KRITIKEN 2017/2018



Regensburg

DIE MACHT DES BEGEHRENS

Zum 20-jährigen Jubiläum der Regensburger Tanztage gastierte Ultima Vez aus Belgien mit einer Choreografie von Wim Vandekeybus im Velodrom



Obwohl „In Spite of Wishing and Wanting“ vor fast zwei Jahrzehnten entstanden ist, verfügt es über eine radikale Aktualität.


  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner
  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner
  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner
  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner
  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner
  • „In Spite of Wishing and Wanting“ von Wim Vandekeybus Foto © Michael Scheiner

„I fly, I fly“, ich fliege, jubeln die am Boden liegenden Tänzer im Regensburger Velodrom. Heftig flattern sie mit Armen und Händen, die durch Papierblätter verlängert werden. Der Tanzboden der Bühne ist mit Federn bedeckt, von Oben regnet es ununterbrochen weiter weiße Federflocken. Aus der Bäuchlingshaltung schnellen die Männer in Shorts und Hemden, wie von Katapulten geschleudert, immer wieder hoch, hängen sekundenlang fast waagrecht in der Luft und erwecken den Anschein, als würden sie tatsächlich im nächsten Moment durchstarten und über den Zuschauerraum hinweg davonfliegen. Es ist das letzte intensive Bild der Choreografie „In Spite of Wishing and Wanting“, mit der die in Belgien beheimatete Tanzkompanie Ultima Vez von Wim Vandekeybus bei den Tanztagen Regensburg eingeladen war. Nach der Schlussszene, die wieder an den Anfang anknüpfte, gab es nur noch tosenden Applaus.

Geschaffen hat der belgische Choreograf sein spektakuläres Tanzstück für elf Männer vor knapp zwei Jahrzehnten. David Byrne, einst Frontmann der New-Wave-Band „Talking Heads“, hat dazu eine phänomenale Musik geschrieben. Jüngst hat Vandekeybus, der als Choreograf weltweit gefragt ist, das Aufsehen erregende Stück wieder aufgenommen und geht damit auf Tour. Das zeitweise ungemeine Tempo, die starke physische Präsenz der Körper, die vom Straßenanzug bis zur völligen Nacktheit alle Stadien durchlaufen, und atemberaubende Sprünge und Gruppenaktionen, die eine hohes Maß an Risiko beinhalten, geben dem Stück noch heute eine radikale Aktualität.

Es ist eine von Leidenschaft und Energie durchdrungene, berstende Erzählung „über die Instinkte der Liebe und die Macht des Begehrens“, wie Vandekeybus das Stück selbst überschrieben hat. Begleitet und gegliedert wird es von einigen Monologen und zwei Videofilmen. Einer davon eine skurrile Groteske um Macht, tyrannische Herrschaft und Rebellion, der in bester Monty-Python-Slapstick-Manier daherkommt. Die Bedeutung der monologischen Sprechszenen, die umspielt von traumverlorenen Tänzern hauptsächlich in italienisch, französisch und englisch erfolgten, erschließt sich jedoch nur bedingt. In der Auseinandersetzung um den Anspruch auf eine Vorherrschaft spielen sie eine gewichtige Rolle. Ansonsten dominiert der Tanz mit sinnlichen Bildern der Anziehung und Begierden, mit fantastischen Momenten, befreiend komischen Einfällen und aufwühlenden Eindrücken von heftigen Angstausbrüchen oder drastischem Dominanzgehabe. Ein großartiges Erlebnis zum 20-jährigen Bestehen der Regensburger Tanztage.


Mit freundlicher Genehmigung der Zeitung Passauer Neue Presse.

Veröffentlicht am 14.11.2017, von Michael Scheiner in Kritiken 2017/2018

Dieser Artikel wurde 3212 mal angesehen.



Kommentare zu "Die Macht des Begehrens"



    Bitte melden Sie sich an, um diesen Beitrag kommentieren zu können: Login | Registrierung



     

    LETZTE BEITRÄGE 'TANZ IM TEXT'


    BALLETT IM HOMEOFFICE

    Wenn Tänzer*innen zuhause trainieren müssen
    Veröffentlicht am 02.04.2020, von tanznetz.de Redaktion


    DIE LETZTE BASTION FÄLLT

    Nun stellt auch das Bayerische Staatsballett den Probenbetrieb ein
    Veröffentlicht am 02.04.2020, von tanznetz.de Redaktion


    ZAHLREICHE THEATER REAGIEREN AUF HILFERUFE

    Statt Kostüme werden nun Gesichtsmasken genäht
    Veröffentlicht am 30.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    AKTUELLE VORANKÜNDIGUNG



    SNOW WHITE

    SCHNEEWITTCHEN ALS INFLUENCERIN

    Mit Fredrik RydmansSnow White feiert eine zeitgemäße Neu-Interpretation des Klassikers ihre Deutschlandpremiere im Deutschen Theater München und zeigt ein schonungsloses Porträt der heutigen Zeit: Unser Kampf gegen das Altern, gegen Einsamkeit, gegen die Sucht nach Bestätigung – Snow White, eine Instagram-Ikone, hält uns den Spiegel des digitalen Zeitalters vor.

    Veröffentlicht am 02.12.2019, von Anzeige

    LETZTE KOMMENTARE


    VORWÜRFE GEGEN TANZAUSBILDUNG

    Verdacht auf Missstände an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 25.01.2020, von tanznetz.de Redaktion


    KONSEQUENZEN IN BERLIN

    Gregor Seyffert und Ralf Stabel freigestellt
    Veröffentlicht am 18.02.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CLEARINGSTELLE FÜR BERLIN

    Neues zu den Vorwürfen an der Staatlichen Ballettschule Berlin
    Veröffentlicht am 30.01.2020, von tanznetz.de Redaktion

    MEISTGELESEN (30 TAGE)


    DER TANZ LEBT WEITER – TROTZ CORONA

    Die digitale Tanzwelt erblüht

    Veröffentlicht am 20.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    SCHRITT FÜR SCHRITT

    Buchneuerscheinung: „Entwicklungsförderung durch Bewegung und Tanz"

    Veröffentlicht am 02.03.2020, von Sabine Kippenberg


    KULTUR IST SYSTEMRELEVANT

    Wir aktualisieren täglich: Soforthilfe für Künstler*innen in Corona-Krise

    Veröffentlicht am 21.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA-VIRUS IN DEUTSCHLAND

    Viele Theater bleiben geschlossen

    Veröffentlicht am 10.03.2020, von tanznetz.de Redaktion


    CORONA IN DER KULTURBRANCHE

    Notfallfonds für Künstler*innen gefordert

    Veröffentlicht am 12.03.2020, von tanznetz.de Redaktion



    BEI UNS IM SHOP