackt allesamt. Auch der Bühnenboden ist übersät von diesen bläulich schimmernden Lichtspuren. Einzelne Scheinwerfer zucken auf und tauchen die Szenerie kurz in fahlen braunen und blauen Schimmer. Die wummernden Klänge der Musik werden lauter, die Töne ebenso, kaum merklich ziehen sich die TänzerInnen luftige kurze Jumpsuits oder Shirts und Shorts über.

Und nun beginnt ein gut einstündiges Happening, eine Feier des Lebens, der Bewegung und der Begegnung. Das Ganze entwickelt einen magischen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Und so ist es nur folgerichtig, dass etwa eine Viertelstunde vor Schluss die TänzerInnen das gesamte Publikum wie zu einer Massen-Disco auf die Bühne holen (nur wer gar nicht will, bleibt sitzen). Die HamburgerInnen lassen sich da nicht lange bitten und rocken die Szene, dass es nur so funkt. ZuschauerInnen und TänzerInnen sind nicht mehr zu unterscheiden. Bis sich langsam, ganz langsam und unmerklich – die ZuschauerInnen setzen sich derweil auf den Bühnenboden – die TänzerInnen in der Mitte zu einem Kreis sammeln, um die Feier in fließenden, wellenförmigen Bewegungen ausklingen zu lassen. Als Stille sich ausbreitet, klingen Vogelstimmen auf – der Frühling ist da. Es dauert lange, bis Beifall aufbrandet, so sehr atmet die Gemeinschaft noch nach. Und das Publikum mag sich gar nicht lösen von der Bühne, von dieser Stimmung, von den TänzerInnen. Wer es dann doch irgendwann schafft, geht komplett verzaubert nach Hause.

Veröffentlicht am 20.02.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/2018

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