HOMEPAGE



Gelsenkirchen

WAS DER KÖRPER MÖGLICH MACHT

Mit „Old, New, Borrowed, Blue“ verheiratet das Ballett im Revier Gelsenkirchen eine bunte Mischung von Choreografien miteinander



Gezeigt werden Stücke, die an die Zauberformel für eine glückliche Ehe angelehnt sind: etwas Altes, Neues, Geborgtes und Blaues.


  • “Jeunehomme-Klavierkonzert, 2.Satz” von Uwe Scholz im MiR Gelsenkirchen Foto © Ursula Kaufmann
  • “A Sweet Spell of Oblivion” von David Dawson im MiR Gelsenkirchen Foto © Ursula Kaufmann
  • “In Honour of” von Bridget Breiner im MiR Gelsenkirchen Foto © Ursula Kaufmann
  • „Indigo Rose“ von Jiří Kylián im MiR Gelsenkirchen Foto © Ursula Kaufmann

Was heißt hier alt? Wer möchte glauben, dass ein Pas de deux wie „Jeunehomme“ von Uwe Scholz zum zweiten Satz von Mozarts Klavierkonzert KV 271, kreiert für Les Ballets de Monte-Carlo, vor gut 30 Jahren entstanden ist? Vor allem, wenn zu Mozarts melancholischer Musik so getanzt wir wie in Gelsenkirchen von Lucia Solari und Carlos Contreras. Bei bester Beherrschung der enormen Ansprüche der für Scholz so typischen Bewegungen, bei denen die Frau immer wieder wie zum Flug erhoben wird, um dann bei den sanften Erdungen in einen so intensiven wie berührenden Dialog der Bewegungen mit ihrem Partner zu treten, lassen sie die Noten aus der Projektion lebendig und gegenwärtig werden. Momente der Einsamkeit und der Entfremdung wechseln mit denen glücklicher Gemeinschaft, und zum Höhepunkt wird das so sensible wie selbstbestimmte Solo der Tänzerin zur Kadenz des Konzertsatzes. Paul Chalmer, der mit Ghislaine Thesmar die Uraufführung in Monte-Carlo tanzte, hat dieses im besten Sinne zeitlose Werk jetzt in Gelsenkirchen einstudiert und dabei vermocht, jeden Verdacht einer möglichen Konservierung zu vermeiden.

Vor 10 Jahren entstand David Dawsons „A Sweet Spell of Oblivion“ zu einer Auswahl von neun Präludien aus der Sammlung „Das Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach mit den Kostümen von Yumiko Takeshima und im Licht von Bert Dalhuysen für das Royal Ballet of Flanders in Antwerpen. Dawsons Choreografie, der Wechsel zwischen Soli, Duetten, Trios oder Paaren im Dialog und tänzerisch feinsinnigen Korrespondenzen der Solistinnen oder Solisten zur Gruppe, wird von vier Tänzerinnen und drei Tänzern des Gelsenkirchener Balletts sehr lebendig und zeitgemäß getanzt. Die Sieben erweist sich als Glückszahl, denn die Tänzerinnen und Tänzer entsprechen den hohen Ansprüchen, wenn Dawson in der ihm eigenen Art einer so sublimen wie konzentrierten Abfolge neoklassische Techniken mit denen des zeitgenössischen Tanzes verbindet. Wie so oft auch hier die für den Choreografen so typisch hoch geführten Arme mit der unabdingbaren Konzentration, bei der immer wieder der Anschein erweckt wird, dass die Bewegungen sich über den am höchsten erhobenen Punkt der Hand fortsetze.

Gegenwärtiger wird es mit der „geborgten“ Choreografie von Bridget Breiner, „In Honour of“, 2014 für das Nationalballett in Riga geschaffen, und nun ins Gelsenkirchener Repertoire übernommen. Zu Ehren von Henry Purcell, dem Meister der englischen Barockmusik, hat sie im Dialog mit der Musik des zeitgenössischen lettischen Komponisten Georgs Pelēcis tänzerische Korrespondenzen für eine Tänzerin und zwei Tänzer geschaffen. Besonders im Pas de trois wissen diese sich zwar immer wieder den tänzerischen Traditionen von Balanchine bis Forsythe verpflichtet, beziehen daraus aber sehr kreativ Inspirationen für den Tanz der Gegenwart. Das ist vor allem beeindruckend, wenn Tänzer wie Francesca Berruto mit ihren Partnern Valentin Juteau und Ledian Soto nicht kopieren, sondern kraft ihres individuellen Könnens zeitgemäß interpretieren, was sie zwar prägt, aber weder gefangen nimmt noch einschränkt.

Ein Reißer zum Finale. „Indigo Rose“, 1988 von Jiří Kylián zum 20-jährigen Jubiläum des Nederlands Dans Theater II geschaffen, verfehlt seine Wirkung nicht. Vor allem, wenn es mit einer solchen Direktheit und Lebendigkeit wie von den neun Tänzerinnen und Tänzern der noch einmal bestens aufgelegten Kompanie von Bridget Breiner getanzt wird. Junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Noch einmal der große Auf- und Ausbruch, Kräftemessen, Überschuss, der große Spaß, die große Neugier, Tanz als Chance zu entdecken was längst im Innern pocht und sich endlich freien Lauf und Sprung verschaffen muss.

Als würde dieser Tanz die jungen Menschen voller Übermut auf eine Reise übers Meer mit seinen Tiefen und Stürmen fahren, spannt sich über Kyliáns Bühne ein großes weißes Segel mit Projektionen von Bernhard Kleine-Frauns. Auch ist es Projektionsfläche für die Schatten der Protagonisten, aus denen sie im günstigen Falle heraus tanzen oder hinter denen sie verschwinden können. Alles ist möglich, das Spiel ist offen, Vergangenheit und Gegenwart durchmischen sich und mittendrin die Tänzerinnen und Tänzer. Immer gehen sie bis an die Grenzen dessen, was der Körper möglich macht, manchmal so scheint es, auch darüber hinaus.

Veröffentlicht am 10.12.2017, von Boris Michael Gruhl in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/18

Dieser Artikel wurde 1902 mal angesehen.



Kommentare zu "Was der Körper möglich macht"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung




    Ähnliche Beiträge

    PREMIERE "SWEET TRAGEDIES"

    Das Ballett im Revier zeigt drei "Süße Tragödien" namhafter Choreografen.

    Das Musiktheater im Revier Gelsenkirchen präsentiert einen neuen Ballettabend mit Choreografien von Kevin O'Day, Bidget Breiner und Marco Goecke.

    Veröffentlicht am 02.05.2015, von Pressetext


    TÄNZER UNTERSTÜTZEN LIEBE ZUR MUSIK

    Eine Benefiz-Gala der Extraklasse am "Ballett im Revier"

    So sympathisch und witzig geht's selten zu bei einer hochkarätig besetzten Benefiz-Gala. Nutznießer der Einnahmen sind Revier-Kids zwischen drei und zehn Jahren, die in Kitas und Grundschulen an fünf Projekten der Stiftung teilnehmen.

    Veröffentlicht am 07.04.2014, von Marieluise Jeitschko


     

    AKTUELLE NEWS


    MUT ZUM RISIKO

    Kor’sia mit Berner Tanzpreis ausgezeichnet
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von tanznetz.de Redaktion


    NOVERRE-GESELLSCHAFT E.V. LÖST SICH AUF

    Stuttgarter Ballett möchte ""Junge Choreografen"-Abend retten
    Veröffentlicht am 14.06.2018, von Pressetext


    ER HAT JA GESAGT!

    Marco Goecke wird Artist-in-Residence am Theaterhaus Stuttgart
    Veröffentlicht am 11.06.2018, von Pressetext



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    ROMÉO ET JULIETTE

    Roméo et Juliette von Sasha Waltz wieder an der Deutschen Oper Berlin zu sehen.

    »Roméo et Juliette« ist die erste Arbeit von Sasha Waltz, die sie für ein großes Ballettensemble schuf.

    Veröffentlicht am 29.05.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    MOSAIK DER BEWEGUNG

    Richard Siegals Ballet of Difference mit "On Body" in der Münchner Muffathalle
    Veröffentlicht am 05.03.2018, von Miriam Althammer


    GOECKE GEHT NACH HANNOVER

    Der neue Ballettdirektor am STAATSTHEATER HANNOVER steht fest. Marco Goecke übernimmt zur Spielzeit 2019/20 die Leitung.
    Veröffentlicht am 21.02.2018, von Pressetext

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    AUGENSCHMAUS

    "Ballett-Akademie en scène" im Prinzregententheater München

    Veröffentlicht am 10.06.2018, von Sabine Kippenberg


    ER HAT JA GESAGT!

    Marco Goecke wird Artist-in-Residence am Theaterhaus Stuttgart

    Veröffentlicht am 11.06.2018, von Pressetext


    VON GANZEM HERZEN ENTERTAINER

    Ben Van Cauwenbergh feiert Jubiläum

    Veröffentlicht am 17.06.2018, von Marieluise Jeitschko


    HEILMITTEL TANZ

    14. Tamed-Kongress in der HfMDK Frankfurt am Main

    Veröffentlicht am 16.06.2018, von Gastbeitrag


    "SCHWANENSEE" OHNE SEE DER TRÄNEN

    Martin Schläpfers Choreografie an der Deutschen Oper am Rhein

    Veröffentlicht am 10.06.2018, von Marieluise Jeitschko



    BEI UNS IM SHOP