HOMEPAGE



Zürich

FEUER, WASSER – UND ROCKENDE BIENEN

Zwei Meisterwerke in Zürich: „Speak for Yourself“ von León/Lightfoot und „Emergence“ von Crystal Pite



Das Zürcher Ballett ist für seine Vielseitig- und Wandelbarkeit berühmt. Die beiden Stücke wirken durch die Interpretation so originell und frisch wie am ersten Tag.


  • "Emergence! von Crystal Pite Foto © Gregory Batardon
  • "Emergence! von Crystal Pite Foto © Gregory Batardon
  • "Speak for Yourself" von Paul Lightfoot/Sol León Foto © Gregory Batardon
  • "Speak for Yourself" von Paul Lightfoot/Sol León Foto © Gregory Batardon

Zwei abendfüllende Handlungsballette bilden die Schwerpunkte im Premieren-Programm 2017/18 des Ballett Zürich: Christian Spucks fantastisch umgestalteter „Nussknacker und Mäusekönig“, seit letztem Oktober auf der Bühne, ist bis Ende der Spielzeit ausgebucht – so gut kam die Version an. Im April folgt als Uraufführung ein „Faust“-Ballett von Edward Clug. Dazwischen hatte jetzt ein Doppelprogramm Premiere: „Speak for Yourself“ von Sol León/ Paul Lightfoot sowie „Emergence“ der Kanadierin Crystal Pite. „Emergence“ (Auftauchen, Hervortreten) lautet auch der Sammeltitel für das Doppelprogramm.

Die Musik für beide Ballette kommt vom Tonträger. Bei den Stücken handelt es sich nicht um Ur-, sondern lediglich um Schweizer Erstaufführungen. Und doch: Man ist hingerissen von diesem Programm, hat das Gefühl, völlig Neues, Nie-Gesehenes zu erleben. Entsprechend überschwänglich der Applaus des Publikums bei der Premiere im Opernhaus Zürich, mit einem kleinen Vorsprung für Crystal Pite.


In „Speak for Yourself“ (1999) schwingt die Ästhetik des Nederlands Dans Theater mit: Zeitgenössischer Tanz, der seine klassische Basis nicht verleugnet. Der gebürtige Engländer Paul Lightfoot ist heute künstlerischer Direktor der Truppe, er und seine spanische Frau Sol León sind Hauschoreografen. Zusammen haben sie schon dutzende Ballette kreiert, deren Titel übrigens meist mit S beginnen, wie auch der Name ihrer Tochter Saura. So kamen in Zürich früher schon „Skew-Whiff“ und „Sleight of Hand“ auf die Bühne. Doch wenige andere der Werke von León/Lightfoot wirken dramaturgisch so spannend und einprägsam wie „Speak for Yourself“.

Zuerst sieht man einen Tänzer (Daniel Mulligan) in Panik. Rauch aus unsichtbarem Feuer quillt aus seinem Rücken, verbreitet sich im ganzen Raum. Sätze aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ erklingen, bedroht von rasselnden Klängen des Minimalisten Steve Reich. Der Rauch steigt nach oben, verwandelt sich in eine Wolkenlandschaft, bis sich der Himmel verfinstert, Sprühregen auf den Boden klatscht und Wasserlachen bildet. Ein faszinierendes Ausstattungs-Spektakel, vom Choreografen-Paar selbst kreiert.

Rauch und Regen – dazu lassen sechs Tänzer und drei Tänzerinnen in grauer Unterwäsche eine eindrückliche Choreografie entstehen. Alle neun Mitwirkenden zeigen teils halsbrecherische Soli, athletisch-eckig im ersten Teil, etwas fließender im zweiten, wo sich drei Paare ineinander verschlingen und wieder voneinander lösen (Yen Han/Matthew Knight, Anna Khamzina/Jan Casier, Elena Vostrotina/William Moore. Es sind zauberhafte, aber auch beklemmende Auftritte, intensiv getanzt.


In „Emergence“ (2009) zählt man dann gleich 37 Tanzende auf der Bühne, unter ihnen Mitglieder der Junior Company. Eigentlich ganz untypisch für die kanadische Choreografin Crystal Pite, deren eigenes Ensemble „Kidd Pivot“ in Vancouver nur wenige, dafür besonders experimentier-freudige Tanzende umfasst. Die Choreografin hat unter anderem mehrere Jahre bei William Forsythe getanzt. Sie verehrt ihn. Einige Stilmerkmale – neu montierte Klassik, verschobenes Timing – erinnern an den Meister. Dazu kommen verblüffende eigene Bewegungs-Erfindungen, welche das Ballett Zürich sich wie selbstverständlich angeeignet hat.

„Emergence“ handelt wunderlicherweise vom Leben und Verhalten der Bienen. Es beginnt mit einem aus der Larve schlüpfenden Insekt, das verzweifelt seine Flügel und Beine zu koordinieren sucht (Julia Tonelli). Dann strömen aus einem Bienenstock (Bühne: Jay Gower Taylor) weitere Exemplare, zunächst noch mit Insekten-Masken. Die Tänzer tragen lange, dunkel glänzende Hosen; ihre nackten Oberkörper sind strichweise tätowiert.

Die Tänzerinnen stecken in Bodies mit Wespen- oder vielmehr Bienentaille. Sie trippeln auf Spitze, während die Männer energisch ausholend die Bühne bevölkern. Man beobachtet Schwarmverhalten, Arbeitsteilung, Gruppen-Attacken – und unversehens wandelt sich das Bienenvolk in ein Ballettensemble, das seine Form sucht. Die Masken sind inzwischen verschwunden. Die stampfenden Beats der elektronischen Komposition von Owen Belton erinnern zuweilen an „Sacre du Printemps“, passend dazu die fordernde Gruppendynamik der Tänzerinnen und Tänzer.

Veröffentlicht am 14.01.2018, von Marlies Strech in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 1762 mal angesehen.



Kommentare zu "Feuer, Wasser – und rockende Bienen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    NICE TO MEET YOU? TANZABEND VON TIAGO MANQUINHO

    Premiere: Donnerstag, 23. Mai 2019, 19.30 Uhr Kleines Haus des Theaters Münster
    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige


    DER GASTEIG IM TANZRAUSCH

    Das größte Tanzfest der Stadt - Bei „Tanz den Gasteig“ am 15. Juni gibt es alles von Tanztee bis Hip-Hop. Eintritt frei!
    Veröffentlicht am 23.05.2019, von Anzeige


    WIE IM FLUGE

    Fotoblog von Ursula Kaufmann
    Veröffentlicht am 22.05.2019, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    DIE TOTEN-INSEL

    In der Gastspielreihe Old stars New moves bringt José Luis Sultán am 24. Mai ein neues Stück zur Uraufführung

    Nach William Forsythe und Tony Rizzi ist nun José Luis Sultán in der Hebbelhalle – Künstlerhaus UnterwegsTheater in Heidelberg mit einem neuen Stück zu Gast.

    Veröffentlicht am 21.05.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    ENGAGEMENT VERLOREN

    Sergei Polunin nicht mehr im "Schwanensee" an der Pariser Oper
    Veröffentlicht am 15.01.2019, von tanznetz.de Redaktion


    RAUSCHEN VON SASHA WALTZ & GUESTS

    Uraufführung am 7. März 2019 in der Volksbühne Berlin
    Veröffentlicht am 01.02.2019, von Anzeige


    HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH!

    Der Primaballerina Lynn Seymour zum 80. Geburtstag
    Veröffentlicht am 06.03.2019, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    BERUFEN!

    Katja Schneider wird erste Professorin für Tanzwissenschaft an der HfMDK

    Veröffentlicht am 14.05.2019, von Pressetext


    CLAUDIA JESCHKE ERHÄLT MÜNCHNER TANZPREIS

    Die Tanzwissenschaftlerin Prof. Dr. Claudia Jeschke wird geehrt

    Veröffentlicht am 03.05.2019, von Pressetext


    ABER WIR HATTEN SPAß!

    „Bilderschlachten“ von Stephanie Thiersch in Nîmes

    Veröffentlicht am 11.05.2019, von Gastbeitrag


    ZUM WELTTANZTAG!

    Welttanztag-Botschaft der ägyptischen Choreografin Karima Mansour

    Veröffentlicht am 28.04.2019, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP