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Berlin

TANZ AUF LEBEN UND TOD

Das Nederlands Dans Theater zu Gast im Haus der Berliner Festspiele



Das NDT bringt physisch und technisch an die Grenzen gehenden Tanz in die vor allem von Konzepttanz geprägte Stadt Berlin.


  • Nederlands Dans Theater: Goecke "Woke up blind" Foto © Rahi Rezvani
  • Nederlands Dans Theater: Léon & Lightfoot "Safe as Houses" Foto © Rahi Rezvani
  • Nederlands Dans Theater: Carrizo "The Missing Door" Foto © Rahi Rezvani
  • Nederlands Dans Theater: Pite "The Statement" Foto © Rahi Rezvani

Tanz bringt Bewegung in die Stadt. Mit 36 Bühnen, 300 ChoreografInnen, 3.000 TänzerInnen und 1400 Vorstellungen im Jahr bietet Berlin eine einzigartige, spannende und vielfältige Tanzlandschaft. Vom klassischen Ballett bis zur sozialen Choreografie, mit international etablierten Kompanien oder ambitionierten NachwuchstänzerInnen, auf der 'großen' Bühne, im Hinterhofstudio, in Galerien und Museen. Darauf verweist die derzeitige Kampagne #WatchMeDance, initiiert vom Tanzbüro Berlin in Kooperation mit dem Netzwerk TanzRaumBerlin und dem Verein Zeitgenössischer Tanz Berlin e.V. . „Watch Me Dance!“ wird von allen Tanzbühnen der Stadt unterstützt.

Mit dem NDT aus Den Haag gastiert derzeit eine der innovativsten internationalen Kompanien für zeitgenössischen Tanz im Haus der Berliner Festspiele. „Berlin ist führend im Bereich Konzepttanz, sowohl was die Festivals als auch die freie Szene anbelangt. Das ist eine große Stärke. Zeitgenössischer Tanz wie der, für den das NDT steht – physisch und technisch an die Grenzen gehender Tanz –, wird in der Hauptstadt dagegen deutlich seltener geboten. 2015 haben wir gemerkt, wie hungrig die Berliner auf diese Spielart des Tanzens sind. Und genau die bekommen sie bei uns“, betont der Künstlerische Leiter Paul Lightfoot. Jede der vier zeitgenössischen Choreografien im diesjährigen NDT-Gastspiel-Programm unterstreicht diese Programmatik.

Marco Goeckes Kreationen sind stilbestimmend für das Repertoire des NDT, dem der international gefragte, langjährige Stuttgarter Hauschoreograf seit 2013/2014 als Associate Choreographer verbunden ist. In Maastricht durfte Goecke (einst Absolvent des Königlichen Konservatoriums Den Haag) Anfang Oktober für sein Duo „Midnight Raga“ den begehrten niederländischen „Schwan“ (Zwanen) für die „beeindruckendste Tanzproduktion 2017“ entgegennehmen. Auch in „Woke up blind“ (2016) ist seine eigene Bewegungshandschrift sofort erkennbar. Das formidable Septett vermag in extremer Beschleunigung und in kleinsten Gesten der Ruhe jenes intendierte Erschrecken vor der eigenen Blindheit und die aufflackernde Gewissheit der Zusammengehörigkeit zweier Menschen durch alle Labyrinthe aufleben lassen. Doch bei aller Akkuratesse verliert das tänzerische Geschehen an Spannung. Wirbelnde Arme, eruptive Twists, wölfisches Knurren, vibrierende Gliedmaßen und abrupte Stagnation verbinden sich nicht mit den Gitarren- und Vokalsteigerungen von Jeff Buckley. Die Beweggründe bleiben im Dunkeln.

Gerade wurde Crystal Pite's „Betroffenheit“ mit dem begehrten britischen Laurence-Olivier-Award für die 'Beste neue Tanzproduktion 2017' ausgezeichnet. Die Kanadierin (Vancouver, 1970) ist dem NDT seit 2008 als Assoziierte Choreografin verbunden. Ihre Tanzstücke kreisen subtil um humane Krisen in unserer Welt und verbinden physische Aktionen mit narrativen theatralen Elementen. Ihr innovatives „Statement“ (2016, Deutsche Erstaufführung) thematisiert ein Meeting mit zwei Parteien auf Leben und Tod. Leitmotivisch begleitet ein vierstimmiger Text (Skript: Jonathon Young!) in gestisch präziser Stimmaufnahme den hochartistischen Überlebenskampf von vier smarten Managern (zwei Frauen, zwei Männer), die sich im Fallen, Rollen, Drehen, Treten um und auf eine Tischplatte in eleganter Raubtiermanier auspowern, die sich unter Aufbietung aller Kräfte und gegen alle Selbstzweifel gegeneinander über den Tisch ziehen und gnadenlos wegbeißen. Der Mann von 'upstairs' erledigt die Drecksarbeit und wird selbst aus der off-Chefetage erdrückt. Treffsicher übersetzt Chrystal Pite den Text simultan in Bewegungssprache! Das Timing der kongenialen Interpreten erzeugt neunzehn Minuten lang Hochspannung bis zum Ende! Die Zuschauer quittierten die bekannten 'Praktiken' der bitteren Satire auf die Unmoral menschlichen Handelns mit verstehendem Lachen. Pite's messerscharfe „Aussage“, der Höhepunkt des diesjährigen Programms, zielt kritisch auf die heutige Arbeitswelt; unverkennbare Genauigkeit und bewusste Überzeichnung erinnern an die Schwarzen Herren in Kurt Jooss' expressionistischem Totentanz „Der Grüne Tisch“ (1932).

Einen schrägen Blick in eine Puppenstube mit merkwürdiger Personage offeriert „The missing door“ (2013, Deutsche Erstaufführung) der spanischen Choreografin Gabriela Carrizo. Ein Sterbender mit blutigen Händen wird von den Traumata seines Lebens verfolgt. Im Spieluhrwalzer missglücken Umarmungen und Küsse, Türen schließen und öffnen sich von Geisterbein, der Wischlappen führt ein Eigenleben, Sexpuppenspiele und bürgerliche Biederkeit. Carrizos NDT-Debüt ist ein amüsant harmloser Slapstick-Thriller bis in die Verbeugungsordnung!

Die Spanierin Sol León und der Brite Paul Lightfoot wurden 2002 zu Hauschoreografen des NDT ernannt. Ihr Tanzstück „Safe as Houses“ (2001) zu Kompositionen von Johann Sebastian Bach stand am Beginn ihrer künstlerischen Zusammenarbeit. Was hier „Todsicher“ zu sein scheint, erschließt sich behutsam, Schritt für Schritt. Ganz in Schwarz treten Marne van Opstal, Sarah Rynolds und Jorge Nozal ins weiße Bühnengeviert, in das spiegelverkehrt schwarze Ranken ragen. Ihre Reverenz gilt der Musik, die raumgreifend plötzlich eine große weiße Wand im Zentrum zum Rotieren bringt. Vier Tänzer und vier Tänzerinnen ganz in Weiß erobern in Soli und Duetten vor, zwischen und neben der sich permanent drehenden Wand die Bühne des Lebens. Der sich wandelnde Raum ist der gewaltige Gegenpart für einen physischen Hochleistungsparcours lebensfroher Bewegungsekstase. Es gibt keinen Stillstand, kein Entrinnen vor der vergehenden Zeit. Jorge Nozal presst seinen Körper gegen die Wand-Uhr, die Stimmen der Vergangenheit verschwinden. „Komm, süßer Tod“ – seine Hand verschließt den Mund, traumverloren, schwerelos umfängt sich das schwarze Paar im Schwebezustand zwischen Leben und Tod.

Kraftvoll, mitreißend, präzise - Das renommierte NDT wurde erneut sehnsüchtig erwartet und begeistert gefeiert.

Veröffentlicht am 30.11.2017, von Karin Schmidt-Feister in Homepage, Gallery, Tanz im Text, Kritiken 2017/18

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