KRITIKEN 2017/2018



Hamburg

CHAOTISCHES STELLDICHEIN

Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik



So freundlich wird das Publikum selten begrüßt, wenn es einen Theatersaal betritt: „Oh wie schön, oh wie schön, oh wie schön – oh ja!“ jubelt ein Chor auf der Zuschauertribüne immer wieder.


  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli
  • Antje Pfundtner in Gesellschaft mit „Alles auf Anfang“ in der Kampnagelfabrik Foto © Simone Scardovelli

So freundlich wird das Publikum selten begrüßt, wenn es einen Theatersaal betritt: „Oh wie schön, oh wie schön, oh wie schön – oh ja!“ jubelt ein Chor auf der Zuschauertribüne immer wieder, was ein Lächeln auf das Gesicht jedes Eintretenden zaubert. Eine raumhohe türkisfarbene Lammellenjalousie teilt den Bühnenraum zum Eingang hin zur Hälfte ab. In einer Nische lagert eine riesige weiße Plastikkugel. In der Mitte der Bühne klingelt ein Festnetztelefon vor sich hin.

Mit dieser Szenerie beginnt das jüngste Werk „Alles auf Anfang“ der Hamburger Choreografin Antje Pfundtner, die 2016 mit dem George Tabori Hauptpreis ausgezeichnet wurde und für ihre Crew aus wechselnden TänzerInnen und künstlerischen MitarbeiterInnen ihrem Namen die Worte „in Gesellschaft“ hinzufügt. Es ist der zweite Teil einer Trilogie über die Vergänglichkeit, deren erster den Titel „Ende“ hatte und sich der Melancholie stellte, die ein bevorstehendes Ende mit sich bringt (die Uraufführung war Ende 2016 auf Kampnagel). Jetzt also der Gegenpol dazu: der Anfang.

Nach dem freundlichen Publikumsempfang betritt eine Frau die Bühne und hebt das Telefon ab, eine Gruppe von Menschen in Alltagskleidung mit unsagbar hässlichen Langhaarperücken tritt hinzu. Das Telefonat entwickelt sich wenig erfreulich, denn plötzlich beginnt die Frau durchdringend zu kreischen und zu schreien. Eine weitere Gruppe von perückentragenden Alltagsmenschen tritt hinzu. Von rechts rollt die große weiße Kugel herein, der die vielen Menschen flugs ausweichen müssen, bis sie am linken Rand zur Ruhe gebracht wird. Die Menschen verteilen sich auf der Zuschauertribüne.

Zurück bleibt die Frau, die das Telefonat geführt hat und inzwischen aufgehört hat zu schreien. Rockmusik setzt ein. Sie nimmt die Perücke ab. Zwei Männer kommen hinzu. Dass es Tänzer sind wie die Frau, wird an der Kleidung deutlich: senfgelbe Oberteile und Hosen in gedeckten Farben (Kostüme: Yvonne Marcour) sowie daran, dass sie barfuß sind. Abrupt stoppt die Musik, hallt aber noch nach. Bis erneut Musik einsetzt: das „Air“ von Johann Sebastian Bach, und wieder abbricht. So geht es weiter mit verschiedenen Titeln: „Paint it black“ von den Stones, „The Winner takes it all“ von Abba, immer nur kurz angespielt, während die drei Frauen und zwei Männer dazu tanzen, mit schnellen Sprüngen, Läufen, ineinandergreifenden Bewegungen, immer wieder von Neuem.

Einer der Tänzer klimpert auf einer Gitarre und legt sie schließlich zwischen dem Publikum auf der Tribüne ab. Alle fünf TänzerInnen finden sich vor zwei Notenständern ein und beginnen zu flöten – mehr oder weniger gekonnt. Ein Tänzer stülpt sich ein überdimensionales Quietscheentchen-Kostüm über und wird unter spitzen Schreien von der großen weißen Kugel gejagt. Eine Tänzerin (Antje Pfundtner selbst) beginnt ein Märchen zu erzählen, von der Prinzessin Ann, die in einem Turm gefangen ist, und dem Ritter, der sie daraus zu befreien versucht, woraus sich ein lustiges Wortspiel aus den zwei Silben „an(n)“ und „fang“ entwickelt.

Eine der Tänzerinnen zieht vier Perückenträgern, die sich im Publikum verteilt hatten, das Kunsthaar vom Kopf und gibt es an die Tänzer weiter (eine Perücke lag noch am Boden und kommt jetzt wieder zum Einsatz), während die Tänzer in wechselnder Reihenfolge „I begin – again“ sagen, was jetzt auch von dem anfangs erwähnten Chor aufgenommen wird und sich bis zur Kakophonie steigert. Die Tänzer legen die Perücken wieder ab. Elektronische Musik setzt ein, zu der sich die Tänzer wie in Zeitlupe bewegen. Eine Frau bringt einen Korb mit Äpfeln und kippt ihn auf der rechten Seite auf dem Boden aus, so dass die Äpfel herumkullern. Antje Pfundtner nimmt sich einen von ihnen und beginnt ihn aufzuessen. Von rechts schiebt sich eine Miniatur-Berglandschaft in weiß auf einem Rollwägelchen dazu. Antje Pfundtner entwickelt ein Wortspiel zu den Anfangsbuchstaben E, V und A, während sie weiter an ihrem Apfel kaut. Von rechts nähert sich eine kleine Prozession mit seltsamen asiatischen Kostümen, die nach links abgeht, nur der letzte bleibt stehen und schält sich aus seinem Kostüm. Jetzt kommen die Perückenträger wieder aus dem Publikum auf die Bühne, und der Tänzer bringt ihnen eine kleine Schrittfolge bei. Danach gehen die Leute zurück auf ihre Plätze. Nur einer setzt sich hin und erzählt die Geschichte seiner Online-Suche nach einer Partnerin, die schließlich in einem Gesang mündet, der vom Chor aufgenommen und verstärkt wird. Zum Schluss holt der Gitarrist sein Instrument wieder auf die Bühne und singt ein ziemlich dilettantisches Ständchen auf eine Frau namens Marie bzw. Maria. Licht aus. Ende.

Eine Stunde lang dauert dieses Stelldichein wechselnder Gruppen und Personen (ich hoffe, es in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben zu haben), die nur stellenweise von kurzen tänzerischen Sequenzen unterbrochen werden. Gerade diese sind jedoch das Eindrücklichste und Stärkste an diesem seltsamen Abend, dort entfaltet Antje Pfundtner ihre tänzerische Kreativität. Aber es sind eben nur wenige Momente, die von dem recht chaotischen Hin und Her völlig überdeckt werden. Der Abend krankt an einer Überfülle von Bildern und Assoziationen zum Begriff des Anfangs und Beginnens, es sind Chiffren, die der Zuschauer kaum entziffern kann und die eine quälende Ratlosigkeit und Leere hinterlassen, wobei der Tanz insgesamt viel zu kurz kommt. Schade.

Veröffentlicht am 16.02.2018, von Annette Bopp in Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

Dieser Artikel wurde 2486 mal angesehen.



Kommentare zu "Chaotisches Stelldichein "



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    „DEN KÖRPER IN DEN KAMPF WERFEN“

    Raimund Hoghe erhält im Oktober den Deutschen Tanzpreis

    Geehrt werden Friedemann Vogel als herausragender Interpret sowie Raphael Hillebrand und Antje Pfundtner in Gesellschaft (APiG) für herausragende Entwicklungen im zeitgenössischen Tanz.

    Veröffentlicht am 27.05.2020, von Peter Sampel


    DER HUMOR DER MELANCHOLIE

    Mit „Sitzen ist eine gute Idee“ rundet Antje Pfundtner ihre Trilogie über Albrecht Dürers Kupferstich auf höchst gelungene Weise ab

    Es ist eine Frage, die uns heute besonders bewegt: „Wofür stehst Du auf?“ Antje Pfundtner beantwortet sie auf ihre Weise: amüsant, nachdenklich, tiefgründig, spöttisch – und höchst gekonnt

    Veröffentlicht am 02.11.2019, von Annette Bopp


    SIE HAT DA MAL WAS VORBEREITET

    „Alles auf Anfang“ im Dresdner Festspielhaus Hellerau

    Antje Pfundter in Gesellschaft macht die Bühne zum Experimentalraum mit Bruchstücken. In „Alles auf Anfang“ werden gleich zu Beginn Konventionen über Bord geworfen - ein Abend, an dem man sich nicht entspannt zurücklehnen kann.

    Veröffentlicht am 24.02.2019, von Rico Stehfest


    DAS GESCHENK DER LETZTEN SCHRITTE

    Die Videoinstallation "Letzte Schritte" von Antje Pfundtner in Gesellschaft und der Filmemacherin Barbara Lubich in Hamburg

    Es ist etwas sehr Kostbares, fast Heiliges, wenn TänzerInnen am Ende ihrer Karriere ihre letzten Schritte auf der Bühne herschenken, damit sie im Film und Wort festgehalten werden.

    Veröffentlicht am 27.01.2019, von Annette Bopp


    FÜR UNS ALLE!

    Antje Pfundtners "Für mich" auf Kampnagel Hamburg

    Mit „Für mich“ hat die Choreographin nach „nimmer“ von 2014 ihr zweites Stück gezielt für ein junges Publikum über 8 Jahren kreiert. Herausgekommen ist ein Werk für uns alle.

    Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp


    VOM ANFANG UND ENDE UND DEM, WAS BLEIBT

    Ein Gespräch mit der Hamburger Tänzerin und Choreografin Antje Pfundtner

    Ende Januar entschied die TANZPAKT-Jury die Kompanie „Antje Pfundtner in Gesellschaft“ mit ihrem Projekt „Teilgesellschaften“ von 2018 bis 2021 zu fördern. Ein Gespräch über Pfundtners Pläne und ihre Tanz-Trilogie „Melancholie“.

    Veröffentlicht am 26.06.2018, von Annette Bopp


    LABORERGEBNISSE

    Das 2. modul-dance-Festival ging in Dresden Hellerau zu Ende

    Das 2. modul-dance-Festival stellte an zwei Wochenenden ganze acht Arbeiten vor, vier davon noch in der Entstehungsphase befindlich. Diese Mischung ging tatsächlich auf.

    Veröffentlicht am 23.09.2013, von Rico Stehfest


    TANZKONGRESS 2013 – DER BLOG

    Tag 4: Sonntag 9. Juni Jetzt ist er schon wieder vorbei, der Tanzkongress 2013 in Düsseldorf.

    Anna Donderer, Christina Dettelbacher und Anna Wieczorek bloggen zu Workshops, Tagungen, Vorstellungen und Rahmenprogramm

    Veröffentlicht am 10.06.2013, von tanznetz.de Redaktion


    EINE POETISCHE ERINNERUNGSCOLLAGE

    Antje Pfundtners entfremdete „Nussknacker“-Version in der Hamburger Kampnagelfabrik

    Vorweg: Die Angst Antje Pfundtners, die Besucher der Vorstellung könnten enttäuscht sein, weil sie die traditionelle Geschichte der kleinen Klara sehen wollen, wie sie in einem Gespräch mit Irmela Kästner für die „Welt am Sonntag“ gestand, war unbegründet.,,

    Veröffentlicht am 17.12.2012, von Annette Bopp


     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    REPERTOIRE

    TanzFaktur wagt in neuer Spielzeit einen für Köln einmaligen Schritt
    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München
    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SAISONSTART IM AUGUST UND SEPTEMBER

    Zwei Gala-Abende und eine Neuproduktion des Staatsballett Berlin auf den Berliner Opernbühnen

    Das Staatsballett Berlin eröffnet die Saison 2020/21 zurück auf den Opernbühnen der Stadt mit den Gala-Abenden FROM BERLIN WITH LOVE (I + II) im August in der Deutschen Oper Berlin und im September in der Staatsoper Unter den Linden sowie der Neuproduktion LAB_WORKS COVID_19 in der Komischen Oper Berlin zu Anfang September 2020.

    Veröffentlicht am 19.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE WARMHERZIGE UND STARKE FRAU

    Marlis Alt ist am 19. Juni verstorben

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext


    HOMMAGE AN EIN GENIE

    Ein Podcast und ein Roman für einen der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts: John Cranko

    Veröffentlicht am 14.06.2020, von Annette Bopp


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP