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Gießen

IM GRUPPENRAUSCH

„Auftaucher“ - Tanzabend von Henrietta Horn in Gießen



Diesmal ist es ein Klassiker des zeitgenössischen Tanzes, den die Tanzcompagnie Gießen mit Gastchoreografin Henrietta Horn einstudiert hat. „Auftaucher“ - 1998 von einem polnischen Theater in Auftrag gegeben - hat sich über Jahre weiterentwickelt.


  • „Auftaucher“ - Tanzabend von Henrietta Horn im taT-Tanzstudio Foto © Rolf K. Wegst
  • „Auftaucher“ - Tanzabend von Henrietta Horn im taT-Tanzstudio Foto © Rolf K. Wegst
  • „Auftaucher“ - Tanzabend von Henrietta Horn im taT-Tanzstudio Foto © Rolf K. Wegst

Diesmal ist es ein Klassiker des zeitgenössischen Tanzes, den die Tanzcompagnie Gießen (TCG) mit der Gastchoreografin Henrietta Horn einstudiert hat. „Auftaucher“ hat sich über Jahre weiterentwickelt, ist gereift und präzise geworden. 1998 erhielt sie eine Anfrage eines Theaters in Bytom/Polen für ein kleines Tanzstück, dort entstand der 12-minütige Kern, „in einem kalten, nebligen November“. Im Jahr darauf übernahm sie die künstlerische Leitung der Folkwang-Tanzstudios in Essen, dort entwickelte sie das Stück mit dem Ensemble weiter. Dass es schließlich 2001 zur Uraufführung in Jakarta/Indonesien kam, verdankt sich einem Zufall, erzählt sie im Vorgespräch. Bereits dort rief es intensive Reaktionen hervor.

Die Folkwang-Tanzstudios gingen mit „Auftaucher“ international auf Tour. Als freischaffende Choreografin (seit 2009) studierte Horn das Stück mit anderen Ensembles neu ein: in Essen 2013, in Braunschweig 2016 und aktuell also in Gießen mit der TCG. Und jedes Mal passt sie es an die Gegebenheiten an, wie sie sagt. Zehn Personen ist die Mindestzahl der Beteiligten, aber zehn TänzerInnen auf der taT-Studiobühne sind viel. Doch es funktioniert gut, die Raumbespielung ist ausgewogen. Weitere Grundelemente sind ein schlichter schwarzer Raum, acht Stühle, kleine Handrasseln, die von den TänzernInnen beständig in den fast geschlossenen Fäusten gehalten werden. Leicht variiert sind die Kostüme von Katharina Andes, die zum ersten Mal am Stadttheater Gießen arbeitet.

Das ist deutsches Tanztheater, was die Zuschauer mit „Auftaucher“ erleben können. Folkwang-Tradition im Erzählerischen und bei der Integration von Alltagsbewegungen. Das einander Umwerben von Mann und Frau, Alltagskleidung mit der Neigung zu langen Abendkleidern bei den Frauen, die schwungvolle südeuropäische Tanzmusik, das Sitzen auf Caféhaus-Stühlen, all das erinnert an die Folkwang-Leiterin Pina Bausch. Die Tanzenden berühren einander so gut wie nie. Stimmungen und Gefühle werden über Körperhaltung, Gestik und Mimik transportiert.

Henrietta Horn will eine Geschichte erzählen, auf klare Art und Weise, das heißt für sie: jede noch so kleine Geste ist von Bedeutung und muss präzise ausgeführt werden. Nur die Schnelligkeit der selbst geschüttelten, geklatschten und gestampften Rhythmen, die kann an einigen Stellen variieren. Was für die Beteiligten sehr anstrengend ist. Überhaupt ist das konsequente Durchzählen der Takte die große Herausforderung des Stücks, so ihre Erfahrung. Heutzutage ist das eher ungewöhnlich, da vermehrt das Einfühlen in Bewegungsabläufe bevorzugt wird. „Auftaucher“ ist fast 20 Jahre alt, es steht also auch für damalige Herangehensweisen an die Erarbeitung von Tanztheater, doch kommt es nicht altmodisch daher. Es wirkt ungeheuer jung, spritzig und lebendig, vor allem humorvoll. Die Spannung wird durchgängig aufrechterhalten, in den ruhigen wie in den lärmenden Szenen. Kleine Brüche sind eingebaut, da reicht manchmal ein Blick, den vor allem die Tänzerinnen gekonnt einsetzen.

Es beginnt im Dunkeln mit einem leisen Rasselgeräusch, Lichtspots heben einzelne Paare hervor. Zunächst sind da nur Schauen und vorsichtiges Annähern, was in vielen Variationen umgesetzt wird. Das Stück erzählt von jungen Menschen, die voller Lebenslust sind und die Welt erkunden, sich der lockenden Tanzmusik hingeben. Doch lernen sie auch die negativen Seiten der Kommunikation kennen wie Ablehnung, Eifersucht und Konkurrenz. Am Ende gibt es eine gigantische Steigerung der Emotionen beim Anfeuern von zwei einander gegenüberstehenden Gegnern. Die beiden berühren sich nicht, alles wird über Blick und Körperhaltung ausgetragen, am Ende reicht ein Pusten um den anderen zu Fall zu bringen.

Was die TCG-ler an darstellerischer Stärke zeigen, ist höchst beeindruckend. Man fühlt sich in diesen Rausch des kämpferischen Wettbewerbs geradezu hineingezogen und erlebt die Scham beim Auftauchen aus diesem Gruppenrausch. Womit auch der unübersetzbare Stücktitel „Auftaucher“ erklärt wäre. Und die internationale Begeisterung: die Geschichte verstehen alle. Tanz als universelle Sprache bestätigt sich einmal mehr.

Veröffentlicht am 01.12.2017, von Dagmar Klein in Homepage, Kritiken 2017/2018, Tanz im Text

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Kommentare zu "Im Gruppenrausch"



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