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Düsseldorf

VON DER VERGÄNGLICHKEIT ALLEN LEBENS

Eine Uraufführung von Adriana Hölszky und Martin Schläpfer: „Roses of Shadow“ in Düsseldorf



Martin Schläpfer setzt auch durch seine zweite Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert.


  • „Roses of Shadow“ von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • „Roses of Shadow“ von Martin Schläpfer Foto © Gert Weigelt
  • „Polish Pieces“ von Hans van Manen Foto © Gert Weigelt
  • „Polish Pieces“ von Hans van Manen Foto © Gert Weigelt
  • „Strawinsky Violin Concerto“ von George Balanchine

Die glanzvolle Premiere des Abends „b.33“ des Ballett am Rhein steht ganz im Zeichen großer Meister der Moderne. Martin Schläpfer scheut sich nicht, die Uraufführung seines neuen Werks „Roses of Shadow“ von George Balanchines „Strawinsky Violin Concerto“ und Hans van Manens „Polish Pieces“ auf Musik von Henryk M. Górecki zu flankieren. Wie die beiden Granden des Balletts des 20. Jahrhunderts ordnet er sich keineswegs der Musik unter, sondern nimmt Impulse aus Rhythmus, Dynamik und Atmosphäre auf. So glücken ihm auch diesmal ebenso stimmig wie eigenständig choreografische Bezüge auf die superb vielschichtige Musik von Adriana Hölszky.

Seit Jahrhunderten streitet sich die Opernwelt: „Erst die Musik, dann das Wort – oder umgekehrt?“ Die deutsch-rumänische Komponistin Adriana Hölszky überträgt das Argument (scheinbar) auf den Bühnentanz. Ihre zweite Auftragskomposition für Martin Schläpfers Ballett am Rhein tituliert sie als eine „Klangchoreographie“. Zeitlich ist ihre Tonschöpfung für acht vielseitig eingesetzte Instrumentalisten und eine Frauenstimme tatsächlich vor Schläpfers Choreografie entstanden, die Einstudierung des Balletts erfolgte erst nach der Einspielung der musikalischen Partitur im Sommer. Hölszky liegt es freilich fern, ihr faszinierend theatrales Kunstwerk in den Vordergrund zu stellen. Aber mehr noch als in der ersten Zusammenarbeit „Deep Field“ vor drei Jahren, harmonieren Musik und Tanz auf einer intellektuell-spirituellen Ebene aufs Schönste.

Hölszky hat sich für „Roses of Shadow“ von Naturgedichten amerikanischer Ureinwohner („Native Americans“) und Shakespeares 67. Sonett inspirieren lassen. Von der „dürftigen Schönheit“ welkender Schattenrosen ist darin die Rede, von der Vergänglichkeit allen Lebens. Die Schönheit des Lebens in der Natur dagegen preist ein indianisches Gedicht: „Zieh einen Kreis aus Gedanken um den sanften stillen Berg, und der Berg wird zu Kristall...“

Der Duisburger Künstler Marcus Styros Bertermann stellt einen gewaltigen Monolithen auf die Bühne. Schwarz ist der Koloss zuerst, später fällt Licht darauf. Blau, golden oder silbern glitzernd heben sich einzelne Flächen ab. Kostbar wie ein Edelstein ist alles Leben. Aber auch voller Mühen. Mit einem Glockenschlag beginnt das Fest von Leben und Tod. Reglos wie Bäume nach einem Sturm stehen drei menschliche Säulen vor dem Felsen. Wenn sie sich in Bewegung setzen, erkennt man Männer, die ihre toten Frauen zu schleppen scheinen – dann aber regen die sich. Szenen wie aus der skandinavischen Welt der Trolle entwickeln sich. Minutiös folgen immer mehr Menschen – neun Tänzerinnen und acht Tänzer – der Dynamik und Stimmung der Musik, ohne je in plumpe Illustration abzugleiten.

Nie wird ein aggressives Aufbäumen hör- oder sichtbar, wohl aber ein grenzenloses Erstaunen in dem Tohuwabohu und tiefe Melancholie. Auch Lebensfreude und naive Ergebenheit. Helligkeit und Licht blitzen auf. Dann vibrieren Klänge und gespreizte Hände – Akkordeon- und Mundharmonikaklänge mischen sich unter Rasseln, Klappern, japanische Zither (Koto), Holzklöppel, Tam-Tam, Alphorn, Becken, Rainmaker, Klavier, Cello, Geige und noch viel mehr Klanggerät. Der helle Sopran von Angelika Luz kippt vom Gesang ins Parlando, rezitiert fragend, seufzend, jubelnd. Es grummelt, knarzt und schnalzt. Die Tanzenden winkeln die Füße ab, werfen sich einen Gummiball zu, umschlingen einander, ringen im kunstvollen Chaos von Klängen und Bewegungen. Körper wirken wie Gegenstände, Posen zerfließen poetisch. Schließlich legen sich alle wie zum ewigen Schlaf platt auf den Boden. Nur zwei sitzen erwartungsvoll und still, bis Licht und Klang vergehen. Nein, „falsche Kunst,“ die Shakespeare geißelt, wird hier mitnichten zelebriert.

Martin Schläpfer setzt durch diese Zusammenarbeit mit der Grande Dame der zeitgenössischen Musik wieder höchste Maßstäbe für den Bühnentanz im 21. Jahrhundert. Dazu gehört auch die staunenswerte Entwicklung seiner Kompanie. Grandios sind Präzision, Virtuosität und Ausdruckskraft in den historischen Meisterwerken Balanchines (von 1972) und van Manens (von 1995 – deutsche Erstaufführung 1999 in Düsseldorf!). Köstlich ist zu beobachten, wie hier sehr ähnliche Konzepte einmal akademisch streng im Balanchine-typischen Schwarz-Weiß und verspielt bunt (in Keso Dekkers Ganzkörpertrikots) in unterschiedlichen choreografischen Handschriften zu erleben sind.

Nahezu perfekt synchron tanzen die kleinen Gruppen im ständigen Wechsel mit Solisten und Paaren, wie das drahtige Paar Aleksandra Liashenko und Eric White, sowie die hochgewachsen eleganten Partner Claudine Schoch und Marcos Menha bei Balanchine. Sonia Dvořák und Philip Handschin einerseits, Julie Thirault und Rashaen Arts andererseits setzen Glanzpunkte in van Manens „Polish Pieces“. Kapellmeister Wen-Pin Chien hält die musikalischen Fäden bei allen drei Teilen dieses anspruchsvollen Programms souverän in der Hand. So wurde die Premiere von „b. 33“ musikalisch wie choreografisch ein Ballettabend großer Meister der Moderne.

Veröffentlicht am 17.12.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2017/2018

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