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Hagen

HERZENSANGELEGENHEIT

Mit dem Abend „Dancing Souls“ stellt sich Alfonso Palencia als Ballettdirektor in Hagen vor



Die erste Premiere dieser Saison ist ein starker Auftakt, der eine neue Ära am Theater Hagen einleitet.


  • "Luminous Heart" von Alfonso Palencia Foto © Klaus Lefebvre
  • "Luminous Heart" von Alfonso Palencia Foto © Klaus Lefebvre
  • "Soma" von Marguerite Donlon Foto © Klaus Lefebvre
  • "Soma" von Marguerite Donlon Foto © Klaus Lefebvre
  • "Extremely Close" von Alejandro Cerrudo Foto © Klaus Lefebvre
  • "Extremely Close" von Alejandro Cerrudo Foto © Klaus Lefebvre

Allein die Tatsache, dass der neue Intendant Frances Hüsers auch der am schwersten bedrohten, gleichzeitig aber seit Jahren erfolgreichsten Sparte im krisengeschüttelten Theater der Industriestadt am Rande des Reviers (vorerst) das Leben gerettet hat, ist Grund genug zum Feiern. Dass „der Neue“, Alfonso Palencia, gar nicht neu am Haus ist, hat die Entscheidung mit Sicherheit sehr erleichtert. Der Spanier war seit 2014 als Trainingsleiter engagiert und choreografierte gelegentlich Opern-, Operetten- und Musical-Einlagen. Er wusste, auf welch heikle Situation er sich einlässt – aber auch, wie erfolgreich sein Vorgänger Ricardo Fernando (jetzt Ballettchef in Augsburg) hier trotz aller finanziellen Widrigkeiten gearbeitet hat.

„Ich freue mich sehr, in Zukunft als Ballettdirektor weiter am Hagener Theater arbeiten zu können“, lässt er verlauten. Sein Traumziel, eine eigene Kompanie zu leiten, sei damit erreicht. Er verspricht, "das Ballett in derselben hohen künstlerischen Qualität wie bisher zu präsentieren und daneben auch neue eigene Impulse zu setzen". Der neu formierten zwölf-köpfigen Truppe gehören acht Neuengagierte an. Ihre vorzüglichen technischen Qualitäten – bis hin zur klassischen Technik auf Spitze – stellte Palencia mit einem beeindruckend vielseitigen Dreiteiler unter Beweis.

„Dancing Souls“ ist der Titel des Abends. Er deutet menschliche Gefühle abstrakt in flüchtig entstehenden und schnell endenden Konstellationen an und führt die extremste Verwirrung der Gefühle in tragischer Lebenswirklichkeit vor. Marguerite Donlons „Soma“ (Körper) signalisiert das „coole“ Heute. Der hinreißenden Ästhetik aus gleißenden Metallstäben in unterschiedlichsten Formationen und Ausrichtungen setzt sie Körperarrangements entgegen, die menschliche Beziehungen nur andeuten. Die Choreografie von 2011 auf Philip Glass' Violinkonzert stellt die Kompanie ins allerbeste Licht. Neben der Homogenität in großen, im letzten Konzertsatz marmorartig weiß beleuchteten, sonnen-durchfluteten „Reliefs“ fallen vor allem im ersten Satz das Solo von Alexandre Démont und der Pas de deux von Ana Isabel Casquilho mit Gastavo Barross auf, sowie im folgenden langsamen Satz der sinnliche Pas de deux von Da Ae Kim und Alexandre Démont. Das hohe künstlerische Niveau der musikalischen und choreografischen Kompositionen sowie der Präsentation rissen das Premierenpublikum zu minutenlangen Ovationen hin, die sicherlich auch als Signal für die Freude über das Fortbestehen der Sparte verstanden werden sollten.

Flippig unterhaltsam kommt danach als thematische Variante auf menschliche Beziehungen und Emotionen die Deutsche Erstaufführung der Kurzchoreografie „Extremely Close“ von Alejandro Cerrudo über. Der Spanier ist seit 2009 Hauschoreograf von Hubbard Street Dance Chicago. Bei der amerikanischen Reisetruppe spielt der Unterhaltungsfaktor bekanntlich seit je eine Hauptrolle. Ganz in schwarz treten alle Tanzenden auf – die Damen in Balanchine-„Badeanzügen“ oder ärmellosen Tops zu langen Hosen wie die meisten Männer. Nur einer tanzt aus der Reihe: über den nackten Oberkörper hat er den offenen Blazer geworfen, der weht und sich wölbt bei den temperamentvollen Bewegungen. Man kennt derlei Effekte. Auf weißen Federn wird zwischen, vor und mit drei mobilen weißen Wänden getanzt, geflirtet, geknutscht und romantisiert – allein, zu zweit (Da Ae Kim und Gustavo Barros!) oder in Cliquen. Im Zusammenspiel mit dem Licht entstehen schöne Bilder von einem, der hierzulande choreografisch noch nicht so bekannt ist.

Fast ein kleines Handlungsballett hat sich Alfonso Palencia mit „Luminous Heart“ (Leuchtendes Herz) für sein großes Entrée als Hagens neuer Ballettchef ausgedacht. Angeregt durch das reale Erleben eines aktuellen Gesundheitsnotstands – der Organspende – erzählt er die Geschichte einer jungen Frau, die dringend auf ein Spenderherz angewiesen ist. Dass ausgerechnet das Herz ihres Freundes, der bei einer Schlägerei brutal ermordet wird, sie rettet, löst die quälende Frage aus: lebt er in mir weiter? Sind wir bis zu meinem Tod vereint? Eine sehr anrührende Idee, realisiert mit tragischem Ende und leicht kitschigen Akzenten (der Tod in unterschiedlichster Gestalt übergibt die junge Frau den Engeln) – makellos auf Spitze getanzt und empfindsam dargestellt von der grazilen, rothaarigen Amber Neumann (als herzkranke Delphin), Gustavo Barros (als ihr Freund Guillaume), Ana Isabel Casquilho und Bobby Briscoe (ihre Eltern).
Insgesamt bildet dieser Ballettabend einen starken Auftakt in eine neue Ära am Theater Hagen.

Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2017/2018

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