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München

KREISLAUF DES LEIDS

Lulu Obermayer bringt mit „Manon Lescaut“ eine unglaublich starke und pointierte Performance an die Kammerspiele München.



Es passiert wenig auf der Bühne, doch genau dieses Wenige ist voller Wucht und stellt das Münchner Publikum auf eine harte Probe.


  • „Manon Lescaut“ von Lulu Obermayer Foto © Julian Baumann
  • „Manon Lescaut“ von Lulu Obermayer Foto © Julian Baumann
  • „Manon Lescaut“ von Lulu Obermayer Foto © Julian Baumann
  • „Manon Lescaut“ von Lulu Obermayer Foto © Julian Baumann

Auf der Bühne befinden sich nur eine riesige Leinwand, zwei große Wasserplastikflaschen und etliche Lautsprecher. Lulu Obermayer ist auf der Leinwand verschwommen zu erkennen. Sie läuft durch eine Wüste, läuft und läuft. Sie trägt ein schwarzes Kleid, einen blonden Bob und waschechte Cowboystiefel. Die echte Obermayer sitzt in der ersten Reihe des Publikums und sieht ihrem projizierten Ich beim Laufen zu. Irgendwann steht sie auf, geht in die Mitte der Bühne zu den beiden Wasserflaschen, zieht ihre Stiefel aus und beginnt, mit dem Lebenselixier in Händen, im Uhrzeigersinn die Bühne zu bekreisen. Dabei singt sie klagend auf Italienisch „Solo Perduta Abbandonata“ – „Allein verloren, verlassen“. Das ist alles, was sie tut. Immer wieder, immer wieder, immer weiter.

Für viele im Publikum ist das eine Zumutung, viel zu anstrengend anzusehen, deswegen gehen sie. Und unterstreichen somit das, was dort vorne auf der Bühne ver- und behandelt wird: Im Leiden ist man allein. Das will keiner miterleben, flüchtet lieber und lässt den Traurigen, Verlorenen mit seiner seelischen Qual allein. Ein Kreislauf des Leids, aus dem Manon Lescaut nicht entkommen kann. Vom armen Des Grieux geliebt und vom reichen Geronte verwöhnt, verzweifelt sie an diesem Zwiespalt und wird auf der Flucht in der Wüste sterben.

Lulu Obermayer, die nach jahrelangem Auslandsaufenthalt erst jetzt künstlerisch in München arbeitet und 2017 die Debütförderung Tanz von der Stadt erhält, hat sich den Frauenfiguren auf der Bühne verschrieben. Sie sagt selbst, dass sie „sich verpflichtet gefühlt hat“ dieses Projekt umzusetzen. „In ‚Manon Lescaut‘ wird weibliche Existenz in der Oper dekonstruiert und neu verhandelt.“ Zur Info: Manon Lescaut ist eine Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts von Giacomo Puccini. Doch ist es fast nicht notwendig, eine Opernfigur in diese Performance einzuschreiben, da es um die verzweifelte Frau an sich geht, um das weibliche Leid in reinster Form. Und so herausfordernd und schmerzhaft die starke Performance für den Zuschauer und für Lulu Obermayer auch sein mag, so wichtig ist sie für ein aktuelles Verständnis von Depression, Leid, Einsamkeit und Ungerechtigkeit.

Veröffentlicht am 28.11.2017, von Natalie Broschat in Homepage, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 4286 mal angesehen.



Kommentare zu "Kreislauf des Leids"



    • Kommentar am 28.11.2017 20:01 von Ralf Reck
      Sehr geehrte Frau Broschat, ist diese Interpretation nicht etwas überzogen? Wer leidet denn hier? Offenbar die Zuschauer, nicht eine echte Manon. Die Manon spielende Schauspielerin macht das ja offensichtlich professionell. Warum soll man mit einer für Geld (ausschließlich)leidenden Schauspielerin Mitleid haben?



      Ihre Beschreibung klingt mir sehr nach Kunst-Happening, bei dem die zahlenden Zuschauer Mitleid mit einer bezahlten Schauspielerin entwickeln sollen. Umso verständlicher ist es, dass sich viele Zuschauer nicht als Teil dieses Happenings begreifen wollen, trotz wahrscheinlich vorhandenen Verständnisses für Depression, Leid, Einsamkeit und Ungerechtigkeit.
    • Kommentar am 28.11.2017 21:06 von Mascha
      "Manon Lescaut" ist eigentlich eine Romanfigur von Abbé Prévost aus dem 18. Jahrhundert und sowohl dort wie auch bei Puccini eine ziemlich berechnende, geldgierige Dame, die ihre Verbannung in die Wüste zum Teil selbst verschuldet. Bei allem Mitleid, für "das weibliche Leid in reinster Form" könnte man bessere Beispiele finden.

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