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ÜBER DAS VERSCHWINDEN DES MENSCHEN

"DUSK" von Nanine Linning am Theater und Orchester Heidelberg



Zu Beginn klebt die Gruppe im Igel-Look als Cluster auf halber Spitze aneinander und ruckelt und knistert sich in den Raum: in kleine, schnelle Drehungen verfallend, in Ausbruchsversuchen, in auf halbem Weg gestoppten Bewegungen.


  • "DUSK" von Nanine Linning am Theater und Orchester Heidelberg Foto © Theater Heidelberg

Es sind Ereignisse wie der Tod eines Menschen, die Nanine Linning ihr Stück haben finden lassen. Und es ist die Lust am Design, die Linning ihrem Stück Ästhetik beschert. Ihre Stärke ist weniger, Tanz beredsam werden zu lassen oder die Arbeit an einem Bewegungsstil, der im Betrachter Resonanz auslöst. Es ist mehr die konzeptionelle, fast collagenhafte Arbeitsweise, die ein sanft atmendes Hybrid hervorbringt – mit allen Vorteilen und Nachteilen: man darf getrost ein aus vielen Quellen gespeistes, künstlerisches Werk bewundern, über dem ein zarter Odem weht, und zugleich das Defizit bedauern, dass der Tanz an sich bei ihr kaum zu verzaubern vermag - da kann das Thema noch so existenziell sein.

„Dusk“ - nun von ihr als künstlerische Leiterin der Tanz-Sparte für das Theater und Orchester Heidelberg kreiert - kreist um die existenzielle Erfahrung des Verschwindens des eigenen und des Körpers der anderen. „Jetzt“, „Dämmerung“, „Sanduhr“, „Intuition“ und „unendlich“ tanzen auf dem Titelblatt des Programmheftes und verweisen auf den Entstehungsprozess, der viele Inspirationsquellen vereinte: die Erforschung ganzheitlicher menschlicher Erfahrungen; Kompositionen von John Adam, Arvo Pärt und Gustav Mahler, die ein großes Spektrum zwischen nervöser Energie und Dynamik über Wehmut bis zum transzendierenden musikalischen Opus Magnum abdecken; abstrakte Malereien u.a. von Gerhard Richter oder fotografische Verfahren, die Energiestrahlungen eines belebten Körpers visualisieren. Letztere leitete Linning an, Irina Shaposhnikova damit zu beauftragen, Kostüme zu entwerfen, die die verschiedenen energetischen Schichten und Qualitäten um den Menschen zum Ausdruck bringen können. Und das ist, in seiner Bizarrheit, gelungen. Seien es bronzefarbene Stäbe, die ein Kleid wie eine Igelhaut bedecken, oder hellrosa, schimmernde rechteckige Plättchen auf durchsichtigen Stoffbahnen oder am Ende nur, wunderschön, zartrosafarbene Trikots. Das Design, das Linning ihrem Stück einverleibt, ist ebenso ein Hingucker wie die großartige Videoprojektion eines Himmels voller sich bewegender Wolken. Wundervoll zudem die halbe Bühne hinten, in deren Lichtstreifen im mittleren Teil von „Dusk“ sich ein Tänzer nach dem anderen fremdartig verrenkend und dennoch mit großer Gelassenheit jeweils eine Art Lebensweg vollzieht. Hier atmet das Stück und wird interessant, da jede körperliche Äußerung eine unerwartete Überraschung darstellt.

Insgesamt jedoch mäandert der Tanz emotional wie weggesperrt vor sich hin und man fragt sich irgendwann: warum? Linning bleibt in allen Bildern konsequent. Zu Beginn klebt die Gruppe im Igel-Look als Cluster auf halber Spitze aneinander und ruckelt und knistert sich in den Raum: in kleine, schnelle Drehungen verfallend, in Ausbruchsversuchen, in auf halbem Weg gestoppten Bewegungen. Zum Schluss, im dritten Teil, gibt es mehrere Duette, kleine Soli. Einen Hinweis, weshalb „Dusk“ hinter seinen Möglichkeiten bleibt, gibt die eingesprungene Laura Halm, eigentlich tätig als choreografische Assistentin. Eine Tänzerin einer anderen Liga: offen und zugänglich tanzt sie und zeigt jede Emotion – nahezu als Einzige. Ähnlich wie seinerzeit Bridget Breiner, heute Direktorin in Gelsenkirchen und frühere Erste Solistin des Stuttgarter Balletts, lotet Halm alle Facetten aus, die Linnings Entwurf bereithalten, und vermittelt eine Ahnung davon, wie viel noch zu erzählen gewesen wäre.

Veröffentlicht am 09.12.2017, von Alexandra Karabelas in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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