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Dortmund

WANG FRAGT: WAS IST KUNST?

Ballettabend "Rachmaninow | Tschaikowsky" am Theater Dortmund



Auf technisch lupenreinen Tanz kann man sich beim Besuch eines Dortmunder Ballettabends (mit kleinen Einschränkungen) immer verlassen.


  • "Rachmaninow | Tschaikowsky" Foto © Bettina Stöß
  • "Rachmaninow | Tschaikowsky" Foto © Bettina Stöß
  • "Rachmaninow | Tschaikowsky" Foto © Bettina Stöß
  • "Rachmaninow | Tschaikowsky" Foto © Bettina Stöß

Am Vorabend seines Silberjubiläums als Choreograph ̶ sein opus 1 "Concerto" auf Maurice Ravels Klavierkonzert in G ging 1993 über die Bühne des Aalto Theaters; mittlerweile nähert er sich der Nr. 60 ̶- verblüfft Dortmunds gefeierter Ballettdirektor und Chefchoreograf Xin Peng Wang mit der Frage, was Kunst denn eigentlich sei. Die Antwort fand er als Inspiration für seinen neuen Zweiteiler bei Rainer Maria Rilke: "Auch die Kunst ist nur eine Art zu leben, und man kann sich, irgendwie lebend, ohne es zu wissen, auf sie vorbereiten". Wang allerdings wusste schon vor 50 Jahren ganz genau, dass der Tanz sein Leben sein sollte.

Den drakonischen Drill, aus dem technisch brillante klassische Tänzer werden, unterwarf er sich in der chinesischen Heimat seit 1970. Knapp 20 Jahre später verließ er Bejing, absolvierte an der Folkwang Hochschule ein Zusatzstudium für modernen Tanz und Choreografie und trat ein Engagement als Tänzer in Essen an. Von 2001 bis 2003 versuchte er sich in Meiningen als Ballettdirektor. Christine Mielitz vertraute ihm diese Position dann auch in Dortmund an. Damit begann eine Liebesgeschichte zwischen Publikum und Ballett, wie sie hier vor ihm nur Youri Vámos erlebte. Der punktete vor allem mit Handlungsballetten. Wangs größte Erfolge sind gleichermaßen neben eigenen Versionen der großen Klassiker Literaturballette vom chinesischen "Traum der Roten Kammer" bis zu "Faust I - Gewissen" und "Faust II - Erlösung".

Seine Dortmunder Truppe bestückt er mit immer besser ausgebildeten klassischen Tänzern und führt im Ballettsaal ein so unnachsichtig strenges Regiment wie die Ballettmeister in Moskau und St. Petersburg im 19. Jahrhundert. Das macht sich bezahlt. Egal, was auf dem Programm steht - auf technisch lupenreinen Tanz (sieht man einmal von mangelnder Synchronisation in den Gruppenszenen ab) kann man sich beim Besuch eines Dortmunder Ballettabends immer verlassen.

So bietet der reine Tanz auch zwei Konzertstücken der russischen Romantiker Tschaikowsky und Rachmaninow Paroli. Und doch setzt Wang optisch wie inhaltlich feine theatrale Akzente. Frank Fellmann konzipierte mit bewährter Eleganz und Effizient das edle Bühnendekor. Bei "Rachmaninow" akzentuieren der Flügel für das 3. Klavierkonzert und ein Globus-Torso die leere Tanzfläche. In "Tschaikowsky" schwebt ein glitzerndes Riff über der Szene; im Video zur angedeuteten Ballszene beim tänzerisch-leichten Allegro con grazia mutiert der Rückprospekt wie in einem Kaleidoskop vom abstrakten Gemälde zur modernen Straßenszene.

Bernd Skodzigs Kostüme geben deutliche Signale, was, wann, wo hier getanzt wird. So darf man sich vor der Pause prächtig unterhalten fühlen. Rachmaninows technisch vertrackt virtuoses 3. Klavierkonzert hat es ja längst - Lang Lang sei Dank! - in die semiseriöse Musikszene geschafft. Und so springt Wang richtig mutig mit seinen putzigen blauen Unisex-Gummipüppchen auf die Entertainment-Schiene auf. Eine Mischung aus Pilobolus und Animationen von Keith-Haring-Männchen ist entstanden. Da gibt's richtig was zu gucken, zu staunen und zu lachen (auch wenn die meisten Zuschauer sich letzteres gar nicht trauen). Das Schönste: auch Pianist William Youn ließ dieses köstliche Augenzwinkern bei seinen Verbeugungen aufblitzen. Der Dialog zwischen Klavier und Orchester war zur Nebensache degradiert. Der Wettstreit entspann sich zwischen den atemraubenden Kaskaden des Tastenlöwen und dem stupend vielfältigen Bewegungsrepertoire von Wangs Choreografie und Truppe.

Dass sein Herz aber doch in erster Linie für das klassische Ballett schlägt, zeigte Wang in "Tschaikowsky" auf dessen Sinfonie "Pathétique". Die emotionalen Tiefen der tragischen Biografie des Komponisten, die sich ein letztes Mal in diesem Werk Bahn brechen, lassen sich vom Dirigenten und dem Orchester an einem Ballettabend nicht ausloten. Bewundernswert diskret unterstützen Dortmunds GMD Gabriel Feltz und die Dortmunder Symphoniker in Tempi und Ausdruck die Tänzer. Bernd Skordzig kleidet die vorher in königsblaue Ganzkörpertrikots gezwängten Figuren nun in edle hauchzarte Haute Couture mit Reverenz an George Balanchines schwarze "Badeanzüge". Neoklassisch ist auch die Technik zu Wangs angedeuteter tragischer Liebesgeschichte, die nicht nur von fern an "Schwanensee" erinnert.

Egal, was man aus Wangs "Tschaikowsky"- Ballett liest ̶ es wird getragen von Dortmunds neuen Stars aus München, der zierlichen, federleichten, unglaublich gelenkigen Lucia Lacarra und dem Hünen Marlon Dino, ihrem langjährigen Partner auf der Bühne und im Privatleben. Schon in Wangs "Faust II - Erlösung" hatte das charismatische Paar mit seinen artistischen Hebefiguren für Beifallsstürme gesorgt. Lacarra überzeugt darüber hinaus als anrührende Darstellerin. Ganz ähnlich kommen nun über weite Strecken die Szenen der beiden über - spektakuläre Höhepunkte sind ihren Gala-Auftritten in aller Welt entlehnt. So bleibt als Fazit auf die Frage nach Sein und Sinn von Kunst die Antwort: das Publikum ist Teil der Antwort. In Dortmund kommt es auf seine Kosten.

Veröffentlicht am 26.11.2017, von Marieluise Jeitschko in Homepage, Kritiken 2017/2018

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Kommentare zu "Wang fragt: Was ist Kunst?"



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