HOMEPAGE



Berlin

ZWISCHEN DREHWURM UND DOPPELTSEHEN

Isabelle Schad feiert mit „Double Portrait“ und „Turning Solo“ Premiere im HAU 3 in Berlin



In beiden Stücken arbeitet die Berliner Choreografin mit einem Kontinuum an sich wiederholenden, fließend verschiebenden Bewegungssequenzen – und wirft das Publikum damit in vielfältiger Weise zurück auf seine eigene Wahrnehmung.


  • „Turning Solo“ von Isabelle Schad Foto © Isabelle Schad
  • „Turning Solo“ von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • „Turning Solo“ von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • „Turning Solo“ von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • "Double Portrait" von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • "Double Portrait" von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • "Double Portrait" von Isabelle Schad Foto © Dieter Hartwig
  • "Double Portrait" von Isabelle Schad Foto © Isabelle Schad

Naïma Ferré dreht sich so lange um die eigene Achse, bis schließlich Wind über die Bühne fegt. Zumindest scheint es so – bläht sich ihre Kleidung doch zusehends mit Luft auf. Die Performerin und Ko-Choreografin von „Turning Solo“ bewegt sich zu Beginn des Stücks in einem schmalen, gedimmten Lichtkegel, der zugleich die restliche Bühne in noch tieferes Schwarz taucht. Kontinuierlich fließend, jedoch extrem langsam wandern Naïma Ferrés Hände um ihren Kopf. Sie erkundet tastend Gesicht, Ohren, Schläfen und die Haare am Hinterkopf um erneut Gesicht, Ohren, Schläfen und die Haare am Hinterkopf zu ertasten.

Derweil dreht sich ihr Körper ebenso kontinuierlich um die eigene Achse. Sie wird die nächsten 30 Minuten nicht aufhören, sich im Kreis zu drehen, während die lebendige Skulptur, die Naïma Ferré alsbald über ihre Bewegungen auf der Bühne entwirft, immer neue Pfade begeht. So weicht die Haptik der Atmosphäre, die sich in diesen ersten Minuten über das Ertasten des Kopfes und den kratzenden Sound aus den Lautsprechern einstellt, schnell raumgreifenderen Drehungen. Über die Zeit etabliert sich dabei im eigenen Zuschauen ein Rhythmus, in dem das Publikum den Drehbewegungen der Bühne tatsächlich kopfkreisend folgt und am Ende mit einem leichten Drehwurm aus dem Abend entlassen wird.

In „Double Portrait“, das Eröffnungsstück des Abends, arbeitet die Berliner Choreografin ebenfalls mit einem Kontinuum an sich wiederholenden und dabei fließend verschiebenden Bewegungssequenzen. Przemek Kaminski und Nir Vidan, die beiden Performer und zugleich Ko-Choreografen von „Double Portrait“, entwerfen in ihrem ‚Duett’ – entgegen Naïma Ferrés skulpturaler Qualität – vielmehr eine bewegte Bildfläche, die paradoxerweise auch in der Tiefe des Bühnenraums Bild bleibt. Dieses Portrait der entstehenden Vexierbilder, Zwillingsgestalten und vielfachen Spiegelungen zwischen den Körperbewegungen von Przemek Kaminski und Nir Vidan zeichnet zugleich ihr je individuelles Portrait als Performer nach. Lediglich in den Momenten, in denen aus den Beinen Hände wachsen und kein Anfang des einen, noch Ende des anderen Körpers mehr zu finden ist, lediglich dann verschwimmt der einzelne Körper vom Nebeneinander in ein Miteinander verknoteter Gliedmaßen.

Die Soundcollage des Komponisten Damir Šimunović irritiert schließlich den über die stetige Wiederholung der Bewegungen induzierten Sog der Aufmerksamkeit und legt eine zweite Ebene über die Gegenwart der Bühne. Stimmengemurmel, Straßengeräusche, ein anfahrendes Moped und unter allem ein treibender Rhythmus spalten auditive und visuelle Aufmerksamkeit und eröffnen kurioserweise einen zweiten Raum jenseits der Bühne.

Sei es der in „Turning Solo“ bewegungsinduzierte Drehwurm am Ende des Stücks oder die offengehaltene Irritation über das Auseinanderdriften von Sound und Bewegungsbild der Bühne in „Double Portrait“ – dieser Abend wirft das Publikum in vielfältiger Weise zurück auf seine eigene Wahrnehmung. Beide Stücke sprechen mit ihrer minimalistischen und fokussierten Körperarbeit unser Vermögen an, im Zuschauen den Bewegungen anderer am eigenen Körper nachzuspüren. Oder aber es war der knurrende Magen, der den eigenen Körper während des Abends in diese Sphären hat abdriften lassen, stellt einer der Zuschauer am Ende augenzwinkernd und begeistert fest.

Mit „Turning Solo“ und „Double Portrait“ setzt Isabelle Schad ihre Portrait-Reihe fort, die 2015 mit „Fugen“ begann und dem 2016 die Produktion „Solo für Lea“ folgte.

„Double Portrait“ und „Turning Solo“ werden am 17. und 18. Dezember 2017 noch einmal im HAU 3 Berlin zu sehen sein.

Veröffentlicht am 17.12.2017, von Maria Katharina Schmidt in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 3202 mal angesehen.



Kommentare zu "Zwischen Drehwurm und Doppeltsehen"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    GESCHICHTETE PRÄSENZ

    Isabelle Schad zeigt ihre neueste Soloproduktion „Fugen“ im HAU3

    „Fugen“ ist eine komplexe Arbeit, die sowohl die Choreografin Isabelle Schad auf bisher ungesehene Art und Weise herausfordert als auch ihr Publikum. Und damit Möglichkeiten schafft, über Grenzen hinauszugehen.

    Veröffentlicht am 31.10.2015, von Maria Katharina Schmidt


     

    AKTUELLE KRITIKEN


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München
    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel


    WIE DOMINOSTEINE

    Premiere „Changes“ mit Uraufführungen von Damian Gmür und Odbayar Batsuuri
    Veröffentlicht am 28.06.2020, von Gastbeitrag


    HÄNDESCHÜTTELN GEHT GAR NICHT

    Es wird wieder getanzt: Zur Premiere „Extra Time“ bei tanzmainz
    Veröffentlicht am 15.06.2020, von Isabelle von Neumann-Cosel



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ARTORT 020 „GEISTERSPIELE - FEST DER KÜNSTE“

    Das beliebte Heidelberger Kunstereignis im öffentlichen Raum findet statt - mit Publikum und mit variiertem Konzept!

    ARTORT 020 „Geisterspiele - Fest der Künste“ findet an acht Abenden von 9. bis 12. Juli und 16. bis 19. Juli ab 20.30 auf dem Festgelände Heidelberger Airfield in Kirchheim/Pfaffengrund statt. Pro Vorstellung sind voraussichtlich 99 Personen zugelassen.

    Veröffentlicht am 16.06.2020, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STAATLICHE BALLETTSCHULE BERLIN– KEIN ENDE IN SICHT

    Seyffert geht gegen Freistellung und Hausverbot vor. Bisher ohne Erfolg.
    Veröffentlicht am 19.05.2020, von tanznetz.de Redaktion


    STABEL WILL SCHULLEITER AN DER STAATLICHEN BALLETTSCHULE BERLIN BLEIBEN

    Der Gütetermin um freigestellten Ballettschuldirektor scheitert. Der Zwischenbericht der Untersuchungskommission sorgte vorab für kontroverse mediale Resonanz.
    Veröffentlicht am 12.05.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    EINE MILLIARDE EURO FÜR "NEUSTART KULTUR"

    Die Bunderegierung legt im Zuge der Corona-Krise ein Förderprogramm für die Kultur vor

    Veröffentlicht am 02.07.2020, von Pressetext


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    ROLAND VOGEL TRITT AB

    Verletzung beendet Karriere des Stuttgarter Solisten

    Veröffentlicht am 16.05.2003, von tanznetz.de Redaktion


    IMPROVISATION IN ZEITEN DES IMPROVISIERENS

    "Our Daily Post" von Katja Wachter im schwere reiter München

    Veröffentlicht am 01.07.2020, von Peter Sampel


    DIE PREISTRÄGER*INNEN STEHEN FEST

    Preisvergabe beim 24. Internationalen Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart 2020

    Veröffentlicht am 29.06.2020, von Pressetext



    BEI UNS IM SHOP