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Oldenburg

KARNEVAL, LEBEN UND TOD

Premiere im Oldenburgischen Staatstheater: BallettCompagnie Oldenburg zeigt „Schläpfer/Jully(UA)/Blaska“



Martin Schläpfer, Félix Blaska und Antoine Jully verschaffen dem Oldenburger Publikum Abwechslung mit einem wandlungsfähigen Ballett-Ensemble sowie einen kleinen Einblick in Ballettgeschichte.


  • "Tam Tam et Percussion" von Félix Blaska; Ensemble Foto © Martina Pipprich
  • "Tam Tam et Percussion" von Félix Blaska; Eleonora Fabrizi und Miki Masaoka Foto © Martina Pipprich
  • "Der Tod und das Mädchen" von Antoine Jully; Miki Masaoka, Lester René González Álvarez, Gabrune Sablinskaite, Herick Moreira und Eleonora Fabrizi Foto © Martina Pipprich
  • "Der Tod und das Mädchen" von Antoine Jully; Eleonora Fabrizi, Timothée Cuny; Ventapane Quarttet Foto © Martina Pipprich
  • "Violakonzert" von Martin Schläpfer; Eleonora Fabrizi, Adi Hanan und Marié Shimada Foto © Martina Pipprich
  • "Violakonzert" von Martin Schläpfer; Eleonora Fabrizi und Gianluca Sermattei Foto © Martina Pipprich

Es beginnt mit der Choreografie „Violakonzert“, die Martin Schläpfer in Andenken an seine verstorbene Mutter in den Jahren 2002 und 2004 zu der Musik von Alfred Schnittke kreierte und im ballettmainz zur Uraufführung brachte. Schnittkes Komposition „Konzert für Viola und Orchester“ blickt wie durch ein Kaleidoskop auf die Musikgeschichte und gilt als eine eindringlich-vergebliche Suche nach der Schönheit einer einst wohlklingenden Welt. Zusammen mit den Bildern von Schläpfers Tanzstück, das er mit der BallettCompagnie Oldenburg nun neu auf die Bühne gebracht hat, gibt sie einen melancholischen Klangteppich für Verlorenheit und Verwirrungen im menschlichen Lebenszyklus.

Diese Arbeit des Schweizer Choreografen, der das Ballett am Rhein Düsseldorf/Duisburg leitet und vielfache Auszeichnungen erhalten hat, wirkt streng formal, geradezu geometrisch und zeigt viele gehaltene Figuren in immer wieder extremen Tanzpositionen und Hebungen, die zuweilen wie Standbilder anmuten. Interessant sind ihre Spiegelungen als verzerrte Gebilde auf der an der Bühnenrückwand aufgespannten Folie. In wechselnden Szenarien, Bewegungsmustern und Klangbildern erleben wir den Zyklus eines Lebens – mal kindlich verspielt, mal befremdlich, wie von einem anderen Planeten, mal leidenschaftlich, mal romantisch, mal düster oder melancholisch, aber immer mit der bedrohlichen Stimmung, dass all dies nur vorübergehend ist. Schläpfers Choreografie ist wie Schnittkes Musik keine leichte Kost und weist auch Längen auf. Immerhin ist die Aktualität dieser Arbeit längst vorüber, was ein Grund dafür sein mag, dass sie nur wenig berührt.

Weit weniger geht das zweite Stück an diesem Abend inhaltlich in die Tiefe. Das Tanzstück von Félix Blaskas „Tam Tam et Percussion“, das 1970 in Paris uraufgeführt wurde, steht maßgeblich für Blaskas Art von Choreografie und sein Verständnis von Bewegungssprache. Der französische Choreograf versucht, die Formen des klassischen Balletts mit modernen Ausdrucksmitteln zu verbinden. Dabei muss man bedenken, dass diese Arbeit bereits achtundvierzig Jahre alt ist. Sicherlich war sie damals mit der höchstlebendigen Musik von Pierre Cheriza Fenelus und Jean-Pierre Drouet eine Sensation.

Die Live-Percussion von Vincent Bauer und Adriano Tenorio ist so mitreißend, dass sich das Publikum selbst kaum ruhig auf den Stühlen halten kann. Doch zu dieser höchst lebendigen Musik, die sich an afrikanische Rhythmen und südamerikanischen Samba anlehnt, wirken die, am Ballett orientierten Bewegungen der Tänzer und Tänzerinnen wie gefangen und stilistisch längst überholt. In knallbunten „Badeanzügen“ oder in Jazzdance-Outfits gekleidet, hinterlässt dieses Zusammenspiel aus humoristischen Einfällen mit witzigen Figuren beinahe einen albernen Eindruck. Die Gruppenchoreografien geben Karnevalsstimmung und erinnern auch an das Fernsehballett der 1970er Jahre. Das Oldenburger Publikum lässt sich gerne von den Farben und Rhythmen mitreißen und klatscht begeistert Beifall.

Gekonnt und versöhnlich abgeschlossen wird der Tanzabend nach der zweiten Pause mit der Choreografie des Oldenburger Chefchoreografen Antoine Jully. „Der Tod und das Mädchen“ wurde von Franz Schubert nach einem Gedicht von Matthias Claudius komponiert. Musik wie Gedicht liegt die griechische Mythologie zugrunde, in der die Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin Persephone vom Totengott Hades in die Unterwelt entführt wird. Das Ventapane Quartett des Oldenburgischen Staatsorchesters sitzt auf der Bühne und gibt mit den davor agierenden Tänzern und Tänzerinnen ein schönes Gesamtbild. Das Geschehen findet auf einem Quadrat statt, das durch zwei sich kreuzende Linien im Bühnenbild entsteht.

Jully geht forschend und assoziativ an das Thema Tod heran und arbeitet dabei mit seinem Ensemble, wie gewohnt, auf technisch hohem Niveau. Im Französischen ist der Tod (la mort), anders als in der deutschen Sprache, weiblich, erklärt Jully im Programmheft. Das gebe der Sicht auf den Tod eine sinnliche Ebene dazu. Und so tanzen beinahe während des gesamten Stücks immer mehrere Tänzerinnen, in mädchenhaften, doch schwarzen Kleidern gleichzeitig auf der Bühne, während sich der Tod am Rande der Bühne in Gestalt eines Tänzers, Zeit lässt und sich in aller Ruhe das Gesicht weiß färbt. Doch er ist nicht der einzige Vertreter des Todes, der doch so viele Gesichter haben kann. Andere Männer mit weißen Gesichtern holen die Mädchen zum Tanz. Die wehren sich, strampeln und zappeln, wippen verstörend und man denkt an den Tod, der manchmal plötzlich kommt, sich manchmal Zeit nimmt, wie ein langer Tanz, manchmal mit den Menschen kämpft oder wiederum sehnsüchtig herbeigerufen wird. Oft wirken die Tänzer wie Schatten, welche die Mädchen begleiten, heben, locken, besitzen, an ihnen zerren, sich an sie anlehnen. Und so erinnert dies schließlich daran, dass der Tod im Leben immer gegenwärtig ist.

Die Bewegungen des Ensembles sind sehr fließend, in unterschiedlichen Tempi und nie langweilig. In Jullys Choreografie wird der Tanz lebendig und zeigt überraschende, kleine Bewegungen, wie zum Beispiel die flatternden und feinen Bewegungen der Hände. Und diese Feinheit überträgt sich auch wunderbar in die inhaltliche Vielschichtigkeit dieser Arbeit, die auf vordergründig leichte Weise beschreibt, wie sehr doch Leben und Tod zusammengehören - wie Tag und Nacht, und Hell und Dunkel oder Mann und Frau. Und so greift Jullys Arbeit zum Ende des zwei Stunden und fünfundzwanzig Minuten dauernden Tanzabends noch einmal die anfängliche Thematik in Schläpfers „Violakonzert“ auf ganz eigen Art und Weise auf: Geburt, Leben und Tod als der Urgrund des Seins im großen Kreislauf des Lebens.

Veröffentlicht am 31.01.2018, von Martina Burandt in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Karneval, Leben und Tod "



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