HOMEPAGE



Lüneburg

MOZARTS SEELENTIEFEN EINFÜHLSAM ERGRÜNDET

Olaf Schmidts „Amadé“ am Theater Lüneburg



Ein spannendes und sensibel ausgelotetes Seelen-Portrait des großen Komponisten und ein Stück, dem eine ganz große Bühne gebührt.


  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Anibal dos Santos, Wallace Jones Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Wallace Jones, Anibal dos Santos Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Anibal dos Santos, Signe Ravn Heiberg Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Ensemble Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Julia Cortés, Anibal dos Santos Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Julia Cortés, Anibal dos Santos Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Francesc Marsal, Giselle Poncet Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Rhea Gubler, Gabriela Luque Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Giselle Poncet, Wallace Jones, Anibal dos Santos Foto © Andreas Tamme
  • "Amadé" von Olaf Schmidt; Phong Le Thanh Foto © Andreas Tamme

Seit Milos Formans Film „Amadeus“ (1984) gilt Wolfgang Amadeus Mozart als der junge Wilde unter den klassischen Komponisten, kompromisslos seine Lebensfreude und seinen Übermut auskostend, und fast wie nebenher auch noch komponierend. Dass das nur die halbe oder sogar ein eher noch erheblich kleinerer Bruchteil der Wahrheit ist, macht Olaf Schmidt mit seiner neuesten Kreation „Amadé“ für das Ballett Lüneburg jetzt augenfällig. Und wieder einmal wünscht man diesem großartigen Geschichtenerzähler unter den zeitgenössischen Choreografen eine größere Bühne, eine größere Kompanie und überhaupt mehr Beachtung. Was er hier mit geringen Mitteln und seinen zehn exzellenten TänzerInnen auf die Bühne zaubert, ist spektakulär. Und nach dem grandiosen Schluss möchte man das Stück am liebsten gleich noch einmal sehen – so sehr zieht es in seinen Bann (selbst in der 20. und somit vorletzten Reihe des ehemaligen Kinos, und auch wenn einem eine hochgewachsene Dame mit voluminöser Haarpracht immer wieder die Sicht versperrt).

Schmidt zeigt hier weniger den Harlekin in Mozarts Wesen, sondern vor allem die Schwierigkeiten, mit denen er zeitlebens zu kämpfen hatte. Da ist der herrschsüchtige, strenge Vater, der seine beiden hochbegabten Kinder Nannerl und Wolferl als willkommene Einnahmequelle wie ein Zirkusdirektor zu ständig neuen Höchstleistungen treibt. Immer wieder zerrt er sie auf anstrengenden Reisen durch ganz Europa, in einer Zeit der Postkutschen und unwegsamen Straßen, mit mangelhafter medizinischer Versorgung und Hygiene. Mag sein, dass diese Strapazen nicht ganz unschuldig waren für Mozarts frühen Tod. Neben dem Vater die stille, fügsame Mutter, die ihrem Mann nichts entgegenzusetzen hatte. Die strenge, gottesfürchtige Gesellschaft, die sich Mozarts Zaubermusik aber dennoch nicht zu entziehen vermag.

Man habe nicht vorgehabt, den zahllosen verklärenden Mozart-Bildern ein weiteres hinzuzufügen, betont Dramaturgin Christina Schmidt in der Einführung zum Stück vor der Premiere (mit ihr hat Schmidt schon in Regensburg erfolgreich zusammengearbeitet, in Lüneburg unterstützte sie ihn bereits mehrfach, zuletzt Anfang 2017 bei der „Geschichte von Blanche und Marie“, siehe hier). Man könne heute nicht mehr feststellen, ob der Mozart, den man zu kennen meine, wirklich Mozart sei oder nur das Ergebnis einer 200-jährigen Legendenbildung. Zwischen Fakt und Fiktion sei kaum noch zu unterscheiden. Als Quelle habe man sich deshalb vorwiegend auf Original-Briefe gestützt, die von Mozart noch erhalten geblieben sind, um auf diese Weise schlaglichtartig in assoziativen und überhöhten Bildern bestimmte Themen ins Bewusstsein zu rufen, die Mozart beschäftigten und sein Leben prägten: der Vater, die Kunst, die Frauen, das Geld, die Arbeit, die Schönheit. Ein kluger Kunstgriff. Denn bei aller Lückenhaftigkeit erschließt sich so ein ganz neuer Blick auf den Menschen Mozart, der viel mehr in die Tiefe geht als alles, was Film und Musical bisher über ihn vermitteln konnten. Schon deshalb gebührt diesem Stück eine ganz große Bühne.

Schmidt macht den Menschen Mozart nahbar und verletzlich. Er spiegelt seine Höhen und seine Abgründe, sein Auf und Ab, nicht seine Oberfläche. Man ist zutiefst berührt davon und hört und versteht Mozarts Musik plötzlich ganz neu. Barbara Bloch erfindet mit ihrem Bühnenbild dafür ebenso einfache wie einprägsame Bilder: in Goldlamé gehüllte Pezzibälle als überdimensionale Mozartkugeln, eine schwarz-weiß gewandete Statisterie als Spießergesellschaft, einen Plexiglas-Gittervorhang, der dem Publikum den Spiegel vorhält und vor dem Mozart ganz zu Beginn mit weißer Maske auf sein Publikum blickt und auf das, was man aus ihm gemacht hat. Susanne Ellinghaus steckt die Tänzer in schlichte, aber zu jedem Bild wieder von Neuem passende Kostüme, die ebenso tanzbar wie schön anzuschauen sind.

Schmidts ausgefeilte Choreografie verlangt den zehn TänzerInnen in Soli wie Ensembles Höchstleistungen ab – die diese bravourös meistern. Allen voran Anibal dos Santos als Amadé, Wallace Jones als Vater und Giselle Poncet als Mozarts Schwester, aber auch Gabriela Luque als Ehefrau, Claudia Rietschel als Mutter und Julia Cortés als Cousine. Phong Le Thanh, Rhea Gubler, Wout Geers und Francesc Marsal schlüpfen in ständig neue Rollen und komplettieren die Szenen souverän. Zwei Höhepunkte seien besonders hervorgehoben: zum einen eine Szene zur Spiegelung des zirzensischen Dompteursgehabes, mit dem Leopold Mozart Wolferl und Nannerl europaweit vorführt, und in der Wallace Jones, Anibal dos Santos und Giselle Poncet zum orchestrierten Rondo „alla turca“ aus der Klavier-Sonate A-Dur eine tänzerische Glanzleistung nach der nächsten abliefern. Und zum anderen die Ball-Nummer nach der Pause, wenn alle Tänzer mit erkennbarem Spaß die „Mozartkugeln“ in ständig neuen Varianten über die Bühne treiben. Das ist einfach grandios inszeniert, ganz großes Kino!

Die Lüneburger Symphoniker spielen das anspruchsvolle Mozart-Potpourri aus unter anderem Opern-Ouvertüren, Klavierkonzerten und Streichquintetten nicht immer ganz tonsicher, aber mit viel Gefühl. Signe Ravn Heibergs glockenklarer Sopran zeichnet eindrucksvoll und immer wieder wie spielerisch in die Tanzszenen integriert die Vielfalt der Singstimmen, von einfachen Liedern wie „Komm, lieber Mai, und mache“ bis zu höchst anspruchsvollen Arien aus Konzert und Oper („Don Giovanni“, „Zaide“).

Umwerfend und zutiefst bewegend dann der Schluss: Mozarts allerletzte Komposition, das „Lacrimosa“ aus dem Requiem, in der unvollendeten Fassung und nur mit den Stimmen, die Mozart selbst noch komponiert hat, also ohne das sonst übliche „Amen“, und als einziges als Tonband-Aufnahme, weil es einen Chor erfordert. Gerade in dieser Unvollkommenheit wird die Musik noch zwingender, während Anibal dos Santos dazu in der hochkant gestellten Mozartkugel-Schachtel fast bis ganz nach oben klettert, sich in eines der Löcher setzt und die Maske übers Gesicht zieht. Eine abrupt abrechende Musik – ein abrupter, verstörender, viel zu früher Tod. Ein großartiges Ballett.

Weitere Vorstellungen am 1.2., 3.2., 11.2., 13.2., 18.2., 25.2., 2.3., 4.3., 9.3. und 16.3.2018. Kartentelefon 04131-42100 oder über www.theater-lueneburg.de

Veröffentlicht am 21.01.2018, von Annette Bopp in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 4431 mal angesehen.



Kommentare zu "Mozarts Seelentiefen einfühlsam ergründet"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    IM FARBEN- UND BEWEGUNGSRAUSCH

    Olaf Schmidts tänzerische Hommage an Caravaggio

    Der Lüneburger Ballettchef hat sich mit seiner jüngsten Kreation über den jungen Wilden unter den Renaissancemalern selbst übertroffen: "Caravaggio" ist ein Geniestreich und sollte in die nächste Spielzeit übernommen werden.

    Veröffentlicht am 09.03.2020, von Annette Bopp


    EIN GROßER WURF

    Olaf Schmidts Version von "Orpheus und Eurydike" als getanzte Oper am Theater Lüneburg setzt neue Maßstäbe

    Eine der schlüssigsten und pfiffigsten Adaptationen von Glucks zeitlosem Meisterwerk ist jetzt in Lüneburg zu sehen - als Mischung aus Oper und Ballett in einer von A bis Z überzeugenden Inszenierung

    Veröffentlicht am 25.09.2019, von Annette Bopp


    VOM FLIEHEN UND VERTRIEBENWERDEN

    „StadtRaumKlang“ am Theater Lüneburg

    Es war gewagt – und ein Gewinn auf ganzer Linie: Für das Projekt erarbeitete Ballettdirektor Olaf Schmidt eine bemerkenswerte Version von Strawinskys „Sacre du Printemps“ mit seinem Ensemble und acht freiwillig auftanzenden LüneburgerInnen.

    Veröffentlicht am 27.11.2018, von Annette Bopp


    „MEIN BLICK IST KLARER GEWORDEN“

    Olaf Schmidt, Ballettdirektor am Theater Lüneburg, im Gespräch mit Annette Bopp

    Nachdem er in Kaiserslautern, Karlsruhe und Regensburg die Ballettsparten leitete, ist Olaf Schmid nun in Lüneburg angekommen und spricht über seine Erfahrungen und Pläne.

    Veröffentlicht am 12.01.2016, von Annette Bopp


    HERZERWÄRMEND UND BERÜHREND

    Einmalig: „Tanzabend vor dem Eisernen Vorhang – Olaf Schmidt hautnah“

    Der Lüneburger Ballettdirektor wollte damit an eine Tradition aus den 1920er Jahren anknüpfen, in denen Solo-Abende gang und gäbe waren. Eine schöne Tradition – wie geschaffen gerade für die kleineren Bühnen, zu denen jenes Theater gehört.

    Veröffentlicht am 16.02.2015, von Annette Bopp


    GROSSER WURF AUF KLEINER BÜHNE

    Olaf Schmidt choreografiert in Lüneburg „Kaspar Hauser“

    Er findet dafür eine Bewegungssprache, die traditionelle Gestik mit völlig neuen Elementen vermischt – das wird nie langweilig, und es trifft immer das Wesentliche.

    Veröffentlicht am 25.01.2014, von Annette Bopp


     

    LEUTE AKTUELL


    EIN JAHRHUNDERT-LEBEN FÜR DEN TANZ

    Die Tänzerin und Pädagogin Ingeborg Kölling verstarb am 16. Februar
    Veröffentlicht am 20.03.2020, von Gastbeitrag


    „DER TANZ HAT MICH GEFUNDEN“

    Porträt eines leidenschaftlichen Engagierten für den Tanz in Regensburg
    Veröffentlicht am 09.02.2020, von Michael Scheiner


    BETTINA MASUCH BLEIBT AM TANZHAUS NRW

    Der Vertrag von Bettina Masuch wird um 18 Monate verlängert. Sie bleibt somit bis Ende der Spielzeit 2021/22 Intendantin des Tanzhaus NRW in Düsseldorf.
    Veröffentlicht am 06.02.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-VIRUS IN DEUTSCHLAND

    Viele Theater bleiben geschlossen

    Veröffentlicht am 10.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA IN DER KULTURBRANCHE

    Notfallfonds für Künstler*innen gefordert

    Veröffentlicht am 12.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP