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Leipzig

BIS INS JAHR 2100

PHASE-ZERO PRODUCTIONS mit neuer Produktion im LOFFT Leipzig



In „Curious Minds“ wird die Neugier thematisiert, weitestgehend als kreativer Antrieb für die zu erkundenden Formen der Bewegung, für Annäherungen und Ablehnungen und vor allem die Konstellationen im Gegen- und Miteinander des Tanzes.


  • "Curious Minds" im LOFFT Leipzig Foto © Tom Dachs
  • "Curious Minds" im LOFFT Leipzig Foto © Tom Dachs
  • "Curious Minds" im LOFFT Leipzig Foto © Tom Dachs

Die Neugier höret nimmer auf, ganz bestimmt nicht im Tanz. Das beweist PHASE-ZERO PRODUCTIONS aus Leipzig mit der neuen Produktion „Curious Minds“ im LOFFT. Neugier bestimmt die Arbeitsweise von PHASE-ZERO PRODUCTIONS. Immer wieder stellen sich Tine Schmidt und Morgan Reid der Herausforderung, sich als Choreografen und Tänzer auf die Zusammenarbeit mit anderen Tänzerinnen und Tänzern einzulassen. So kam es zum von der Neugier angetriebenen Prozess der beiden mit Kyle Patrick, Kalin Morrow, Malwina Stepien, Perle Crayonn und Iacopo Loliva. Folglich heißt die neue Produktion „Curious Minds“.

Das passt gut, denn Neugier ist auch der produktive Antrieb des Leipziger LOFFT, dem Theater am Lindenauer Markt, dem angesagten Ort für Gastspiele, Kooperationen und Produktionen der freien Tanzszene, bei der eigentlich keine Genregrenzen gesetzt werden.

In „Curious Minds“ wird die Neugier thematisiert weitestgehend als kreativer Antrieb für die zu erkundenden Formen der Bewegungen, für die Annäherungen und Ablehnungen und vor allem für die Konstellationen im Gegen- und im Miteinander des Tanzes. Nimmt man die Videoinstallation der sich mitunter in rasender Geschwindigkeit verändernden Zahlen als Anzeigen dahineilender Jahre, also als Zeitansage, dann beginnt dieser Tanz mit der Neugier fast in der Gegenwart und kann schon mal vorpreschen bis in das Jahr 2047 oder sogar weiter noch bis 2100.

Zunächst finden sich die vier Tänzerinnen mit den beiden Tänzern in einem Kreis zusammen, um diese Form aber bald aufzulösen. So wie sie mögliche weitere Gruppenformate erkunden, bezieht sich diese Suche auch auf die Beziehungen zum jeweiligen Standort im Raum, die Verbindungen zum Boden und zur Höhe werden erkundet. In knappen Szenen körperlicher Neugier, im Ausreizen der möglichen Nähe zum Partner oder zur Partnerin kann es immer auch zunächst zu angedeuteten, dann zu deutlich wahrnehmbaren Überschreitungen von Grenzen kommen.

In einer Szene stellt eine Tänzerin Fragen an ihre Kollegin, was sie denn suche, denke, spüre, und ob sie Spaß habe, was für sie Sinn mache. Das ist gut gemeint, lässt aber an möglicher Spannung Wünsche offen, zumal man meint, diese Tänzerinnen hätten keine Mühe gehabt, einen solchen Dialog der fragenden Neugier auch ohne Worte, allein körperlich, auszudrücken. Ganz anders später, wenn noch einmal die Sprache zum Mittel wird, dann aber so, dass die Neugier der Zuschauer geweckt wird, denn die Sprache bleibt im Solo der Tänzerin rudimentär. Erinnernde Fetzen an Kindheit, Mutter oder nicht immer verständlichen Situationen prägender Entwicklung erfahren ebenfalls nicht immer eindeutig erkennbare tänzerische, vielleicht in diesem Falle besser performative Assoziationen.

So bleibt die choreografische Beschäftigung mit der Neugier, die - wenn sie Grenzen überschreitet, auch verletzend sein kann - immer in einem gewissen Widerspruch zwischen Offensichtlichem und Verborgenem, also zwischen Varianten des Tanzes und der Bewegung: die sich dem Zuschauer erschließen und solchen, die vielleicht dermaßen persönlich grundiert sind, dass eine direkte Deutung sich verbietet. Mitunter wird die Szene in diffuses Halbdunkel gesetzt, dann wieder geben Lichtkreise oder rechtwinklige Flächen Begrenzungen vor, in denen die beiden Tänzer so intensiv ihrer Neugier nach Nähe Ausdruck geben, dass nichts bleibt als die Flucht des einen aus der Vorgabe des Lichtes.

In einem Trio erlebt man ein Spiel mit Schatten, immer wieder sieht einer oder eine der Protagonisten anderen zu. Das sind dann sehr direkte Anspielungen auf allzu menschliche Versuche, Neugier zu verbergen und somit erst recht dem neugierigen Zuschauer ganz schön viel davon preis zu geben.

Tänzerisch überzeugen dise neugierigen Köpfe auch in technischer Hinsicht, synchrone Passgen gelingen und einige Hebefiguren sind erstaunlich. Manchmal aber wünschte man sich doch, ein paar stärkere und vor allem etwas ungewöhnlichere Motive der Neugier in diesen gut 70 Minutenzu zu erleben, wobei sich auch die angekündigte Auseinandersetzung mit der Angst vor dem Unbekannten etwas provokanter zeigen könnte. Dazu würde sicher nicht so privat wirkende Kleidung beitragen. Vor allem auf die Gemütlichkeit der Tanzsocken sollte man künftig verzichten. So bleibt man auf jeden Fall gespannt auf das nächste Risiko, dem sich diese Kompanie stellen wird.

Veröffentlicht am 14.12.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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Kommentare zu "Bis ins Jahr 2100"



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