KRITIKEN 2017/2018



Heidelberg

WER BIN ICH?

Zur Gala des Stuttgarter Solo-Tanztheater-Festivals in der Hebelhalle Heidelberg



Nur ein einziger Beitrag aus weiblicher Feder – der allerdings bekam zwei erste Preise.


  • „Mutiko als Neska“ von Benoit Cuchot Foto © Jo Grabowski; Lars F. Menzel
  • „? ImA“ von Erika Silgoner; Gloria Ferrari Foto © Jo Grabowski; Lars F. Menzel
  • „We Do This. We Don’t Talk“ von Barnaby Booth; Samuli Emery Foto © Jo Grabowski; Lars F. Menzel
  • „Kifwebe.01“ von Miguel Mavatiko Foto © Jo Grabowski; Lars F. Menzel
  • „Separation Among Us“ von Emrecan Tanis; Jernej Bizak

Alle Jahre wieder macht die Galavorstellung des Stuttgarter Tanz-Theater-Festivals in der Heidelberger Hebelhalle Station. Und alle Jahre wieder bietet die Zusammenstellung der preisgekrönten Choreografien überraschende Einblicke in die aktuelle internationale Tanzszene. Fünf kurze Stücke gehören in diesem Jahr zur Gala, und die Männer sind dabei in der absoluten Überzahl, 4:1, wenn man so will. Aber die Arbeit zweier Powerfrauen aus Italien (Erika Silgoner: Choreografie, und Gloria Ferrari: Tanz) war der Jury gleich zwei erste Preise wert. In diesem Stück mit dem rückwärts zu lesenden Titel „? ImA“ geht es ums Ganze, um die Frage der Identität. Und da nimmt die ungemein kraftvolle Tänzerin die Zuschauer mit hoher Bühnenpräsenz und Anziehungskraft gefangen. Wenn sie zu Beginn zornig auf die Bühne stapft, erinnert sie an einen düsteren Flamenco-Star. Aber die kraftvolle Attitüde bröckelt – auch Unterdrückung und Verlust gehören zu den hier getanzten intensiven Erfahrungen des Frau-Seins.

Von Anfang bis Ende des Stuttgarter Wettbewerbs hatte das Publikum einen Favoriten: den Franzosen Benoit Cuchot mit seinem Stück „Mutiko als Neska“. Seine Auseinandersetzung mit dem Gender-Thema fasziniert, weil er seine androgyne Ausstrahlung perfekt in Szene setzt. Die Zitate aus dem Bewegungsvokabular des klassischen Balletts stellen augenfällig die zugrundeliegenden Rollenklischees der Geschlechter infrage. Um politische und künstlerische Identität geht es Miguel Mavatiko (3. Preis Choreografie) aus dem Kongo. Er schlägt in seinem Stück „Kifwebe.01“ einen verblüffenden Bogen: vom Geist des Tanzes aus seiner Heimat über die düstere Kolonialgeschichte des Landes bis hin zum Selbstverständnis schwarzer Künstler – das vom Unterhaltungsanspruch eines weißen Publikums geprägt ist.

„We Do This. We Don’t Talk“ behauptet das Stück von Barnaby Booth (Großbritannien). Tänzer Samuli Emery (Finnland) setzt seine starke körperliche und mimische Präsenz dabei so überzeugend ein, dass das Publikum ganz genau weiß, was Sache ist (2. Preis Performance). In eine ganz andere Welt entführt die Choreografie „Separation Among Us“ (2. Preis Choreografie, 3. Preis Performance und Videodance Preis). Choreograf Emrecan Tanis (Türkei) und Tänzer Jernej Bizak (Slovenien) setzen in ihrem Stück dem im Irak verschwundenen Tänzer Adil Feraj ein hoch-emotionales Denkmal.

Veröffentlicht am 21.11.2017, von Isabelle von Neumann-Cosel in Kritiken 2017/2018

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