HOMEPAGE



Hamburg

EINDEUTIG AUF DEM WEG NACH OBEN

Das Bundesjugendballett präsentiert „Im Aufschwung IX“



Alljährlich stellt das Bundesjugendballett ein eigenes Programm unter dem Motto „Im Aufschwung“ vor – jetzt bereits zum neunten Mal.


  • BJB Songbook - Emiliano Torres, Natsuka Abe Foto © Silvano Ballone
  • Pulcinella - Artem Prokopchuk, Marcello Ferreira Foto © Silvano Ballone
  • Mahl3 - Sara Ezzell, Ricardo Urbina Reyes Foto © Silvano Ballone
  • Muted - Charlotte Larzelere, Natsuka Abe Foto © Silvano Ballone
  • BJB Songbook Foto © Silvano Ballone
  • BJB Songbook Foto © Silvano Ballone

Alljährlich stellt das Bundesjugendballett ein eigenes Programm unter dem Motto „Im Aufschwung“ vor – jetzt bereits zum neunten Mal. Die Intendantin des Ernst-Deutsch-Theaters in Hamburg, Isabella Vértes-Schütter, stellt dafür ihr Haus zur Verfügung. Immer mehr stellt sich jedoch heraus, dass die relativ kleine Bühne, ausschließlich für Sprechtheater konzipiert, den Tanz zu sehr einengt. Es bleibt unverständlich, warum gerade für diesen Anlass, bei dem das Bundesjugendballett seine Vielfältigkeit unter Beweis stellen kann, nicht auf eine größere Bühne geht. Im Ernst-Deutsch-Theater wird es einfach zu eng mit dem Platz, umso mehr, als die bis zu neun Musiker mit auf der Bühne sitzen (es gibt sonst auch nirgendwo Platz für sie). Die Kampnagelfabrik wäre ideal für so ein Programm und ein wesentlich besserer Rahmen als das – bei allem Respekt vor der Großzügigkeit der Intendantin – doch etwas plüschige Ernst-Deutsch-Theater.

Wenn man von diesen äußeren Mängeln absieht, hat das Bundesjugendballett jedoch allen Grund, stolz zu sein. Der Abend ist rundum gelungen und zeigt, auf welch hohem Niveau diese achtköpfige Kompanie inzwischen tanzt. Am Anfang steht „Pulcinella“ der niederländischen Choreografin Wubkje Kuindersma zur gleichnamigen Suite von Igor Strawinsky. Ein 20-minütiges spritziges Stück über das Vogelwesen – zu Anfang rollt einer der Tänzer auf einer fahlblau ausgeleuchteten Bühne mit einem großen Ei an den Bühnenrand, während die Flötistin im langen Gewand langsam nebenher schreitend die Geburt begleitet. Es folgt ein lockerer Reigen mit und ohne Vogelmasken, fein ausgetanzt im weitgehend neoklassischen Stil, mit schönen Ensembles und intensiven Begegnungen bei den Pas de Deux.

Im fliegenden Wechsel bei offener Bühne geht es dann nahtlos über zu „Mahl3“ aus „Infinite Indentities“ derselben Choreografin. Hier stellen die wunderbare Sara Ezzell mit ihren nicht minder großartigen Partnern Artem Prokopchuk und Ricardo Urbina Reyes unter Beweis, wie stark sie schon jetzt nicht nur technisch, sondern vor allem auch im Ausdruck sind.

Danach – wiederum im fliegenden Wechsel – zwei Sequenzen aus „Muted“ von Sasha Riva. Hier sticht wiederum Artem Prokopchuk heraus, dieses Mal zusammen mit der untadeligen Charlotte Larzelere, die ebenso wie der Rest der Kompanie das Fallen und Auffangen, die ganze Dynamik dieses Stückes intensiv präsentieren.

Ein sehr besonderer Höhepunkt dann nach der Pause: „Rain Memories“ von Edvin Revazov, Erster Solist im Hamburg Ballett mit großem choreografischem Talent, zur Musik von Kellen McDaniel, der als Bratschist zum Musiker-Ensemble gehört. Das ganze Werk ist eine Auftragsarbeit für das Bundesjugendballett und wurde an diesem Abend uraufgeführt. Edvin Revazov hat hier ein kleines Meisterwerk vollbracht – voller Phantasie, aber auch voller Innigkeit, mit einem Hauch Melancholie (wie in den meisten seiner Stücke), und mit immer wieder neuen Bewegungskonstellationen. Man möchte schier versinken beim Zuschauen in diesen weit tragenden Atem, diese Konzentration und Hingabe der Tänzer. Charlotte Larzelere und Emiliano Torres meistern das allen voran auf bewundernswerte Weise.

Dann aber Schluss mit Melancholie: Mit dem fast 45-minütigen „BJB Songbook: What We Call Growing Up“ kommt Schwung und Pep in die Bude. Zehn Tage lang hatte sich das Bundesjugendballett zusammen mit den Musikern im Oberhafen für ein kreatives Retreat eingeschlossen, entstanden ist ein buntes Kaleidoskop jungen Lebens zu verschiedenen Songs aus den 1950er Jahren bis heute. Zu den Musikern gesellen sich hier noch Joycelyn Homadi-Sewor, Antonia Sobik und David Berton für die Gesang-Soli. Die Choreografien stammen hier ebenfalls fast ausschließlich aus der jungen Generation: Kristian Lever (BJB 2015-17), Marc Jubete (Solist beim Hamburg Ballett), Sasha Riva (Ballet du Grand Théâtre de Genève), Sara Ezzell (BJB), Raymond Hilbert (freier Choreograph), Greg Blackmon (Complexions Dance Company), Yuka Oishi (freie Choreographin, früher Hamburg Ballett). Tanz wird hier intelligent gemischt mit nachdenklichen Texten über unsere heutige Welt von Charlotte Larzelere, die sie selbst vorträgt.

Mit am dichtesten in dieser bunten Abfolge: „Hide and Seek“ von Marc Jubete zu Musik von Imogen Heep, ein Pas de Deux für zwei Tänzer – hier beeindruckend präsentiert von Emiliano Torres und Ricardo Urbino Reyes. Und ebenso bestechend: „Just Like A Woman/Natural Woman“ von Sasha Riva und Sara Ezzell, von ihr selbst zusammen mit Ricardo Urbina Reyes getanzt – und einmal mehr stellen die beiden hier ihre große Bühnenpräsenz unter Beweis. Zwei ganz große Talente, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf. Das Ganze endet in Tracy Chapmans mitreißendem „Talkin’ Bout A Revolution“, und natürlich ist das Publikum danach ganz aus dem Häuschen – zu Recht.

Veröffentlicht am 16.11.2017, von Annette Bopp in Homepage, Gallery, Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 2644 mal angesehen.



Kommentare zu "Eindeutig auf dem Weg nach oben"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    AKTUELLE KRITIKEN


    ERINNERUNG AN DIE ZUKUNFT

    „Junges Theater“ präsentiert mit „ROOTS“ ein Tanzstück für Teenager
    Veröffentlicht am 19.11.2018, von Herbert Henning


    NUR DIE LIEBE KANN ERLÖSEN

    Stephan Thoss zeigt in Mannheim seine Erfolgschoreografie "Blaubarts Geheimnis"
    Veröffentlicht am 18.11.2018, von Isabelle von Neumann-Cosel


    LIEBESWAHN, EIFERSUCHT, GEWALT

    Johan Ingers einfallsreich-eigenwillige "Carmen" beim Ballett Basel
    Veröffentlicht am 18.11.2018, von Marlies Strech



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    TANZ 28: NEW WAVES

    «Tanz Luzerner Theater» eröffnet die Spielzeit 18/19 am Samstag 13. Oktober um 19.30 Uhr mit dem Triple-Bill-Abend «New Waves».

    Der Abend mit der Uraufführung «Let’s Bowie!» von Georg Reischl sowie den beiden Stücken «Sortijas» und «Twenty Eight Thousand Waves» von Cayetano Sotto bildet den Auftakt zur 10-jährigen Jubiläumsspielzeit von Kathleen McNurney am LT.

    Veröffentlicht am 28.08.2018, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    EIN WÜRDIGER AUFTAKT ZUM CRANKO-FEST

    „Onegin“ beim Bayerischen Staatballett
    Veröffentlicht am 07.02.2018, von Karl-Peter Fürst


    STUMPFER GLANZ

    Auftakt der Saison 2018/2019 am Bayerischen Staatsballett
    Veröffentlicht am 29.10.2018, von Karl-Peter Fürst


    LETZTER WALZER IN STUTTGART

    Alicia Amatriain tanzte 2003 in „Lulu“ die Titelrolle – und jetzt erneut 2018
    Veröffentlicht am 18.06.2018, von Marlies Strech

    MEISTGELESEN (7 TAGE)


    VORÜBERGEHENDE NACHFOLGE VON ADOLPHE BINDER STEHT FEST

    Bettina Wagner-Bergelt und Roger Christmann kommen nach Wuppertal

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von tanznetz.de Redaktion


    RAUM, KLANG, TANZ

    Initiation der Elbphilharmonie-Foyers mit Sasha Waltz & Guests' „Figure Humaine“

    Veröffentlicht am 02.01.2017, von Annette Bopp


    GETRAGEN, GESTÜTZT, GELEITET

    Uraufführung des Pforzheimer Ballettensembles an einem ungewöhnlichen Ort

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Gastbeitrag


    HORROR IM KINDERZIMMER

    Silvana Schröders „Giselle“ am Theater Erfurt

    Veröffentlicht am 12.11.2018, von Boris Michael Gruhl


    ZWISCHEN KOMIK UND ELEGANZ

    16. Internationale Aids-Tanzgala in Regensburg

    Veröffentlicht am 13.11.2018, von Michael Scheiner



    BEI UNS IM SHOP